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Antje Herdens phantastische Kinderwelten

Kinderbuchautorin Antje Herden (Bild: Melanie Taylor/hessenschau.de )
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Kinderbuchautorin Antje Herden
Das Schöne am Schreiben sei, dass sie in ihren Geschichten die Welt retten kann, sagt die Darmstädterin Antje Herden. Nicht nur die reale, sondern auch die Paralleluniversen und magischen Orte, in die sie ihre jungen Leser entführt.
 

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19.01.2017, 22:45 Uhr
Video: Antje Herdens phantastische Kinderwelten 5:49 Min
(© hr | hauptsache kultur, 19.01.2017)
Antje Herden schreibt Kinderbücher für Mädchen und Jungen ab zehn Jahren. Im Mittelpunkt stehen dabei immer unerwartete Helden: Außenseiter oder Kinder, die oft ein bisschen anders sind als die meisten, plötzlich aber in Abenteuer geraten, in denen sie zeigen können, was in ihnen steckt und aus denen sie gestärkt hervorgehen. Und vielleicht auch die kleinen Leser!

Ja, es sind schon Mutmachgeschichten über Freundschaft und Zusammenhalt, die Antje Herden schreibt, und das kommt gut an. Mittlerweile hat sie acht Kinderbücher veröffentlicht, mit Titeln wie "Anton und Marlene und die wahrscheinlichen Unwahrscheinlichkeiten", in denen es oft um Probleme geht, mit denen sich Kinder identifizieren können. Überforderung in der Schule etwa oder Eltern, die wegen ihres Berufs wenig Zeit haben. Ihre Geschichten sollen nah an der Lebenswirklichkeit der jungen Teenager sein – aber immer auch um ein paar phantastische Geschehnisse bereichert, wie sie sich jedes Kind gerne ausmalt, um die Welt ein bisschen schöner und gerechter zu machen.
 

Die Welt retten

Information

 (Bild: Verlag)

Antje Herden: Anton und Marlene und die wahrhaftigen Wahrheiten

240 Seiten, € 9,99
Fischer KJB
September 2016
ISBN 978-3737352376
Ab 10 Jahren

"Ich würde Kindern gerne Mut machen", sagt die Darmstädter Autorin. "Ich würde Kindern gerne sagen: Egal wo ihr herkommt, egal was euch interessiert, ihr seid immer prädestiniert dafür, ein Abenteuer zu erleben oder auch, die Welt zu retten."

Den Blick eines Kindes auf die Welt hat sich Antje Herden bewahrt. Sie schreibt Romane - für Mädchen und Jungen ab zehn Jahren. Mittlerweile sind acht Kinderbücher erschienen. Ihr erfolgreichstes: "Letzten Donnerstag habe ich die Welt gerettet", ausgezeichnet von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Die Welt retten – darum geht es immer in den Geschichten der 45-Jährigen: "Ich fühle mich in meinem Alltag nicht so richtig in der Lage, die Welt zu retten als Antje Herden, aber dann habe ich Kurt und Sandro und ich habe Anton und Marlene und Julia und Paul und die retten dann die Welt für mich, so wie ich sie gerne retten würde."
 

"Ganz viele fühlen sich einsam"

Ihre Hauptfiguren sind keine klassischen Helden: Es sind oft Außenseiter, Kinder, die in der Schule gehänselt werden. Das Gefühl kennt Antje Herden gut – aus ihrer eigenen Kindheit in Magdeburg: "Ich habe unglaublich wenig Freunde gehabt, weil ich so viel gelesen habe. Und ich habe das als sehr traurig in Erinnerung. Und mir ist das, glaube ich, ein ganz wichtiges Thema, dass wenn man sich so besonders und einsam auch manchmal fühlt, dass es eben ganz viele sind, die so sind und sich so fühlen. Weil ich das eben kenne."
 

"Hier leben blaue Menschenwesen"

Um Kinder mit ihren Romanen zu erreichen, beginnt sie die Geschichten immer in der Realität. Die Darmstädterin beschreibt Alltagssituationen, in die plötzlich das Phantastische eindringt. So wie in ihrem neuesten Buch, mit dem sie gerade auf Lese-Tour ist: Die beiden Freunde Anton und Marlene gelangen darin in ein "Paralleluniversum der Unwahrscheinlichkeiten".

"Hier leben blaue Menschenwesen, die sich telepathisch unterhalten und die in unseren Dimensionen Wackelpudding-Quader sind. Marlene, das ist der absolute Wahnsinn", heißt es im Buch.

Spannende Abenteuergeschichten, die mag Antje Herden. Gerne auch mit Grusel, aber dann muss wieder gelacht werden. Etwa, als Anton den Wackelpudding-Wesen erklären muss, was ein Klo ist: "Na, ein Klo! Die Toilette, das WC, der Lokus, der Abort, das Klosett, die Bedürfnisanstalt, das stille Örtchen", sagt er im Buch.

