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Biosiegel (Bild:  picture-alliance/dpa)

Sendung vom 14. Juni 2017

Bio boomt!

Mittwoch, 14. Juni 2017, 18:50 Uhr
Langsam hat sich der Trend durchgesetzt: Bio. Bio-Produkte sollen ja bekanntlich "besser" sein. "Service: trends" untersucht, was wirklich hinter den Produkten steckt, die nun auch in den Discounter angekommen sind.
 
Video: Bio boomt! 24:49 Min
(© hr | service: trends, 14.06.2017)

Information

Unser Gast im Studio

Wiebke Franz
Verbraucherzentrale / Beratungszentrum Frankfurt
Große Friedberger Straße 13-17
60313 Frankfurt am Main
Telefon: 069 972010 900
E-Mail: frankfurt@verbraucher.de
Internet: www.verbraucher.de

Blühende Landschaften, gesunde Pflanzen, glückliche Tiere: Der Bio-Boom ist auch bei den Discountern angekommen. Doch wie gut sind die günstigen Bio-Lebensmittel und woher kommen sie überhaupt? Wir machen uns auf die Suche nach der Herkunft. Außerdem interessiert uns, ob die Tiere für Bio-Eier, Milch und Fleisch wirklich artgerecht gehalten werden und ob Qualität und Preis stimmen. Worauf Sie als Verbraucher beim Bio-Einkauf achten sollten und mit welchen Tricks die Hersteller arbeiten, klären wir im Gespräch mit unserer Lebensmittelexpertin, Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen.
 

Bio-Mythen

Video: Bio-Mythen 5:03 Min
(© hr | service: trends, 14.06.2017)
"Bio" klingt nach frischen, gesunden und regionalen Lebensmitteln, glücklichen Tieren aus artgerechter Tierhaltung und nebenbei wird auch noch die Umwelt geschützt. Doch Bio ist nicht gleich Bio. Manchmal sind konventionelle Produkte sogar umweltfreundlicher und nachhaltiger. Aber Bio-Ware lässt sich dank des Bio-Booms besser und teurer verkaufen, begünstigt auch durch die vielen Mythen, die es um Bio-Lebensmittel gibt:

1. Wo Bio draufsteht, muss Bio drin sein!
Seit 1993 sind Begriffe wie "Öko", "Bio", "biologisch", "ökologisch" oder "aus kontrolliert ökologischem/biologischem Anbau" geschützt. Diese Bezeichnungen lassen zuverlässig auf ökologischen Ursprung schließen. Daneben gibt es eine Reihe von ähnlich lautenden Formulierungen auf konventionellen Produkten, die den Eindruck erwecken, es handle sich um Bio-Ware. Bezeichnungen wie "naturnah", "alternativ", "aus kontrolliertem Anbau" sind keine Garantie für Öko-Qualität und leider gibt es auch im Bio-Segment Etikettenschwindel.

Die Verbraucherzentralen decken immer wieder dreiste Täuschungsversuche auf. So werden einfach Fantasie-Bio-Siegel aufgedruckt, massiv mit Natur-Fotos manipuliert oder mit Bezeichnungen wie beispielsweise "Bio-Qualität" gearbeitet. Das Produkt selbst ist weit entfernt von echten Bio-Lebensmitteln. Nur hinter den echten Siegeln steckt wirklich Bio-Qualität. Solche Verstöße werden dann auf der Internetseite der Verbraucherzentralen veröffentlicht: www.lebensmittelklarheit.de

2. Bio-Gemüse ist unbehandelt!
Zwar wird beim biologischen Anbau auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet, aber gegen Pilze wird beispielsweise Kupfer eingesetzt, sonst wären die Ernteausfälle zu groß und der Anbau nicht mehr rentabel. Besonders Obst und Weinanbau sind hiervon betroffen. Kupfer ist ein Schwermetall, das sich in der Leber ablagert und Migräne, Depressionen und Stoffwechselstörungen hervorrufen. Außerdem belastet Kupfer die Böden und sickert ins Grundwasser.

