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OP-Behandlung mit Mikrowellen-Strahlung (Bild: Uniklink Frankfurt, Institut für Diagnostische und)

04.11.2015: Medizin

Mikrowellen gegen Krebs

Die Diagnose "Lungenkrebs" oder "Leberkrebs" ist für viele Patienten ein Todesurteil. Doch nun gibt es neue Hoffnung. Ein neues Behandlungsverfahren könnte jetzt die Überlebenschancen von Betroffenen verbessern. Dabei werden die Krebszellen mit Hilfe von Mikrowellen regelrecht verbrannt.
 

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4.11.2015, 21:00 Uhr
Video: Mikrowellen gegen Krebs 6:28 Min
(© hr | alles wissen, 04.11.2015)
Frankfurt am Main. 8:30 Uhr. Dieser Tag soll das Leben von Jürgen W. für immer verändern. Er hat Krebs. Zwei Tumore befinden sich auf seiner Leber. Sie operativ zu entfernen wäre ein sehr gefährlicher Eingriff. Deshalb setzt er alle Hoffnungen auf die neue Krebstherapie, die im Uniklinikum in Frankfurt angeboten wird: das so genannte Mikrowellen-Verfahren. Damit sollen heute beide Krebsherde aus seiner Leber entfernt werden -in nur 15 Minuten.
 

Heilung durch Mikrowellen?

10:30 Uhr. Der Radiologe Prof. Dr. Thomas Vogl bereitet das Gerät vor, das für die Heilung des Patienten sorgen soll: die so genannte medizinische Mikrowelle. Hitze statt Skalpell – so die Grundidee des neuen Verfahrens. Der Mediziner erklärt: "Einen Tumor kann ich entweder entfernen mittels Chirurgie. Oder ich kann ihn verbrennen. Und wie verbrenne ich ihn? Eine Antenne wird zielgesteuert in den Tumor eingeführt. Mit verschiedenen Modulatoren kann ich meine Therapie steuern kann, also die Ausbreitung, die Energie der Hitze."

In der Theorie funktioniert der Eingriff so: Über eine Antenne werden so genannte Mikrowellen auf den Tumorherd abgegeben. Das sind elektromagnetische Strahlen auf einer sehr hohen Frequenz, zwischen 10 und 20 Gigahertz. Die Mikrowellen bringen die Wassermoleküle im Tumor dazu, um die eigene Achse zu rotieren, mit einer Geschwindigkeit von bis zu einer Milliarde Umdrehungen pro Sekunde. Dadurch entsteht Hitze, die die Krebszellen verbrennt. Sie werden vollständig zerstört. Zurück bleibt nur eine Narbe. Doch funktioniert das auch in der Praxis?
 

Vor dem Eingriff

11 Uhr. Jürgen W. wird für den Eingriff vorbereitet. Über 1000 Patienten wurden an der Uniklinik Frankfurt bereits mit dem neuen Verfahren behandelt. Und bei 90 Prozent von ihnen konnte der Tumor mit der Mikrowelle vollständig entfernt werden. Jetzt hofft Jürgen W., dass es auch bei ihm klappen wird.

Der Radiologe Prof. Dr. Thomas Vogl hat sich auf die Behandlung von Lungen- und Leberkrebspatienten spezialisiert. Jürgen W. ist – nach seiner Einschätzung – ein Patient, der gute Chancen hat, durch Mikrowellen geheilt zu werden. Dafür gibt es drei Gründe: "Erstens: seine Tumor-Herde liegen mitten in der Leber. Das ist günstig für uns, aber ungünstig für einen Chirurgen, weil er viel entfernen muss. Zweitens kann man die Herde bildgebend sehr gut erkennen. Und drittens kann man das minimalinvasiv nicht nur gut erkennen, sondern gleich auch zerstören."
 

Behandlung in nur 15 Minuten

11.30 Uhr. Es geht los. Jürgen W. bekommt lediglich ein Beruhigungsmittel und eine lokale Betäubung. Dann führt der Mediziner die Mikrowellen-Antenne seitlich über die Haut in den Körper ein - direkt an den Tumorherd in der Leber. Über den Computertomografen kontrolliert er, ob die Position richtig ist. Ist der Tumor anvisiert, startet die Mikrowelle. 10 Minuten lang sendet das Gerät elektromagnetische Wellen auf den Tumor. Die Strahlen erhitzen die Krebszellen auf circa 90 Grad - bis sie regelrecht verbrennen. Von außen sieht man nichts. Doch der Mediziner weiß: im Inneren des Tumors kocht es bereits. "Es läuft so ähnlich ab, wie wenn Sie Popcorn in die Mikrowelle reintun. Die Mikrowelle führt zu einer gasförmigen Destruktion des Gewebes durch die Hitze. Und diese so genannte Vaporisation kann ich jetzt sehen im CT und kann damit genau steuern, wie lange müssen wir machen, wie viel müssen wir zerstören."

Aus technischen Gründen kann die medizinische Mikrowelle bisher nur Tumore zerstören, die maximal 5 Zentimeter groß sind. Sicherheitshalber werden auch immer ein paar Millimeter mehr - um das kranke Gewebe herum - mit verbrannt. Jürgen W. merkt von all dem nichts. Noch während der Eingriff läuft, sagt er: "Es fühlt sich so an, wie wenn einer mit dem Daumen fest drauf drückt. Es ist eher ein unangenehmes Gefühl. Schmerzen sind es weniger."
 

Forschung arbeitet an intelligenten Sensoren

Die größte Herausforderung für den Mediziner bis jetzt: den Tumor auf den Millimeter genau mit der Mikrowellen-Antenne anzuvisieren. Doch das soll künftig leichter werden. Ein Forschungsprojekt der Technischen Uni Darmstadt kümmert sich um das Problem. Hier werden nun intelligente Sensoren für Mikrowellen-Antennen entwickelt. Sie sollen Krebs nicht nur verbrennen, sondern auch diagnostizieren - indem sie selbstständig erkennen, wo genau der Tumor sitzt und wie viel Gewebe von den Krebszellen befallen ist.

Künstlich erzeugtes Tumor-Gewebe erkennen die Sensoren bereits. Problem nur: mit knapp einem Zentimeter Länge sie sind noch viel zu groß, um in Mikrowellen-Antennen verbaut werden zu können. Maximal fünf Millimeter lang und einen Millimeter breit dürfen sie letztlich nur werden. Deshalb liegt noch viel Forschungsarbeit vor den Wissenschaftlern rund um Prof. Dr. Rolf Jakoby. Er erklärt: "Wir haben diese Dinge im Labor getestet, vermessen – soweit funktioniert es. Aber es ist natürlich immer noch ein weiter Weg vom Labor-Muster bis zu einem reellen Sensor."
 

Ergebnis der Mikrowellen-Therapie

Das Wichtigste können die Sensoren der heutigen Mikrowellen-Antennen aber schon jetzt: sie heilen da, wo operativ wenig Hoffnung besteht. 13:30 Uhr. Zurück in Frankfurt. Jürgen W. hat die Therapie mit der medizinischen Mikrowelle gut überstanden. Dass ihm zwei Tumore aus der Leber vollständig entfernt wurden – daran erinnert nur noch ein kleines Pflaster. Glücklich erzählt er: "Jetzt muss man halt nur hoffen, dass in Zukunft keine Metastasen mehr kommen. Und dann war das einfach ein kurzer, böser Albtraum, aus dem man jetzt wieder erwacht und alles ist wieder gut."

Bericht: Petra Stein
 

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Redaktion: almu / andi
Letzte Aktualisierung: 5.11.2015, 10:55 Uhr
 
 

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