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Ein alter Mercedes als Kunstobjekt (Bild: Courtesy Eric van Hove)
Ein alter Mercedes als Kunstobjekt

Von der Transformation der Dinge

Der Konzeptkünstler Eric van Hove im Frankfurter Kunstverein

Er baut einen alten Mercedes V12-Automotor aus Zedernholz, Silber, Kupfer, Kuhknochen und Porzellan nach – gemeinsam mit über 50 hochspezialisierten marokkanischen Handwerkern und Mechanikern, mit Hilfe von traditionellen Kulturtechniken, die es so nur in Marokko gibt.
 

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17.11.2016, 22:45 Uhr
Video: Der Konzeptkünstler Eric van Hove im Frankfurter Kunstverein 6:02 Min
(© hr | hauptsache kultur, 17.11.2016)

Information

Eric van Hove: "Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge"

bis 12. Februar 2017
Frankfurter Kunstverein
Eric van Hove stellt einen alten Mercedes, der aus zig ausrangierten Autoteilen zusammengeflickt ist, ins Museum und fertigt nur in Handarbeit aus recyceltem Material Elektromotorräder, mit denen man tatsächlich durch die Gegend fahren kann. Was soll das? Und was hat das mit uns zu tun? Was sucht das Auto in einer Kunstausstellung? Funktionieren diese Motoren? Und warum ist ein Roller vielleicht die Zukunft der Mobilität? Ganz schön irritierend: Der Frankfurter Kunstverein ist zur Werkstatt geworden.

Die Konzeptkunst von Eric van Hove erscheint auf den ersten Blick durchaus rätselhaft, aber genau um diese Fragen geht es dem in Algerien geborenen Künstler belgischer Abstammung, der sich heute als "Weltbürger" bezeichnet. Er will uns zum Nachdenken bringen, darüber, wie globale westliche Wirtschaft und lokale Produktion in Afrika, wie Handwerk und industrielle Fertigung zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.
Der Künstler will einen neuen, kritischen Blick schaffen für globale Wertschöpfungsketten, indem er Maschinenbau, Handwerk und Design zusammenbringt, um zu zeigen, wie sich daraus neue Möglichkeiten weltweiter Zusammenarbeit entwickeln.
 

"Symbol deutscher Wertarbeit und Industrialisierung"

Besuch im Kunstverein. Van Hove ist da. Was hat er sich dabei gedacht? Zum Beispiel bei diesem alten Mercedes? "Im Prinzip habe gar nicht ich das Auto ausgesucht", erklärt Eric van Hove, "sondern die Menschen in Marokko, wo ich lebe. Weil sie es importiert haben – und deutsche Autos für die beste Sache der Welt halten! Seit vielen Generationen."

Aha, da sind die alten Autos gelandet, die wir ausrangiert haben - in Marokko. Sie werden dort als Taxis benutzt: "Es ist ein Relikt des 20. Jahrhunderts, das Symbol deutscher Wertarbeit und Industrialisierung", sagt der Künstler. "Und die Marokkaner haben es komplett vereinnahmt. Manche Mechaniker dort wissen besser, wie man diesen Mercedes repariert, als irgendjemand in Deutschland."
 

Langer Weg zurück

Das Interessante ist: Dieses deutsche Original kommt nach Deutschland zurück als echter Marokkaner. Nichts ist marokkanischer als dieses Auto! Es bildet die Brücke zwischen Deutschland und Marokko. Diese "Brücke" ist ungefähr 4.000 Kilometer lang. So weit sind Eric und sein Team gefahren, von Marrakesch nach Frankfurt - in diesem Auto! "Ich hab mich gefragt", so van Hove, "ob ich jemals wieder aus diesem Auto rauskomme. Alles klappert, man denkt, man fährt Höchstgeschwindigkeit, dabei ist man gar nicht so schnell."

