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Bäume (Bild:  picture-alliance/dpa)
Auch der Frankfurter Stadtwald gehört zu den "schönsten Wäldern Hessens".

Inspiration für Künstler und schutzbedürftig

Hessens schönste Wälder

Heimat, was ist Heimat? Für die meisten Deutschen ist das bei Umfragen der Wald. Die anderen Europäer belächeln uns gerne mal dafür, die Deutschen und "ihr Wald".
 

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19.01.2017, 22:45 Uhr
Video: Hessens schönste Wälder 5:54 Min
(© hr | hauptsache kultur, 19.01.2017)
Ist Heimat die Stadt, in der man lebt? Oder sind es Kindheitserinnerungen an eine besondere Landschaft, ihre Geräusche und Gerüche? Die meisten Deutschen verbinden Heimatgefühle mit Wald. Für Frankfurter ist es vielleicht die Skyline. Hochhäuser, durch die ein frischer Wind pfeift. Oder ist es doch der Wald?

Gerhard Zimmermann hat die Wälder seiner Heimat Hessen durchwandert und 18 davon beschrieben und fotografiert. Für ihn sind es: "Die schönsten Wälder Hessens".
 

Frischluftzufuhr und Trinkwasser für die Metropole

Information

 (Bild: Verlag)

Gerhard Zimmermann: Die schönsten Wälder Hessens

162 Seiten, € 19,80
CoCon Verlag
ET: 1. Februar 2017
ISBN 978-3863143282
Angefangen hat er bei seinen Kindheitserinnerungen. Er ist aufgewachsen direkt neben einem großen Wald, den wohl wenige als einen unter den "schönsten Hessens" bezeichnen würden - dem Frankfurter Stadtwald.

Die Stadt wäre um 3 Grad wärmer und stickiger, gäbe es nicht die grüne Lunge Stadtwald: Frischluftzufuhr und Trinkwasser für die Metropole. 4000 Hektar Natur am Rand der Weltstadt. Direkt neben der Straßenbahnlinie Nummer 12 stehen die knorrigen Ur-Eichen, die oft als Relikte eines Urwalds angesehen werden.
 

Das allererste Naturschutzgebiet in Hessen

Gerhard Zimmermann macht uns auf Schätze aufmerksam. Um die wussten aber auch die Künstler der nahen Kronberger Malerkolonie schon. Ihre sehr dramatische Waldromantik war tatsächlich das Abbild ganz realer Bäume im Stadtwald: "Das spielte sich ja vor gut 100, 120 Jahren ab", so Zimmermann, "als diese Maler diese Eichen entdeckt haben. Es war zunächst die Ästhetik dieser alten Bäume, die man entdeckt hat, die man gemalt hat."

Die Künstler, die Romantiker, die Landschaftsmaler: In keinem anderen europäischen Land – und hat es auch noch so viel Wald – haben sie sich so damit beschäftigt wie in Deutschland.
Sie ist unsere Eigenart, diese tiefe Verbundenheit mit dem Wald.

Das allererste Naturschutzgebiet in Hessen entstand auf Drängen eines Malers: Theodor Rocholl wollte die Eichen im Reinhardswald bei Kassel vor dem gnadenlosen Abholzen retten – auch mehr der Ästhetik wegen, wie seine Kollegen aus Kronberg. Er, der Schlachten- und Landschaftsmaler, nahm die urigen Eichen als Symbole deutscher Tugend und war fasziniert von ihrer Zeitzeugenschaft tausendjähriger Geschichte.

"Dadurch ist auch so ein Mythos um diese germanischen Eichen entstanden", erklärt Zimmermann. Er habe sie hineinfantasiert ins Zeitalter von Hermann dem Cherusker, der die Varusschlacht gegen die Römer geführt hat, "wo er die Römer besiegt hatte. Aber das Alter der Bäume stimme so nicht: Die Eichen im Reinhardswald, im Urwald Sababurg, seien etwa 500 Jahre alt, vielleicht einige bisschen älter.
 

Wald als Weide für Schweine

Vor 500 Jahren zogen Schweine und anderes Vieh durch den Wald. Die Abstände der Bäume waren weit. Die Eichen wuchsen krumm und quer, weil sie es konnten. Sie wurden alt, weil man sie nie fällte. Denn Wald war Weide und Eicheln waren Mastfutter.

Der Förster und Coautor Christoph von Eisenhart-Rothe teilt mit Gerhard Zimmermann die Leidenschaft für die Geschichten, die die Bäume über die Menschen ihrer Zeit erzählen. "Man hatte die eigentlich wirklich nur, damit man das Vieh, die Schweine, die Tiere satt kriegen konnte vor dem Winter, wo man ja nicht genug Vorräte hatte. Und wenn das Vieh dann ordentlich Speck angesetzt hatte, konnten die gut durch den Winter kommen, nur dafür dienten diese Bäume. Es hat keinen interessiert, ob man da mal ein Brett daraus schneiden kann oder ein Möbel bauen kann, sondern die Bäume hatten keine andere Funktion."
 

Spuren unserer Vorfahren

Der Wandel vom kahlen zum heute dichten Wald zeigt auch, wie sich der Wert, den der Mensch dem Wald zumisst, verändert hat. Das Buch "Die schönsten Wälder Hessens" erklärt die Flora, die Fauna und dazwischen immer wieder diesen Homo Sapiens.

"Es wird sehr viel Historisches dargestellt und gezeigt", sagt von Eisenhart-Rothe, "aber es wird auch aufgezeigt, wie man diese Spuren von dem Wirken der Menschen von vor 300, 400, 500 Jahren heute noch im Wald finden kann und wie sich das auf den heutigen Wald auswirkt."

Faszinierende Fotos, Vogelarten, Naturkunde, Exotisches, Unerwartetes sind im Buch zu entdecken: Die Knoblochsaue am Kühkopf, Hessens größtes Naturschutzgebiet, ursprüngliche Natur, entstanden - durch den Menschen. Er hat hier 1820 den Rhein umgeleitet. Und um das ehemalige Flutungsgebiet trocken zu kriegen, Kopfweiden gepflanzt. Bizarre Ungetüme, wunderbare Fotomotive.
 

"... eine dicke Eiche in der Nähe haben"

Bäume fotografieren, malen, betrachten - schützen: Warum nicht der Ästhetik wegen? Oder was ist es sonst, was uns Deutsche so mit dem Wald verbindet? "Vielleicht liegt es ein bisschen so in unserer deutschen Seele, dass wir immer eine dicke Eiche in der Nähe haben oder wissen zumindest, wo sie steht, weil es zu unserer Natur gehört", mutmaßt von Eisenhart-Rothe.

Sie haben kein Heimatbuch im eigentlichen Sinne gemacht, aber es an Wintertagen zu lesen macht große Lust, im Frühjahr die schönsten Wälder Hessens zu besuchen. Einer davon liegt ganz bestimmt ganz nah.

Bericht: Ulrike Bremer

 

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Redaktion: nb
Letzte Aktualisierung: 20.01.2017, 14:31 Uhr
 
 

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