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Reifen (Bild:  colourbox.de)

19.04.2017: Nebenwirkungen

Reifenabrieb: Unterschätztes Umweltproblem

Der Diesel-Skandal hat es einmal mehr klar gemacht: Autofahren ist keine saubere Sache. Aber der Dreck kommt nicht nur aus dem Auspuff: Durch Reifen und Bremsbeläge fallen zusätzlich jede Menge winzig kleiner Reststoffe an, die von der Straße in die Umwelt gelangen. Steckt darin eine Gefahr?
 

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19.04.2017, 21:00 Uhr
Video: Reifenabrieb: Unterschätztes Umweltproblem 6:33 Min
(© hr | alles wissen, 19.04.2017)
Autofahren belastet die Umwelt. Das ist bekannt. Weniger bekannt: In Reifen, Bremsbelägen und Kupplungen steckt ein Chemie-Cocktail, der bei jeder Fahrt freigesetzt wird, bestehend unter anderem aus Cadmium, Blei, Zink, Kupfer, Weichmacher und Stabilisatoren. Allein PKW- und LKW-Reifen verlieren geschätzt über 100.000 Tonnen "Gummimehl". Jedes Jahr, allein in Deutschland. Ist das nicht giftig für Mensch und Umwelt? Was passiert mit dem Abrieb aus Reifen, Kupplung und Bremsen?
 

Viele offene Fragen

Dazu ist bisher wenig bekannt. Feinstaub-Experte Dr. Dominik van Pinxteren vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig sieht viele offene Fragen: "Wie viel davon wird emittiert? Wie viel davon landet im Boden, wie viel davon landet im Wasser? Welche Wirkungen hat er? Das sind Fragen, die wir gerne genauer untersuchen würden." Quantitativ stammt der meiste Abrieb von den Reifen. Sie müssen vor allem gute Fahreigenschaften und damit Sicherheit bieten. Zulasten der Umwelt?

Wir recherchieren. Noch bis vor wenigen Jahren arbeiteten Reifenhersteller mit Weichmacherölen, so genannten PAKs. Die erwiesen sich als krebserregend. Seit Ende 2010 müssen die gefährlichen Öle EU-weit ersetzt werden. Und heute? Giftige Inhaltsstoffe sind noch immer in den Reifen wie Blei, Cadmium und Weichmacher. Allein an Zink gelangen jährlich 1600 Tonnen in die Umwelt.
 

Schwermetalle mit toxischer Wirkung

Der größte Teil der Abriebe landet am Straßenrand. Damit das Wasser abfließen kann, wird dieser regelmäßig abgetragen – und auf Schadstoffe untersucht. Werden bestimmte Werte überschritten, muss der Boden auf die Mülldeponie, bei Autobahnen sind das circa 15 Prozent des Bodenabtrags. Denn Schadstoffe wie Zink und Kupfer wirken in hohen Dosen toxisch auf Pflanzen und Bodenorganismen. Analysen des "Schälguts" zeigen, dass besonders die Kupferwerte problematisch sind. Hauptquelle: vermutlich Abriebe aus Bremsen.
 

Verlässliche Messmethoden fehlen

Doch nicht alles bleibt im Boden. Luft und Regen spülen den Straßenstaub auch in angrenzende Gewässer, inklusive Schadstoffe. Und das summiert sich. Wir treffen uns mit Biologen des Wupperverbandes und machen eine Ortsbegehung. Was belastet unsere Gewässer? Dazu sagt Catrin Bornemann, Biologin beim Wupperverband: "Womit wir immer noch Probleme haben, sind jetzt bestimmte Spurenstoffe wie eben auch Metalle. Das kann eben durchaus dazu führen, dass bestimmte Umweltqualitätsnormen, die uns auferlegt sind, die in den Gewässern eben eingehalten werden müssen, dass die nicht eingehalten werden." Das macht den Biologen Sorgen. Denn in einigen Abschnitten der Wupper werden die Grenzwerte für Zink und Kupfer regelmäßig überschritten. Das bedeutet: Wasserorganismen können Schaden nehmen.

