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Denskportler Jan van Koningsveld (Bild: dpa)

07.09.2016: In Bewegung

Fit durch Denksport?

Bei Denksport-Meisterschaften messen sich ehrgeizige Denksportler darin, hochkomplexe Aufgaben in kurzer Zeit zu lösen. Ihr Fazit: Denken lässt sich trainieren. Gilt das auch für Alltags-Denksport?
 

Denksport als Leistungssport

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7.09.2016, 21:00 Uhr
Video: Fit durch Denksport? 5:52 Min
(© hr | alles wissen, 07.09.2016)
Logische Rätsel sind die Leidenschaft von Jörg Reitze. Der Mathematiker ist Mitglied bei den Logic Masters, einem Verein für logische und mathematische Rätsel. Wie seine Vereinsfreunde löst und entwickelt er Logikrätsel und beißt sich gern an den hochkomplexen Denkaufgaben fest. Zahlen, nach vielerlei Regeln kombiniert und in Verbindung gebracht – das ist immer wieder eine Herausforderung, selbst für erfahrene Denksportler wie Jörg Reitze. "Es gibt Rätsel, an denen ich Wochen gesessen habe, immer wieder stundenweise, weil mich das nicht mehr loslässt. Die will ich dann auch lösen, wenn ich so viel Zeit investiert hab. Und wenn man merkt, man hat Fehler gemacht, geht es halt von Neuem los."

Tüfteln und denken – für ihn und viele Vereinskollegen geht das sogar bis zur Teilnahme an Denksport-Meisterschaften. Sie betreiben Rätseln quasi als Leistungssport – mit ständigem, vor Meisterschaften auch intensivem Training. Aber lässt sich Extrem-Denken tatsächlich trainieren wie ein Sport? Jörg Reitze hat gute Erfahrungen gemacht. "Man lernt auch bei jedem Rätsel immer Neues dazu, welche logischen Schlüsse man machen kann – und so wird man besser und schneller."
 

Macht Denksport klüger?

Die Frage ist: Kann auch Gehirnjogging für weniger ambitionierte Denksportler das Gehirn auf Trab bringen? Was lässt sich mit Sudoku, Kreuzworträtsel und Co. erreichen? Gibt es bestimmte Aufgaben und Herangehensweisen, die das Gehirn besonders fördern?

Der kommerzielle Markt bietet endlose Möglichkeiten und verspricht große Erfolge in Punkto geistige Fitness. Viele Anbieter im Internet suggerieren: Wer regelmäßig ihren Gehirnjoggings folge, könne sogar Demenz vorbeugen – eine kühne Behauptung. Aber was kann Denksport wirklich erreichen?
 

Gehirntraining mittels Gesellschaftsspielen

Mike Trepte hat sich bei der Gesellschaft für Gehirntraining e.V. zum Gehirntrainer schulen lassen. Die GfG wertet wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verarbeitung und Vernetzung von Informationen im Hirn aus und entwickelt daraus Kriterien für optimale Förderung des Gehirns, u.a. ihr Trainingsprinzip des "Mentalen Aktivierungstrainings". "Beim mentalen Aktivierungstraining geht es darum, Gedächtnisleistungen einerseits zu trainieren, aber auch Informationen schneller und besser aufzunehmen." Das Training umfasst Denk-, Gedächtnis- und Reaktionsaufgaben, um die grauen Zellen zu aktivieren.

Gehirntrainer Trepte gibt allerdings nicht, wie viele Kollegen, MAT-Kurse oder Workshops. Er setzt auf die Trainingswirkung ausgewählter Spiele. Ob für die Merkspanne, die Informationsverarbeitung oder die Denkgeschwindigkeit – Mike Trepte ist überzeugt, dass Spiele die Grundfunktionen des Denkens vielfach anregen können. "Das Gehirn ist ja wie ein Muskel, wenn ich den nutze, durchblute, ich bin auch in der Lage, wenn ich das häufiger machen, Nervenzellen anzuregen zu wachsen, ich kann Verknüpfungen bilden und das Gehirn stärker machen."