"Kinder sind nicht unfertige Erwachsene. Also wer so denkt, der kann Kinder nicht erreichen. Kinder haben ihren eigenen Humor und da kann ich auch voll danebensemmeln", erzählt die Autorin.
 

"Gemeinsamkeiten zwischen Modeln und Schreiben"

Für jedes verkaufte Buch bekommt sie weniger als einen Euro. Zu wenig, um davon leben zu können. Deshalb macht sie Lesungen in ganz Deutschland, rund 100 Stück pro Jahr. Das ständige Reisen kennt sie von ihrem früheren Leben – als Foto-Model.

Mit 15 Jahren wurde sie in Darmstadt von einem Model-Scout entdeckt. Sie ging auf Shootings ins Ausland, lebte eine Zeit lang in den USA und Spanien: "Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Modeln und Schreiben", sagt sie. "Man erzählt Geschichten. Also als Model erzähle ich auch eine Geschichte, allerdings nicht meine Geschichte, sondern eine, die mir gesagt wurde, die ich zu erzählen habe. Als Autorin erzähle ich meine eigenen Geschichten, das ist schöner."
 

Start bei der Dichterschlacht

Denn in ihnen kann sie die Welt zum Guten wenden. Ihre ersten Texte trug sie in der Centralstation vor. Hier findet Darmstadts größter Poetry Slam statt, die "Dichterschlacht". 2003 trat sie erstmals auf, mit ungeheuer ehrlichen Texten aus ihrem Leben - auf Video festgehalten. Da sagt sie auf der Bühne: "Ich antworte: Darf ich noch dein Freund sein, wenn ich mich ein ganz kleines bisschen in dich verliebt habe? Und ich weiß nicht, warum ich alles noch schlimmer machen muss und hinterherschicke: Dann könntest du dich in meiner Bewunderung sonnen, was wegen nahendem kalten Winters doch ganz nett wäre." Das Publikum lacht.
 

"Was Dieter kann, das kann ich auch"

Sich selbst nicht so ernst nehmen, das können auch die Figuren in Antje Herdens Kinderbüchern. Aber wie kam die Slammerin damals dazu, Geschichten für Kinder zu schreiben? "Meine Eltern fanden es ja am Anfang nicht besonders toll, dass ich geschrieben habe", erinnert sie sich. "Hatten aber einen Nachbarn, Dieter, der ebenfalls schrieb und von dem sie mir sehr oft vorschwärmten. Diese Diskrepanz gefiel mir nicht und ich mochte Dieter nicht, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Und eines Tages erzählte mir mein Vater, dass Dieter bei einem Kinderbuchwettbewerb mitmachen würde. Und da dachte ich: Verdammt, was Dieter kann, das kann ich auch."

Den Preis gewann sie nicht, aber das Buch wurde 2010 veröffentlicht. Seitdem hat Antje Herden den Schabernack-Bazillus geschluckt. Wie Pippi Langstrumpf, ihr großes Idol.
 

"Buch muss wieder cool werden"

Gerade sitzt sie an einer neuen Reihe. Jedes Buch widmet sie ihren zwei Kindern. Lesen die denn gerne? "Meine Tochter liest", sagt sie. "Mein Sohn liest nur im Urlaub. Der liest dann zwar 6000 Seiten, aber nur im Urlaub. Es muss alles weg sein. Es darf kein Internet-Empfang sein, es darf kein Fernseher sein."

Sich nicht ablenken lassen. Konzentriert ein Buch lesen. Das fällt in der schnelllebigen Welt vielen Kindern schwer. Antje Herden versucht sie wieder für Geschichten zu begeistern, ihre eigene Liebe zu Büchern auf die jungen Leser zu übertragen.

Das gelingt ihr bei den Lesungen. Wie aber kann man insgesamt wieder mehr Kinder mit Büchern packen? Herden ist optimistisch: "Ich glaube daran, dass Kinder mehr lesen werden, wenn der nächste Harry Potter kommt. Also es braucht die nächste Bewegung, ja, dass Kinder wieder zum Buch kommen. Buch muss wieder cool werden. Ich meine, ich gebe alles."

Vielleicht kann sie mit ihren Büchern nicht die ganze Welt retten, aber für ihre jungen Leser macht sie sie auf jeden Fall ein bisschen phantastischer.

Bericht: Simon Broll
 

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Redaktion: nb
Bild: © Melanie Taylor/hessenschau.de
Letzte Aktualisierung: 6.02.2017, 9:49 Uhr
 
 

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Sendezeit

Donnerstag, 22:45 Uhr

Wiederholungen:
Freitag, 23.06.2017, 02:55 Uhr
Sonntag, 25.06.2017, 09:20 Uhr

Nächste Sendung

Unsere nächste Sendung ist erst wieder nach unserer Sommerpause am Donnerstag, 28.09.2017, 22:45 Uhr!
 

Redaktion

Redaktion:
Tom Klecker
Dorothee Ott

Moderation:
Cécile Schortmann

Bei Nachfragen wenden Sie sich bitte an:

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