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Zeckenwarnschild (Bild:  picture-alliance/dpa)

14.06.2017: Sommer/Insekten

Insektenschutz für Haustiere - Was ist giftig?

Zecken und Flöhe sind für Besitzer von Haustieren ein heikles Thema. Denn die Parasiten können gefährliche, teils tödliche Krankheiten auf Hunde oder Katzen übertragen. Viele schützen deshalb ihre Vierbeiner mit Insektenschutzmitteln in Tablettenform. Doch die sind in Verruf geraten: Immer öfter hört man, dass die Tabletten nicht nur die Parasiten vergiften, sondern auch unsere Haustiere. Was ist da dran?
 

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14.06.2017, 21:00 Uhr
Video: Insektenschutz für Haustiere - Was ist giftig? 6:57 Min
(© hr | service: trends, 14.06.2017)
Linus ist ein gesunder Labradorwelpe und mit Frauchen Stefanie Henseling oft draußen unterwegs. Diese Wiesen sind allerdings nicht nur ein Hundeparadies. Im hohen Gras lauern Zecken. Die sind lästig, vor allem aber übertragen sie gefährliche Krankheiten, auch auf Tiere. Linus ist erst drei Monate alt und hat bisher noch nie ein Mittel gegen Zecken bekommen. Das ist jetzt aber dringend nötig, findet Stefanie Henseling. Als sie sich im Internet über Medikamente gegen Zecken und Flöhe informiert, entdeckt sie Beunruhigendes. Etliche Berichte warnen: Vor schlimmen, sogar tödlichen Nebenwirkungen für Haustiere. Soll sie also besser die Finger davon lassen?
 

Eins ist klar: Zecken sind gefährlich

Doch Stefanie Henseling hat schon schlimme Erfahrungen gemacht mit einer Zeckenkrankheit: "Wir haben ja schon mal einen Hund an eine Zeckenkrankheit verloren, unseren Ben, der hatte Babesiose. Es ging alles sehr schnell. Jetzt bin ich trotzdem etwas verunsichert durch die ganzen Berichte im Internet, die ich gelesen habe zu den Nebenwirkungen. Da möchte man bei dem Kleinen jetzt doch alles richtig machen."

Deshalb sucht Stefanie Henseling Rat bei ihrem Tierarzt. Henrik Hofmann hat ständig mit dem Thema Zecken zu tun: "Zecken übertragen eine Reihe von Krankheiten, im Wesentlichen sind das Babesiose, Borreliose, aber auch Ehrlichiose und Anaplasmose. Es gibt auch noch andere. Diese Krankheiten können tödlich enden, können zu schweren Erkrankungen führen. Nicht nur bei Tieren, sondern übrigens auch beim Menschen. Es ist auch insofern ein Risiko, weil viele unserer Haustiere im Bett schlafen und so die Zecken abfallen und den Wirt wechseln können."
 

Neue Zeckenmittel in Tablettenform – wie funktionieren sie?

Seit einigen Jahren sind Antiparasitika in Tablettenform auf dem Markt. Sie sollen die Tiere von innen heraus gegen Zecken und andere Parasiten schützen. Wenn eine Zecke zugestochen hat, fängt sie an, Blut und Gewebebrei zu saugen. Sind in der Zecke Bakterien oder einzellige Parasiten, können diese nun aus den inneren Organen der Zecke in deren Speichel wandern und so ins Blut des Opfers gelangen. Das allerdings – bis auf die seltenere Ehrlichiose – erst nach frühestens 16 Stunden.

Das sollen die neuen Mittel verhindern: Nachdem der Hund eine Tablette geschluckt hat, gelangt der Wirkstoff über den Darm ins Blut. Saugt jetzt eine Zecke Blut, so nimmt sie auch den Wirkstoff mit auf. Dieser schädigt die Nerven der Zecke, sodass diese in der Regel innerhalb von 12 Stunden abstirbt, also bevor Bakterien oder Parasiten übertragen werden können.

Funktioniert das tatsächlich? Am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Uni Gießen untersucht Professor Joachim Geyer Arzneimittel für Tiere: "Alle drei Wirkstoffe wirken sehr sicher und zuverlässig, sie töten Flöhe und Zecken ab, wenn sie eine Blutmahlzeit nehmen und damit eben auch diese Wirkstoffe aufnehmen."
 

Wirkungsvoll – aber auch gefährlich?

Im Internet häufen sich die Warnungen und Erfahrungsberichte, nach denen die Wirkstoffe zu Epilepsie, Tumoren, Magen-Darm-Erkrankungen oder sogar zum Tod der Haustiere führten. Am häufigsten wird das Medikament des Marktführers, Bravecto, genannt. Was ist da dran?

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ist in Deutschland zuständig für diese Fragen und prüft jede einzelne Meldung. Wir fragen nach und erfahren, dass seit Markteinführung dem Amt 264 Fälle zu Bravecto gemeldet wurden. Lediglich bei zwei Fällen wurde ein ursächlicher Zusammenhang als möglich eingestuft: "Wobei ein Hund ein Schockgeschehen mit Magen Darm-Symptomen entwickelte und daran verstarb und ein anderer Hund Krampfanfälle zeigte und daraufhin euthanasiert wurde. […] Da Bravecto millionenfach weltweit verkauft wird und in Deutschland bis zum 22. Februar 2017 264 Meldungen seit Markteinführung Anfang 2014 eingegangen sind, ist Bravecto weiterhin auf der Basis der Inzidenz-Berechnungen als ein sicheres Tierarzneimittel anzusehen. Insofern müssen die reinen Fallzahlen sehr kritisch betrachtet werden, da es darunter auch eine hohe Anzahl von Meldungen gibt, wo ein Kausalzusammenhang nicht erwiesen ist." Das gleiche gelte für die beiden anderen Produkte NexGard und Simparica.

