"Schwanensee", ein Ballettraum in weiß - nein mehr als das: der Inbegriff des Klassischen Balletts schlechthin.
Tschaikowskys Meisterwerk hat seit knapp 120 Jahren Generationen von Choreografen und Regisseuren herausgefordert und inspiriert. Bis heute ist die Faszination dieser Ballettmusik ungebrochen.
Es sind die klassischen Märchenmotive von ewiger Liebe und Treue, denen die Geschichte der unglücklich verzauberten Prinzessin und ihrer Erlösung folgt:
Prinzessin Odette, die von Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt worden ist, bezaubert Prinz Siegfried mit ihrer Anmut und er schwört ihr ewige Liebe. Ein Schwur, den der verliebte Prinz selbst bricht, getäuscht vom hinterhältige Rotbart, der dem Prinzen sein Geschöpf Odile zuführt. Sie ist das negative Spiegelbild der weißen Schwanenprinzessin, der verführerische schwarze Schwan. Siegfried, schon bald den Umgarnungskünsten der schwarzen Schwanenfrau verfallen, schwört auch ihr ewige Liebe und stürzt damit Odette in die weitere Verbannung. Als Siegfried seine Täuschung erkennt, ist er verzweifelt. Zwar treffen sich die Liebenden wieder am See und Siegfried kann Odette um Verzeihung bitten, doch dann schickt der Zauberer eine große Welle, um alle zu verschlingen.....
Nun hat ein schwedischer Tänzer und Choreograph seine eigene Version der Geschichte um Liebe und Vertrauen, Täuschung und Betrug, Neid und Abhängigkeit inszeniert. Fredrik Rydman verlegt die Handlung ins wenig romantische Jetzt eines Halbwelt-Millieus.
"Ich kann mich noch genau daran erinnern, wo mir die Idee zu Swan Lake kam: In London vor dem Schaufenster eines Vintage-Geschäftes. Dort waren einige Pelze ausgestellt, die aussahen wie Schwäne. Oft werden ja Schwäne als Symbol für Prostituierte verwendet, und ich fragte mich, ob das hier beabsichtigt war. Und nach und nach wurden mir die Parallelen klar: Drogenabhängigkeit und Prostitution gehen oft einher und Drogen sind ja ganz deutlich der Zauber, mit dessen Hilfe Rotbart die Mädchen in Schwäne verwandelt und unter seinen Bann stellt. Das war im Sommer 2009".
Rydman, Jahrgang 74 und professioneller Tänzer in Stockholm war ab da mit dem Schwanensee-Virus infiziert - eine Art künstlerische Schwangerschaft die ausgetragen werden wollte:
"Über zwei Jahre trug ich diese Show in meinem Kopf herum – beim Radfahren, in der Badewanne, am Mittagstisch, einfach überall. Und ständig fügte ich neue Ideen hinzu. Wie ein alter Freund, der plötzlich unerwartet auftaucht, kamen mir in den abwegigsten Situationen Einfälle zu meinem Projekt in den Sinn."
In seiner Inszenierung überführt Rydman den klassischen Stoff in ein Stück visionäres Tanztheater am Puls der Zeit.
Die Aktualisierung der Handlung geschieht auch auf musikalischer Ebene. Neue Songs werden eingefügt, die klassischen Orchesterversionen zum Teil mit Beats und Samples unterlegt.
Darüber hinaus ist es Fredrik Rydman gelungen, die technisch und akrobatisch hochanspruchsvollen Choreografien einer Streetdance-Show in sein künstlerisches und erzählerisches Konzept einzubinden. Hochkultur und Entertainment verschmelzen hier zu einem beeindruckenden audiovisuellen Gesamtkunstwerk: Swan Lake Reloaded.
Die Show feierte im Dezember 2011 in Stockholm Premiere und wurde von Kritikern und Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Innerhalb kürzester Zeit war die komplette Spielzeit mit über 40.000 Tickets restlos ausverkauft.
Nun kommt die Originalinszenierung auch nach Deutschland.