3. Bio-Lebensmittel sind regional!
Das stimmt nur, wenn es sich um saisonale Produkte handelt. Da viele Verbraucher aber das ganze Jahr über bestimmte Gemüse- und Obstsorten konsumieren wollen, müssen diese aus dem Ausland importiert werden. Ein Hauptanbaugebiet von Bio-Tomaten, -Gurken und -Möhren ist Andalusien (Spanien), wo riesige Gewächshäuser stehen, die bewässert werden müssen. Der Grundwasserspiegel der Gegend ist im vergangenen Jahrzehnt gesunken, Brunnen trocken aus und Meerwasser gelangt in die obere Bodenschicht und versalzt sie. Ein ökologischer Raubbau für Billig-Bio-Produkte, die den Idealen der Ökonahrung von blühenden Landschaften, glücklichen Tieren und gesunden Pflanzen widerspricht.

Bio war der Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft. Gute Nahrung aus ökologisch kontrolliertem Anbau, ohne chemischen Pflanzenschutz, ohne Kunstdünger, aus artgerechter Tierhaltung. Klasse statt Masse. Doch diese Grenzen verschwimmen angesichts der Bio-Massenproduktion in den Exportländern, die die Umwelt zerstört und dem Klima schadet. Auch hierzulande steigen die CO2-Emissionen durch die langen Transportwege und den Einsatz von Frachtflugzeugen und Schiffen. Nur wer saisonal und regional einkauft, unterstützt aktiv den Klimaschutz.

4. Bio-Lebensmittel kommen direkt vom Bauernhof!
Das trifft nur auf etwa 6,5 Prozent der hierzulande verkauften Bio-Lebensmittel zu. Denn das Ökoangebot aus Deutschland kann die riesige Nachfrage - vor allem nach Billig-Bio - nicht decken, da zu wenige Bauern Bio anbauen. Die meisten Bio-Lebensmittel werden daher aus dem Ausland importiert und hier hat sich eine industrielle Produktion von Bio-Lebensmitteln als besonders rentabel etabliert. Erntehelfer aus Afrika arbeiten als Tagelöhner für Niedriglöhne und ohne soziale Absicherungen auf den Öko-Farmen. Da die EU-Ökoverordnung nur Mindeststandards vorgibt, sind diese Produktions- und Arbeitsbedingungen erlaubt. Nur Verbände wie Demeter, Bioland oder Naturland erfüllen freiwillig höhere Anforderungen. Hier stehen hinter den Produkten auch wirklich noch landwirtschaftliche Betriebe.

5. Bio-Fleisch kommt von Tieren, die artgerecht gehalten werden!
Auch hier muss der Verbraucher genau auf die Siegel achten. Das EU-Bio-Siegel schreibt nämlich wieder „nur“ Mindestanforderung vor. So regelt es zum Beispiel keine Bestandsobergrenze in der Tierhaltung. Dadurch haben die Tiere oft nur geringfügig mehr Platz als in der konventionellen Haltung und leben oft ausschließlich in Ställen und Käfigen. Kälber dürfen bei EU-Bio auf Antrag weiter enthornt und Schwänze von Ferkeln fallweise kupiert werden.

6. Bio-Lebensmittel enthalten keine Zusatzstoffe!
Lediglich 95 Prozent der Zutaten müssen aus Ökolandbau stammen. Gentechnisch verändertes Material ist in Kleinstmengen erlaubt, ebenso wie Antibiotika in Ausnahmefällen. Von 316 Zusatzstoffen sind 53 weiter zugelassen, etwa das umstrittene Nitritpökelsalz, das Wurst so appetitlich rosa färbt. Nitrit steht im Verdacht krebserregend zu sein. Auch problematische Substanzen, wie Carragen (E407), sind erlaubt. Das Mittel verdickt die Lebensmittel, denen es zugesetzt wird. Es wird häufig verwendet, um zu verhindern, dass sich beispielsweise bei Milchprodukten Rahm absetzt. Die Substanz wird aus Rotalgen gewonnen und führt im Tierversuch zu Geschwüren und Veränderungen im Immunsystem. Und nicht selten wird Bio-Gemüse im Supermarkt - wenig nachhaltig - in Plastik verpackt verkauft. Das soll vor Kontakt mit gespritzter Ware schützen.

7. Bio kann gut und billig sein!
Die meisten Discounter bieten mittlerweile ein breites Sortiment an Bio-Produkten, die allesamt mindestens das EU-Bio-Siegel tragen, an. Dabei handelt es sich zumeist um industriell hergestellte Ware. Es dürfen keine chemisch-synthetischen Pestizide und leicht löslichen Mineraldünger eingesetzt worden sein und die Mindeststandards bei der Tierhaltung müssen eingehalten werden. Außerdem müssen die Zutaten für diese Bio-Produkte zu 95 Prozent aus ökologischem Anbau stammen.