Allerdings antwortet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auch: "Bei jedem zugelassenen Antiparasitikum (egal in welcher Darreichungsform, ob z. B. als Tablette, als Lösung zum Auftropfen oder als Halsband angewendet) können aufgrund der neurotoxischen, [d. h. nervenschädigenden; Anm. d. Red.] pharmakologischen Eigenschaften der Wirkstoffe in sehr seltenen Fällen sehr sensible Tiere z. B. mit neurologischen Nebenwirkungen auf diese Produkte reagieren."
 

Und was sagt der Hersteller?

Bei der Firma MSD Tiergesundheit erhalten wir folgende Antwort: "Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass es keine Hinweise auf Neurotoxizität [d. h. Nervenschädigungen; Anm. d. Red.] oder tumorbildendes Potential gibt." Alle drei Substanzen seien auch in Überdosierung an Hunden mit dem sogenannten MDR1 Defekt getestet; solche Hunde sind überempfindlich gegenüber manchen Arzneimitteln. Bei keiner der Substanzen sei es zu einem vermehrten Auftreten von neurologischen Symptomen gekommen, so dass diese Substanzen auch für die Anwendung bei diesen Hunden sicher seien.

Wir fragen noch einmal am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Uni Gießen nach den epileptischen Anfällen, die laut Internetberichten viele Hunde nach der Einnahme der Medikamente bekamen. Professorin Melanie Hamann: "Wenn man sich jetzt Hunde anschaut, die an sogenannter idiopathischer Epilepsie erkrankt sind, also Epilepsie, die einfach so auftritt, ohne dass eine Ursache dafür vorliegt, dann liegt die Häufigkeitsrate zwischen 0,5 und 5 Prozent; also wesentlich höher als bei den Fällen, die in Zusammenhang mit diesen neuen Antiparasitika gemeldet werden. Und deshalb würde man sagen, grundsätzlich ist es eher unwahrscheinlich."
 

Unwahrscheinliche Nebenwirkungen – und trotzdem so viele Verdachtsfälle?

Karl Heinz Schulte vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte hat eine mögliche Erklärung für diesen Widerspruch: "Da dieses Präparat eine Wirksamkeit von drei Monaten hat, ist es durchaus denkbar, dass innerhalb dieser Zeit irgendwelche anderen Erkrankungen auftreten, die dann fälschlicherweise diesem Präparat zugeordnet werden."

Ist vielleicht doch alles nur Panikmache, weil sich Verdachtsmomente über die sozialen Medien gegenseitig hochschaukeln? Das ungute Gefühl für Stefanie Henseling bleibt. Aber was für Alternativen haben sie und Linus überhaupt? Ihr Tierarzt Henrik Hofmann zählt die Möglichkeiten auf: "Es gibt drei Verabreichungsformen, zum einen sind das Spot-ons, das sind Tuben mit flüssigem Inhalt, wo man den Inhalt im Nacken des Hundes aufträgt. Zum andern gibt es Halsbänder." Drittens gibt es die neuen Tabletten. Alle drei Darreichungsformen wirken ähnlich auf die Parasiten. Und alle drei werden in den Körper des Hundes aufgenommen. Als Vorteil der Tabletten gegenüber Halsband und Flüssigkeit gilt, dass der Wirkstoff im Regen oder beim Baden des Hundes nicht abgewaschen wird und dass der Mensch ihn beim Streicheln nicht aufnehmen kann.
 

Natürliche Mittel

Alternativ werden im Internet auch Bernsteinketten und Kokosöl empfohlen.
Professorin Melanie Hamann kennt die Studienlage: "Es gibt eine Studie, die den Inhaltsstoff aus Kokosöl sich vorgenommen hat, die Laurinsäure. Und es wurde wirklich ein Effekt gesehen, der aber nicht so stark war. Das andere ist, dass diese Öle häufig aus Drittländern kommen und pestizidbelastet sind und es eben auch dadurch zu schwerwirkenden Nebenwirkungen bei den Tieren kommen kann." Dass Bernsteinketten gegen Zecken wirken können, ist wissenschaftlich nicht bestätigt.

Und was ist das Beste für Linus? Wir haben für unseren Fernsehbericht 70 Tierärzte und tierärztliche Kliniken angeschrieben und ausschließlich Rückmeldungen erhalten, dass die neuen Mittel gut vertragen werden. Auch Tierarzt Henrik Hofmann kann alle Antiparasitika empfehlen, ob als Tabletten, flüssig oder im Halsband.

Stefanie Henseling hat ihre Entscheidung nach dem Arztbesuch gefällt: "Also ich hab mich nach dem Beratungsgespräch jetzt ganz klar für Tablette entschieden. Meine Zweifel sind ausgeräumt und auf Grund der Erfahrung, die wir mit dem Ben gemacht haben, kommt für mich jetzt eigentlich nichts anders in Frage als ne sichere Langzeitwirkung." Sie macht sich nun keine Sorge mehr, noch einen Hund durch eine Zeckenkrankheit zu verlieren – und Linus darf weiter durchs Gras stromern.

Autorin: Dr. Barbara Petermann
 
 
 
 
 
 

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Redaktion: fasc / cka
Letzte Aktualisierung: 14.06.2017, 15:51 Uhr
 
 

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