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Schilderwahn im Rheingau

Die traditionsreiche Kulturlandschaft am Rhein und ihr fragwürdiges Marketing-Konzept

Waldstraße mit Schilderwald (Bild: hr)
Die Landschaft vor lauter Schildern nicht sehen - ein Blick in den Rheingau
Mit der Beschilderung im Rheingau ist das so eine Sache. Klar, weiße Schrift auf braunem Grund, diese Wegweiser führen Touristen direkt zu Kulturdenkmälern und Sehenswürdigkeiten. Nachvollziehbar, dass die notwendig sind.
 

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12.01.2017, 22:45 Uhr
Doch mittlerweile gibt es immer mehr Schilder. Zu Weingütern, zu Hotels, zu Apotheken oder Baumärkten und sogar zu Ärzten und Versicherungsmaklern. Für die Region typische Steinmauern oder die einzigartigen Flurdenkmäler werden mehr und mehr von Wegweisern und Hinweistafeln verdeckt. Droht die einzigartige Landschaft im Schilderwald zu versinken?

Der Rheingau ist ein Sehnsuchtsort. Zu jeder Jahreszeit lockt Hessens größte Weinregion mit ihren Burgen und Schlössern. Die jahrtausendealte Geschichte lässt nicht nur Romantiker-Herzen höher schlagen.
 

Denkmäler "zugemüllt"

Aber dann das - eine krasse Schilderflut fegt jeden Zauber davon. Denkmalpflegerin Dagmar Söder hat die Faxen dicke: "Ich hab die Befürchtung, dass das, was den Charme eigentlich ausmacht, nämlich vielleicht die historischen Ortskerne oder auch die schöne Landschaft, dass die einfach, ich sag mal, zugemüllt werden."

Klar gibt es noch die braunen Schilder für Kulturdenkmäler. Aber eben auch weiße Stadtschilder und viele andere, verwirrende Exemplare. Frau Söder reicht's! Sie hat dem Schilderwahn den Kampf angesagt. Wir treffen sie in Johannisberg. Das Örtchen gehört zu Geisenheim und wurde früher als eines der schönsten Dörfer Deutschlands prämiert. Ja und heute?

"An dem Platz ist eigentlich das bestimmende Element dieser historische Wandbrunnen, der hier ja auch renoviert wurde und versucht wurde, in die Gestaltung einzubeziehen", erklärt sie. "Nur leider kommt er eigentlich nicht mehr zur Geltung, weil viel zu viele andere Sachen drum herum stehen. Infotafeln oder eben diese Hinweisschilder, die vielleicht nicht zwingend an dieser Stelle nötig wären."
 

Touristen in die Restaurants führen

Der Denkmalpflegerin liegt viel an ihrer Heimat: "n zwei Büchern hat sie die Schätze des Rheingaus zusammengetragen. Um diese zu bewahren, dokumentiert sie seit Jahren besonders krasse Fälle des Schilderwahns. Klar: Wildwuchs stört – aber manche Schilder seien wichtig, sagt der Bürgermeister von Geisenheim, Frank Kilian. Da genügt doch ein Blick aus dem Rathausfenster: "Der Denkmalschutz oder Naturschutz findet aufgestellte Schilder oftmals als störend, als überflüssig, währenddessen es andere Interessengruppen gibt, die berechtigterweise solche Schilder fordern. Wir wollen unsere Touristen in die Gastronomiebetriebe führen, wir wollen sie zu Sehenswürdigkeiten hinführen. Dann ist eine Beschilderung unumgänglich."

Dagegen hält Dagmar Söder, die auch Mitglied der Landeskommission "Unser Dorf hat Zukunft" ist: "Als Fußgänger oder Wanderer ist man sicher sehr dankbar, wenn man Wegweiser hat. Das in jedem Fall. Aber man muss sich überlegen: Für wen welches Schild an welcher Stelle."
 

In der Hauptsache Werbeschilder

Wer in den 60er Jahren den Rheingau bereisen wollte, kam meist per Schiff - das zeigt ein Beitrag der Hessenschau vom 7. September 1963. An der Anlegestelle standen Busse bereit zu einer kurzen Fahrt durch Hessens fröhlichsten Landkreis, den Rheingau. Der Busfahrer kannte noch den Weg zum Kloster Eberbach und anderen Sehenswürdigkeiten, wie dem Niederwalddenkmal. Der brauchte keine Schilder.

