Nach der ARD-Reportage über Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in Bad Hersfeld zieht Amazon erste Konsequenzen: Der Online-Versandhändler trennt sich von seinem umstrittenen Sicherheitsdienst. Inzwischen ermittelt auch die Justiz.
"Amazon hat veranlasst, dass die Zusammenarbeit mit dem kritisierten Sicherheitsdienst mit sofortiger Wirkung beendet wird", sagte Unternehmenssprecherin Christine Höger am Montag zu hr-online und bestätigte damit einen Bericht von "Süddeutsche.de". "Als verantwortungsvoller Arbeitgeber von rund 8.000 festangestellten Logistikmitarbeitern hat Amazon eine Null-Toleranz-Grenze für Diskriminierung und Einschüchterung und wir erwarten das gleiche von allen Unternehmen, mit denen wir arbeiten."
Amazon war in die Schlagzeilen geraten, weil die ARD-Dokumentation "Ausgeliefert!" über schlechte Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern aus dem Ausland bei dem Versandhändler in Bad Hersfeld berichtet hatte. Besonders in die Kritik geraten war der private Sicherheitsdienst Hensel European Security Services (H.E.S.S.). Security-Männer sollen die zumeist ausländischen Leiharbeiter schikaniert und rund um die Uhr überwacht haben. Zudem bestünden Verbindungen in die rechte Szene.
Ermittlungen gegen Securitymänner
Die Sicherheitsfirma aus Kassel ist inzwischen auch in den Fokus der Justiz geraten: Die Staatsanwaltschaft Fulda ermittelt gegen zwei Mitarbeiter. Es bestehe der Anfangsverdacht der Nötigung und der Freiheitsberaubung, sagte ein Sprecher am Montag. Die beiden Männer sollen einen Redakteur des Hesssichen Rundfunks an der Abreise aus einem Hotel im Kirchheim (Hersfeld-Rotenburg) gehindert haben.
Von Übergriffen auf ausländische Leiharbeiter oder rechtsextremistischen Staftaten ist der Staatsanwaltschaft hingegen bislang nichts bekannt. Die Vorfälle im Logistikzentrum des Versandhändlers in Bad Hersfeld seien bedauerlich, aber nicht strafrechtlich relevant, sagte der Sprecher.
Sicherheitsunternehmen weist Vorwürfe zurück
Die Grünen im Landtag begrüßten die Trennung Amazons vom Sicherheitsunternehmen. Dies sei ein unvermeidlicher erster Schritt gewesen, sagte der Abgeordnete Kai Klose. Allerdings gebe es weiter offene Fragen, denen sich Amazon stellen müsse.
Die Sicherheitsfirma hatte die Vorwürfe in einer Erklärung abgestritten. "Den Vorwurf, unser Unternehmen pflege rechtsradikale Ansichten oder unterstütze diese, weisen wir zurück", hieß es darin am Freitag. Zugleich bestätigte das Unternehmen, Zimmerdurchsuchungen durchgeführt zu haben. Die Durchsuchungen seien zur "Dokumentation etwaiger Beschädigungen oder abhandengekommener Sachen" im Einvernehmen mit dem Hotelbetreiber erfolgt und nicht rechtswidrig.
Zeitarbeitsbranche distanziert sich
Auch der Verband der Zeitarbeitsbranche distanzierte sich derweil vom Missbrauch im Umgang mit Leiharbeitern. "Immer dort, wo illegale beziehungsweise unethische Machenschaften im Zusammenhang mit Zeitarbeitseinsätzen praktiziert werden, distanzieren wir uns ausdrücklich hiervon", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, Werner Stolz, am Montag.
Am Wochenende hatte sich Bundesarbeitsmininsterin Ursula von der Leyen (CDU) in die Debatte eingeschaltet und der Leiharbeitsfirma, mit der Amazon zusammenarbeitet, mit einem Lizenzentzug gedroht.
Tarifverhandlungen für Amazon-Beschäftigte
Unterdessen verhandelt die Gewerkschaft Verdi mit Amazon über höhere Löhne für festangestellte Mitarbeiter beim Versandhändler. Verdi gab sich am Montag zuversichtlich. Man fühle sich stark genug, einen Tarifvertrag durchzusetzen, sagte der Frankfurter Verdi-Sekretär Bernhard Schiederig. An den Standorten Leipzig und Bad Hersfeld in Hessen hätten erste Gespräche mit dem US-Unternehmen stattgefunden.
Verdi verlangt, dass Amazon den Flächentarifvertrag für den Einzelhandel anerkennt. Daraus würden sich deutlich höhere Stundenlöhne ergeben. Bislang orientiere sich das nicht tarifgebundene Unternehmen am Tarifvertrag für die Logistikbranche.