Die Dumpingpreise beim Discounter sind nur durch die großen Mengen an Ware und die damit verbundenen Rabatte möglich, die die Hersteller ihrer Kundschaft gewähren. Die Ware wird häufig aus dem Ausland bezogen, wo sie günstiger hergestellt werden kann. Dieser Bio-Großhandel führt unweigerlich zu einem Preisverfall der heimischen Bio-Ware und setzt einheimische Produzenten unter Druck.

8. Bio ist gesund! Im Internet werben Discounter wie Aldi Süd mit dem "unverfälscht guten Geschmack". Aber was den Verkauf ankurbeln und höhere Preise rechtfertigen soll, ist wissenschaftlich kaum haltbar. Biologisch hergestellte Lebensmittel sind für die Gesundheit nicht besser als konventionelle, urteilten die Tester von Stiftung Warentest. Die Qualität ist mit der herkömmlichen Ware vergleichbar. Ähnlich schätzen das Wissenschaftler der amerikanischen Elite-Universität Stanford ein. Sie haben mehr als 220 Lebensmittelstudien zur Qualität ausgewertet, ihr Fazit ist ernüchternd: Es fehle "der überzeugende Beweis", dass Ökoprodukte nahrhafter seien. Tatsächlich soll Bio vorrangig Böden und Gewässer schützen und Tiere schonen. Prozesse stehen daher primär im Fokus und erst an zweiter Stelle die Produkte.

9. Bio kommt ohne Antibiotika aus!
Verletzte oder kranke Tiere auf Bio-Höfen werden meistens mit natürlichen oder homöopathischen Präparaten behandelt. Doch wenn das nicht hilft, sind Antibiotika nicht generell verboten. Es gelten dann aber strenge Richtlinien. Die Verwendung des Medikaments muss dokumentiert werden und die betroffenen Tiere dürfen erst später zum Schlachter. Bekommt das gleiche Tier wiederholt Antibiotika, verliert es den Status "Bio-Tier" und kann dann nur noch als konventionelles Fleisch gehandelt werden.
 

Woher kommt die Bio-Ware vom Discounter?

Video: Woher kommt die Bio-Ware vom Discounter? 4:13 Min
(© hr | service: trends, 14.06.2017)
Mehr als 100 verschiedene Bio-Zeichen können auf ökologisch erzeugten Lebensmitteln abgebildet sein. Auf den Bio-Lebensmitteln der Discounter finden sich meist eigene Bio-Siegel und das EU-Bio-Siegel. Die eigenen Siegel dienen allenfalls der Orientierung der Kundschaft, sind aber nicht gesetzlichen Regelungen und Kontrollen unterworfen. Anders verhält es sich mit dem EU-Bio-Siegel:

Seit 01.07.2012 müssen europaweit alle verpackten Bio-Lebensmittel das EU-Bio-Logo tragen. Unterhalb des EU-Bio-Logos muss zunächst der Code der Öko-Kontrollstelle angegeben werden. Für Deutschland lautet die europaweit einheitliche Kennzeichnung der Kontrollstelle DE-ÖKO-000. Dabei steht "DE" für Deutschland, "ÖKO" für ökologisch und die drei Ziffern sind Platzhalter für die Nummer der Öko-Kontrollstelle. Unter der Codenummer folgen Herkunftsangaben der Zutaten. Lebensmittel, die dieses Siegel tragen, müssen die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung erfüllen und einen Mindeststandard für Biolebensmittel erfüllen. So müssen beispielsweise die Zutaten zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft stammen. Die Angabe über die Herkunftsländer der Rohstoffe ist ebenfalls Pflicht. Stammen alle Rohstoffe aus demselben Land, kann der Name dieses Landes angegeben werden. Andernfalls werden folgende Angaben unterschieden:

  • "EU-Landwirtschaft", wenn die landwirtschaftlichen Rohstoffe in der Europäischen Union erzeugt wurden,
  • "Nicht-EU-Landwirtschaft", wenn sie in Drittländern erzeugt wurden und
  • "EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft", wenn sie zum Teil in der Europäischen Union und zum Teil in einem Drittland erzeugt wurden.