Deshalb hat der Gehirntrainer in Kassel seinen "Brainstore" aufgemacht und ein großes Sortiment an Schlaumacherspielen zusammengestellt. Sie sollen Spaß machen und gleichzeitig visuelles, sprachliches und komplexes Denken, Gedächtnis und Koordination ansprechen. Ob das funktioniert?
 

Ist Hirntraining "spielend" möglich?

An der Universität Frankfurt untersucht die Psychologie-Professorin Julia Karbach die Wirkung von Trainingsaufgaben auf die Flexibilität des Gehirns. In Testreihen stellt die Wissenschaftlerin ihre Probanden vor Merk- und Reaktionsaufgaben und hält fest, ob und in welcher Zeit sie sich darin verbessern. "Die Idee ist, dass man damit Multitasking trainieren kann, eine Fähigkeit, die wir auch im Alltag häufig brauchen, etwa beim Autofahren."

Objekte auf dem Bildschirm erkennen und richtig einordnen, verschiedene Aufgaben parallel bearbeiten – alle Testaufgaben erfordern es, konzentriert Dinge wahrzunehmen und schnell darauf zu reagieren. Nach den Testreihen überprüft Julia Karbach, ob sich die Reaktionsfähigkeit ihrer Probanden verändert hat. Ihr Ergebnis : "Was wir in unseren Studien feststellen, dass man Multitasking sehr gut trainieren kann und z.B. auch das Arbeitsgedächtnis, d.h. wenn man diese Aufgaben übt, wird man besser darin." Das Ziel der Forschung : Übungen zu entwickeln, die das Gehirn tatsächlich umfassend alltagstauglich machen.

Einen Lerneffekt attestiert die Professorin auch kommerziellen Denkspielen wie Sudoku und Co. Wer viel Sudoku oder Wortspiele spielt, schult genau die Fähigkeiten und Strategien, die für diese Spiele nötig sind – ob Überblick über Zahlenreihen beim Sudoku oder Allgemeinwissen bei Kreuzworträtseln. Irreführend seien allerdings weitergehende Versprechen kommerziell angebotener Gehirntrainings, sagt sie. "Solche Dinge wie 'steigern Sie ihren Berufserfolg' und 'trainieren Sie Ihre Demenz weg' entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage und sind sogar unethisch."

Dafür braucht es viel mehr als Gehirnjogging, weiß die Wissenschaftlerin.
Geistige Fitness hängt nämlich untrennbar mit anderen Bereichen des Lebens zusammen. "Wir wissen in der Forschung auch, dass solche Dinge wie körperliche Aktivität und soziale Interaktion wichtige Faktoren sind, die diesem Ziel entgegen kommen."
 

Spielen ja – aber wie?

Die besten Chancen, geistig beweglich und flexibel zu bleiben, bieten möglichst vielfältige Herausforderungen – keinesfalls einseitiges Gehirnjogging im stillen Kämmerlein. Da liegt Gehirntrainer Mike Trepte mit seinen vielen Gesellschaftsspielen ganz richtig. Spielen ja, aber am besten gemeinsam. Und mit vielen unterschiedlichen Herausforderungen – ob in Punkto Adrenalin, Denken, Gruppendynamik oder Bewegung. Das fördert den ganzen Menschen und alle Bereiche des Gehirns.

Klassische Denkspiele dagegen können gezielt unterstützen – bei Konzentration, Merkfähigkeit oder Reaktionsgeschwindigkeit. Wichtig für nachhaltigen Erfolg ist aber, nicht anders als beim Sport, auch regelmäßiges Training. GfG-Gehirntrainer Trepte empfiehlt eine Aufwärmphase mit leichten Denkaufgaben – und dann täglich zehn bis 20 Minuten intensives Tüfteln. Das bringt den Denkapparat richtig auf Touren und nützt den grauen Zellen in jedem Fall. Man muss ja nicht gleich einen Leistungssport daraus machen wie Jörg Reitze.

Filmautorin: Katja Devaux
 

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Redaktion: nago
Letzte Aktualisierung: 9.09.2016, 12:09 Uhr
 
 

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