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Wohnen auf der Autobahnbrücke

Wieso Limburg bald ein neues Wahrzeichen bekommen könnte

Blick auf Limburger Dom und die Autobahnbrücke (Bild:  picture-alliance/dpa)
Blick auf Limburger Dom und die Autobahnbrücke
So gut wie jeder dürfte schon mal diesen Ausblick genossen haben: Die Stadt Limburg samt Dom in einem atemberaubenden Panorama. Und das einfach so im Vorbeifahren von der Autobahn aus. Genauer: von der Autobahnbrücke, die die A3 bei Limburg über das Lahntal führt.
 

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24.10.2013, 22:45 Uhr
Sollten hier bald Menschen wohnen, könnten sie diesen Ausblick dauerhaft genießen. Genau das ist der Traum des Unternehmers Albert Egenolf aus Runkel. Er will die Autobahnbrücke mit vier Hochhäusern bebauen, die sich wie quadratische Wespennester um die Autobahnpfeiler schlingen sollen. Viel Platz für Wohnungen, Büros, ein Kongresszentrum, ein Hotel und weitere Ideen. Der Vorschlag des Unternehmers ist eine Alternative zum Abriss der alten Autobahnbrücke. Das Stahlbetonbauwerk aus den Sechzigerjahren soll voraussichtlich im Frühjahr 2017 durch eine neue Autobahnbrücke, die gerade gebaut wird, abgelöst werden.

Könnte Limburg damit neben Dom, Fachwerkhäusern und Lahntal eine weitere Attraktion hinzu gewinnen, ja sogar zu einem völlig spektakulären neuen Wahrzeichen kommen? Die Limburger Autobahn-Hochhäuser wären zumindest das erste Immobilienprojekt dieser Art – abgesehen von der berühmten, bereits im Mittelalter bebauten Ponte Vecchio in Florenz.

„Wohnen auf der Autobahnbrücke – Spinnerei oder zukunftsweisende Idee?“ „hauptsache kultur“ hat sich auf den Weg nach Limburg gemacht und sich dort das spektakuläre Brückenprojekt vom Ideengeber Albert Egenolf zeigen lassen.

Bericht: Tanja Küchle
 

Text des Beitrags:

Video: Wieso Limburg bald ein neues Wahrzeichen bekommen könnte 6:26 Min
(© hr | hauptsache kultur, 25.10.2013)
Limburg an der Lahn. Die Stadt hat viel zu bieten: den einzigartigen Limburger Dom, einen Bischof in den Schlagzeilen, pittoreskes Fachwerk und eine malerische Altstadt. Doch jetzt soll Limburg noch etwas ganz Besonderes bekommen, etwas noch nie da Gewesenes: Hochhäuser auf der Autobahn! Kaum zu glauben. Auf dieser Brücke: sie führt die A3 über das Lahntal bei Limburg. Hier sollen bald Hochhäuser stehen. Genial – oder genial daneben?

Architektin Jacqueline Schmidt: "Das ist natürlich was Einzigartiges."
Limburger Bürger: "Find ich sehr, sehr visionär."
Jochem Jourdan: "Dieses Projekt an dieser Stelle halte ich einfach für eine Schnapsidee."


Visionär? Oder eine Schnapsidee? Das wollen wir von „Hauptsache Kultur“ genauer wissen. Und treffen ihn, den Mann mit der Vision: Albert Egenolf aus Runkel. Seit 40 Jahren baut der Unternehmer für die Stadt Limburg so einiges. Aber Hochhäuser auf der Autobahn – das gab es noch nie! Für ihn die Gelegenheit sich noch ein Denkmal zu setzen. Nur warum ausgerechnet hier?

Albert Egenolf: "Also, wenn Sie jetzt mal schauen, das Lahntal, die Stadt, der Dom, die Altstadt, und schauen in den Westerwald, dann ist das ein Blick, der ist mit Geld nicht aufzuwiegen."

Vom Auto aus kennt diesen Blick wohl so gut wie jeder. Aber wenn hier die Häuser hin sollen, wo kommt dann der Verkehr hin? Das Problem löst sich von ganz allein: Denn die jetzige Autobahnbrücke soll ausrangiert werden. Nebenan entsteht schon die neue. Spätestens 2017 wird sie fertig sein. Dann soll die alte Brücke eigentlich gesprengt werden. Kosten für den Bund: 10 Millionen Euro. Die ließen sich sparen durch die Idee von Albert Egenolf.