Zutaten in kleinen Mengen, bis insgesamt zwei Prozent, müssen bei der Herkunftsangabe nicht berücksichtigt werden. Die Aussagekraft der Herkunftsangaben "EU" bzw. "Nicht-EU" ist sehr gering. Vor allem die Kennzeichnung. "EU-/Nicht-EU-Landwirtschaft" ist nicht hilfreich, wenn man als Verbraucher auf die Herkunft von Produkten Wert legt.

Ein weiterer Kritikpunkt vieler Experten ist, dass es beim EU-Bio-Siegel möglich ist, nur einen Teil des jeweiligen Betriebs auf ökologische Landwirtschaft umzustellen. Dadurch werden behördliche Kontrollen schwierig, denn wenn in einem Betrieb beispielsweise Pestizide gefunden werden, könnte der Bauer sich damit herausreden, nur zu einem Teil biologisch, zum anderen konventionell zu wirtschaften.

Während es sich bei dem EU-Bio-Siegel um eine Pflichtkennzeichnung handelt, ist das deutsche Bio-Siegel eine freiwillige Angabe und kann zusätzlich genutzt werden.

Ebenso wie das Bio-Siegel Hessen, das es seit 2006 gibt und dem Verbraucher signalisiert, dass ein ökologisch erzeugtes Produkt aus der Region kommt.

Außerdem können sich auf Bio-Lebensmitteln auch die Verbandszeichen deutscher Bio-Anbauverbände, z.B. Bioland, Demeter oder Naturland, befinden. Diese Anbauverbände haben strengere Anforderungen und Kontrollen als sie die EU-Öko-Verordnung vorsieht.
 

Bio-Fleisch

Video: Bio Fleisch 6:53 Min
(© hr | service: trends, 14.06.2017)
Die Bio-Siegel halten zwar, was sie versprechen, doch was genau dahintersteckt, wissen die Verbraucher nicht. "Öko" und "Bio" bedeutet also nicht unbedingt "glückliche Tiere" und "artgerechter Haltung". Die Lebensbedingungen der Tiere unterscheiden sich oft nur geringfügig von der konventionellen Massentierhaltung. Beispielsweise steht einem Bio-Schwein nach der EU-Verordnung einige Zentimeter mehr Lebensraum im Stall zu. Es genügt, wenn dieser mit Stroh gefüllt wird, Freilauf im Grünen ist nicht vorgeschrieben. Auch ein Betrieb, der nach "Bio"- und "Öko"- Richtlinien" arbeitet, ist kein idyllischer Bauernhof, sondern auch hier gibt es Massentierhaltung.

Weiterhin werden "Öko"- und "Bio"-Tiere auf die gleiche Weise geschlachtet. Nach einer Betäubung mittels Strom, Gas oder Bolzenschuss wird den lebenden Tieren vom Schlachter der Hals aufgeschnitten, sie sterben durch Ausbluten, was einige Minuten dauert. Da manchmal die Betäubung nicht ausreichend ist, sind einige Schlachttiere noch bei Bewusstsein. Tierschützer setzen sich daher für eine drastische Verringerung und einen bewussten Fleischkonsum ein.

Das EU-Bio-Siegel ist ein Anfang. Die Tierhaltung ist etwas besser als Massentierhaltung in konventionellen Betrieben, doch Bio-Fleisch von "glücklichen Tieren" aus artgerechter Tierhaltung und wirklich ökologische Methoden sind damit nicht gesichert. Denn hier ist konventionelle neben biologischer Tierhaltung im gleichen Betrieb erlaubt. Bio-Fleisch mit den Siegeln der Bioverbände, wie Bioland, Demeter und Naturland, unterliegt strengeren Vorgaben hinsichtlich Tierhaltung und Fütterung. Eine Kombination mit konventioneller Tierhaltung ist verboten, Tierrechte werden stärker berücksichtigt und ein Preiskampf wie bei den Discountern ist nicht möglich. Wenn Sie genau wissen möchten, woher ihr Fleisch kommt, müssen Sie sich von der Supermarkttheke verabschieden und nach Betrieben im lokalen Umfeld suchen. Auch der Metzger um die Ecke, der seine Bauern meist persönlich kennt, ist eine gute Alternative.
 
 

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Redaktion: fasc / juvo
Letzte Aktualisierung: 21.06.2017, 9:01 Uhr
 
 

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Mittwoch, 18:50 Uhr
 

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