Für andere Inhaltsstoffe der Abriebe gibt es keine verlässlichen Messmethoden. Viele Inhaltsstoffe sind den Wasser-Experten nicht einmal bekannt. Noch brisanter: Auch Mikroplastik ist ein ernstzunehmendes Problem. Die Hauptquelle für Mikroplastik in Flüssen und Seen sind Reifenabriebe, denn diese werden von Wissenschaftlern zum Mikroplastik gezählt.
 

Das Problem liegt in der Luft

Aber nicht nur Boden und Wasser nehmen die Abriebe auf, ein Teil der Partikel gelangt auch in die Luft – als Feinstaub. Dessen Gesundheitsgefahr ist längst erkannt. Wir besuchen das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung. Auch hier werden Verkehrsabriebe mit Sorge betrachtet. Chemiker Dr. Dominik van Pinxteren: "Der Rußanteil wird immer geringer in den Verbrennungsmotoren. Wenn man in Richtung Elektromobilität denkt, hätte man diese Abgasemissionen gar nicht mehr. Aber auch ein Elektroauto erzeugt Partikel, eben durch diese Abriebsprozesse von Bremsen, Reifen und die Aufwirbelungen des Straßenstaubes."
 

Jeder Feinstaub ist schädlich

Um über diese Emissionen mehr zu erfahren, analysieren die Forscher die Zusammensetzung des Feinstaubs. Problematisch dabei: Abriebspartikel lassen sich nicht isoliert von anderen Stäuben betrachten. Eine detektivische Spurensuche. Dass die Verkehrsabriebe eine zentrale Rolle spielen, daran besteht jedoch für die Forscher kein Zweifel. "Ungefähr die Hälfte der Verkehrsemissionen kommt aus nicht Abgas-Emissionen, aus solchen Abriebs- oder Aufwirbelungsprozessen", sagt van Pinxteren. Die Forscher wissen: Jeder Feinstaub ist gesundheitsschädlich, allein wegen seiner Größe. Doch manche chemischen Verbindungen richten im Körper mehr Schaden an als andere.

Welche spezifische Wirkung haben Verkehrsabriebe, feingemahlen auf Feinstaubgröße? Das kann auch van Pinxteren noch nicht genau einschätzen. "Was genau der schädliche Bestandteil ist, ist schwer zu sagen, dadurch dass es auch immer ein sehr komplexes Gemisch von ganz verschiedenen Stoffen ist, die immer miteinander einhergehen. Wenn ich beim Reifenabrieb den Kautschuk einatme, dann atme ich auch die Metalle und die Additive mit ein. Das voneinander zu trennen, ist sehr schwierig."
 

Offiziell keine Konsequenzen

Bei den zuständigen Behörden sieht man keinen Handlungsbedarf, sagt man uns. Und die Reifenindustrie? Wir fahren nach Hannover zu Continental, einem der Global Player am Markt. Hier ist man sich des Themas durchaus bewusst. Dr. Andreas Topp leitet die Materialentwicklung im Bereich Reifen. Er erklärt uns: "Wir setzen in der Reifenfertigung einige Chemikalien ein und müssen das auch. Da gilt es immer sehr aufmerksam und tief zu hinterfragen: Brauchen wir all diese Chemikalien?" Das Unternehmen forscht an alternativen Rezepturen – auch an umweltfreundlicheren. Doch Veränderungen sind langwierig. Oberste Priorität haben Qualität und Sicherheit. Aber ist der derzeitige Abrieb ein Risiko?

Continental und zehn weitere weltweit führende Reifenhersteller haben hierzu Untersuchungen in Auftrag gegeben. Für Topp bedeuten sie Entwarnung: "Anhand von Studien hat man nachweisen können, dass diese Partikel, die dort anfallen, keine signifikanten toxischen Wirkungen haben, zum Beispiel auf die Wasserwelt. So dass man heute davon ausgeht, dass diese Reifen-Abriebspartikel keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben – soweit wir das heute verstehen."
 

Nur wenige unabhängige Studien

Die von der Reifenindustrie beauftragten Studien geben also Entwarnung. Akuten Handlungsbedarf sehen auch die Behörden nicht. Aber auffallend ist: Es gibt kaum unabhängige Studien zu den Folgen der vielfältigen Schadstoffe aus Verkehrsabrieben.

Autorin: Nina Chmielewski
 

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Redaktion: jumi / fasc
Letzte Aktualisierung: 12.06.2017, 17:05 Uhr
 
 

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