Immer weiter nach Norden – wie viele, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind: "Von außen sieht man nur: ein arabisches Auto mit einem arabischen Kennzeichen, voll gepackt mit Leuten", so van Hove. "In Spanien hat uns dann die Polizei angehalten und mit vorgehaltener Waffe unsere Pässe verlangt. Ich kann das verstehen – wahrscheinlich hatten sie sogar mehr Angst als wir."
 

Holz statt Blech

Dann ist der Mercedes aber doch noch sicher hier gelandet, im Frankfurter Kunstverein. Per Kran durchs Fenster: "Dieses Auto hat eine gewaltige Geschichte! Und: es ist ja eigentlich 'zehn Autos' – in einem", so van Hove.

Aber was ist mit der Werkstatt? Auch Kunst? Oder was passiert hier? "Wir haben schon genug Metall am Motorrad, ich möchte das Schutzblech lieber aus Holz haben! Und Abdelkhader ist ein echter Meister mit Holz! Mal sehen, wie wir das hinkriegen", sagt der Künstler.

Sie arbeiten an einem Prototypen: ein Motorrad mit Elektromotor. Alles ist Handarbeit: "Er muss nur am Holz lecken, dann weiß er schon, welche Art es ist", lobt van Hove den marokkanischen Holzfachmann. Abdelkhader ist Kunsthandwerker – so wie fast alle hier. Sie geben Erics Ideen eine Form – normaler Weise in seinem Atelier in Marrakesch.
 

Sinnvolle Kunsthandwerker-Arbeit

Aus einem Stück Holz soll ein Schutzblech fürs Motorrad werden - ob das klappt? So ist wahrscheinlich auch dieser seltsame Motor entstanden. Funktioniert der? "Witzig, viele fragen das", schmunzelt van Hove. "Natürlich funktioniert der nicht."

Wieder ein Mercedes: der maßstabsgetreue Nachbau eines dicken V12-Motors. Aber wozu, wenn er gar nicht läuft? "Ich wollte die Marokkaner stolz machen auf das, was sie können", erläutert van Hove sein Konzept. "Es gibt drei Millionen Kunsthandwerker in Marokko; 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung! Und sie haben keine Ahnung, was sie mit sich anfangen sollen – außer Deko-Zeug für Touristen zu machen. Alles hier kommt aus Marokko – die Materialien, die Ästhetik, die traditionellen Motive."
 

"Hier bin ich Teil einer größeren Idee"

Und das weiße Plastik hier überall? "Nein, das sind Knochen von Kamelen und Kühen", so van Hove. Aber was hat das alles mit diesem seltsamen Ausstellungstitel zu tun? "'Achillihtallah' ist eine Redensart in Marokko. Es heißt: 'Das ist, was Gott uns gab.' Machen wir was draus!"

Hier stehen die Namen, von allen, die das gemacht haben – über 50. Kunst eines Kollektivs! Abdelkhader genießt die Millimeterarbeit: "Ich arbeite viel lieber mit Eric als Souvenirs anzufertigen", sagt er. "Hier bin ich Teil einer größeren Idee. Und was ich mache, ist von hoher Qualität."
 

Übergang zur Serienproduktion

Auch der Roller ist marokkanische Handarbeit. Doch der fährt tatsächlich. Mit Elektromotor und Solarenergie. Hier wird Kunst zum Gesellschafts-Projekt. Denn Eric van Hove will den Roller bald in Serie produzieren. In Marokko.

Es gibt schon einen nächsten Prototyp. Inzwischen ist auch das Schutzblech aus Holz fertig – zumindest grob: "Wie du magst. Ich kann daraus einen Fisch schnitzen – oder einen Tiger", sagt Abdelkhader.

Eric van Hoves Objekte erzählen Geschichten: Wie alles zusammen hängt. Vom Großen im Kleinen. Gut, dass sie hier sind!

Bericht: Tanja Küchle
 

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Redaktion: nb / juvo
Letzte Aktualisierung: 18.11.2016, 14:06 Uhr
 
 

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