Heute aber fahren die Besucher selbst in den Rheingau. Da ist doch so ein bisschen Orientierung gar nicht schlecht. Dann weiß man auch, wo man ist, wie hier in Walluf, der Pforte des Rheingaus.

"Hier sind hauptsächlich Werbeschilder, die auf einzelne Betriebe hinweisen", sagt Söder, "und also für den, der hier zu Besuch kommt und Freizeit verbringen möchte, völlig überflüssig sind."
 

Neues Beschilderungssystem

Werbebanner und Schilder, wohin das Auge reicht. Da wird auch mal die Krankengymnastik zum Kulturdenkmal mit braunem Schild erklärt. Und neben historischen Gebäuden bewirbt man prominent Apotheken. Kann sich denn keiner erbarmen?

Doch: Ein vielgepriesener Ansatz kommt aus Oestrich-Winkel. Die Stadt und ihr aktueller Bürgermeister wollten dem Chaos Einheit gebieten. Sie bauten Schilder ab - und neue wieder auf. Was ist hier jetzt besser?

"Das alte Beschilderungssystem sah furchtbar aus,muss man sagen", gibt Michael Heil zu, der Bürgermeister von Oestrich-Winkel. "Teilweise verrostete, alte, verbogene Schilder. Und ich denke mal, mit dem System, das ja sehr hochwertig ist, haben wir es geschafft, ein System zu installieren, das sich auch wirklich sehen lassen kann."

Hochwertig und teuer. 110.000 Euro kosteten die Anti-Graffiti-Schilder mit durchdachtem Farbkonzept. Hotels und Gaststätten in rot, Weingüter in grün, Betriebe in blau. Und ganz unten: die Kulturdenkmäler. Warum hängen die denn jetzt so tief?

"Irgendeiner ist eben unten dann", sagt Heil lapidar. "Ich denke, die sind ja gut sichtbar, groß genug und auch vom Auto aus in der Höhe, wo man sie im Grunde genommen aus Augenhöhe noch gut erkennen kann."

Doch die Denkmalpflegerin sieht das anders: "An jeder Quergasse steht jetzt wieder so ein Schilderturm und weist auf 1000 Sachen hin, aber nicht eben nur auf die Sehenswürdigkeiten."
 

"Wir-Gefühl fördern"

Dennoch: Das Oestrich-Winkelsche Modell soll als Pilotprojekt für den ganzen Rheingau dienen. Und trägt auch schon das neue Logo der Region. Erfunden für die Rheingauer Gemeinden, die sich in einem Zweckverband zusammenschlossen haben. Und wie könnte man diese Dachmarke besser präsentieren als – na klar: mit Schildern.

Frank Kilian, Stellvertretender Vorsitzender Zweckverband Rheingau, sagt dazu: "Es geht darum, bei dem Dachmarken-Prozess insgesamt das Wir-Gefühl, das Gemeinschaftsgefühl der Rheingauer zu fördern."
 
Identifikation durch Schilder? Frau Söder hat da ihre Zweifel: Vor allem, ob man Hinweistafeln auf Weinköniginnen braucht, die schon lange nicht mehr im Amt sind. Gegen solche Konzepte kämpft sie deshalb mit Vorträgen. Und hatte auch schon kleine Erfolge: Die Statue des Brückenheiligen Nepomuk in Rauenthal war früher von Schildern umrankt. Nun wurden diese verlegt. Ein QR-Code ersetzt ein Infoschild – Hinweise gibt's im Internet.

Ein kleiner Sieg – aber Frau Söder will mehr: "Genau die Qualität, die der Besucher vielleicht vom Wein hier erwartet, die erwartet man vielleicht auch von der Umgebung. Und von den Orten und von der Landschaft."

Ja, und seien wir mal ehrlich: Ein unverbauter Blick auf den Rheingau ist doch viel angenehmer als ein unübersichtlicher Schilderwald, oder?

Autor: Simon Broll
 

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Bild: © hr
Letzte Aktualisierung: 13.01.2017, 14:14 Uhr
 
 

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