Die Architektin Jacqueline Schmidt konnte er schon gewinnen für sein – auf den ersten Blick wahnwitzig anmutendes – Projekt. Würde sie hier wohnen wollen? "Ja, sehr gerne. Weil spektakulär. Wer kann schon sagen davon, dass er auf einer Autobahnbrücke oder auf einer Talbrücke überhaupt wohnt. Wir wollen ja praktisch diese Zwischenräume, die zwischen den Gebäuden sind, auch anbieten zur Nutzung, also zum Beispiel mit einem Café, wo dann man praktisch aus dem Lahntal an einer Stütze hochfahren kann mit dem Aufzug, kommt dann oben in einem Gebäude raus und kann dort den wunderbaren Ausblick genießen."

Vier Hochhaustürme für Investorenträume aller Art: für Wohnungen, Büros, Kongresszentren, Hotels. Gut 26.000 Quadratmeter Platz, üppig für das kleine Limburg mit nur knapp 35.000 Einwohnern. Wie sinnvoll ist so ein Großprojekt an dieser Stelle? Das fragen wir Jochem Jourdan – der Frankfurter Architekt kennt sich aus mit Hochhäusern und Stadtentwicklung und berät seit Jahrzehnten Städte wie Frankfurt, Freiburg oder Innsbruck. Er sieht ein großes Problem:

Jochem Jourdan: "Die Zerstörung des Landschaftsraumes, und zwar des historischen Landschaftsraumes: Lahn, bewaldete Hügel, das Lahntal, die Durchsichtigkeit durch die Brücke zwischen den großen Pfeilerabständen, und die Stadtkrone des Domes auf dem Domberg. Das ist einmalig in Deutschland!"

Tatsächlich: ziemlich klobig! Aber einmalig wäre es auch. Was hält man denn in Limburg davon?

- "Also, gefallen tut’s mir nicht. Hässlich, sehr hässlich.
- "Es erinnert ein bisschen an die Hertie-Fassade."
- "Aber da jetzt noch mal wirklich Wohnraum oder irgendwelche anderen Dinge zu schaffen, finde ich eigentlich eine sehr gute Idee."
Frage: "Würden Sie da gerne wohnen?
- "Äh, ja. Nee, das glaub ich wieder nicht. Nee."

In der Tat: kein idealer Wohnort, wenn man ein Problem mit Feinstaub und Verkehrslärm hat. Denn die neue Autobahn verliefe direkt vor der eigenen Haustür.

Allen Kritikern zum Trotz: Einen hat Albert Egenolf schon überzeugt: den Bürgermeister von Limburg. Und der sieht schon das nächste Wahrzeichen der Stadt am Horizont.

Martin Richard: "Das ist natürlich von der Gestaltung her ein Highlight. Eine Sache, die es meines Erachtens einmalig in der Form in Europa geben würde, was man sehr positiv auch werten könnte. Würde Limburg bekannt machen, wäre eine extrem gute Standortwerbung für uns."

Doch ohne Investoren geht gar nichts. Auf einer Immobilienmesse in München sucht Unternehmer Albert Egenolf darum nach kühnen Geldgebern für seinen Brückentraum.

Albert Egenolf: "Es ist wichtig: Man muss Nutzer finden, die mit mir da rein gehen, ich muss Nutzer finden, die Wohnungen mieten, und wenn ich einen guten Grundstock hab, kann ich das realisieren."

Bisher allerdings ist er sein einziger Investor.
Doch wenn er genügend Mieter findet, könnte die Hochhausbrücke dann Limburgs neues Wahrzeichen werden?

Jochem Jourdan: "Das wäre ein zerstörerisches Wahrzeichen. Und ich würde keiner Stadt empfehlen, so einen Schritt zu machen. Da würde eher Limburg sein Image einer Stadt mit diesem großartigen Dom zerstören."

Martin Richard: "Man muss manchmal, siehe Barcelona und Gaudí, verrückte Ideen haben, damit man auch in der Nachwelt noch lebendig erhalten bleibt."

Ein Denkmal für den Bürgermeister und für Albert Egenolf – und ein Großprojekt für Limburg. Doch dafür muss der Abriss der Brücke erst gestoppt werden. Das letzte Wort hat hier der Bund. Und Egenolf nur noch zwei Jahre Zeit.

Albert Egenolf: "Ich werde alles daran setzen, dass ich noch mehr Leute begeistern kann. Und dass die sagen: das ist eine einmalige Chance, für Limburg, für den Kreis, für die ganze Region."

Dass er das alles in nur zwei Jahren schafft, ist unwahrscheinlich. Unmöglich ist es nicht. Und manchmal sorgen gerade die vermeintlich größten Spinnereien für den visionärsten Fortschritt.
 
Redaktion: nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 25.10.2013, 12:35 Uhr
 
 

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