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12.11.2015: Schutz mit Schattenseiten

Wenn Wachmänner Flüchtlinge betreuen

Der akute Personalmangel in Flüchtlingsunterkünften führt immer  häufiger dazu, dass Berufsanfänger zum Einsatz kommen, die auf den Job nicht vorbereitet sind. (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Immer mehr Berufsanfänger kommen in Flüchtlingsunterkünften zum Einsatz - dabei sind sie auf den Job nicht vorbereitet.
Zehntausende Flüchtlinge in Hessen sind in Massenunterkünften untergekommen. Keine einfache Situation für alle Beteiligten. Erst vor Kurzem hat BKA-Präsident Holger Münch vor einer angespannten Sicher-heitslage gewarnt. Umso wichtiger ist die Rolle jener privaten "Security"-Firmen, die die Sicherheit gewährleisten sollen.
 

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12.11.2015, 6:10 Uhr
hr-iNFO hat in den vergangenen Wochen recherchiert. Welche Firmen sichern in Hessen Flüchtlingsunterkünfte? Wie werden die Mitarbeiter ausgebildet, kontrolliert? Ein Ergebnis der Recherche: die Ausbildung ist mangelhaft, die Kontrolle der Mitarbeiter hat Lücken.
 

Von Oliver Günther und Henning Steiner

Ein Neonazi als Bewacher in einem Heidelberger Flüchtlingsheim. Der Fall sorgte vor wenigen Wochen für Schlagzeilen. In einer hessischen Flüchtlingsunterkunft hat es so etwas noch nicht gegeben. Trotzdem warnen Rechtsextremismus-Experten wie Benno Hafeneger von der Universität Marburg, dass die Sicherheitsbranche anfällig ist für Personen mit braunem Gedankengut: "Wachmänner heißt, man hat eine Uniform an, man hat ein bestimmtes Männerbild, man hat auch Machtbefugnisse, man kontrolliert, man hat Kontrollbefugnisse. Das zieht natürlich einen gewissen Jungen-Männer-Typus an."
 

Lücken bei der Kontrolle des Wachpersonals

Auch auf Seiten der hessischen Sicherheitsbehörden heißt es: Der Blick auf die Branche sei "geschärft". So werden die Wachleute in den über 40 Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes vom Landeskriminalamt Hessen überprüft, und zwar auf "polizeiliche Erkenntnisse, die gegen eine Arbeit in einer Erstaufnahmeeinrichtung sprechen", so das LKA auf Anfrage von hr-iNFO. Darüber hinaus erfolgt auch noch eine Abfrage beim Verfassungsschutz.
 

Überprüfung gilt nicht für Unterkünfte in Kreisen und Kommunen

Allerdings: die regelhafte Überprüfung des Personals gilt nur für die rund 40 Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes, nicht aber für die zahlreichen Unterkünfte in Kreisen und Kommunen. Hier müssen einheitliche Standards her, fordert Guido Jurock, bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Hessen zuständig für den Bereich Wachdienste: "Die Auftraggeber müssten sich darauf verständigen, dass einheitliche Prüfungen vorgenommen werden."

Fachleute warnen allerdings auch: werden die Kontrollen des Personals verstärkt, wird die Einstellung zusätzlichen Personals verzögert – und Personal zur Sicherung von Flüchtlingsunterkünften wird händeringend gesucht.
 

Berufsanfänger ohne geeignete Ausbildung

Audio: Gespräch mit Harald Olschok vom BDSW 4:50 Min
(© hr-iNFO, 12.11.2015)
Schon jetzt führt der akute Personalmangel immer häufiger dazu, dass Berufsanfänger in den Unterkünften arbeiten, die auf den Job nicht vorbereitet sind. Denn Mindestanforderung ist alleine eine 40-stündige "Unterrichtung". Und die sei keinesfalls ausreichend, meint Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft BDSW: "Das ist keine Ausbildung, sondern eine reine Gewerbezugangsregelung".
 
Die Konsequenz bringt der Chef eines hessischen Sicherheitsunternehmens mit folgenden Worten auf den Punkt: "Wir sind es gewohnt, Gebäude zu bewachen, den Umgang mit traumatisierten Menschen haben wir nicht gelernt."

Entsprechend fordert nicht nur der BDSW, sondern auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Hessen eine bessere Qualifikation. "Die Leute werden derzeit gezielt überfordert", so das Fazit von Guido Jurock, Gewerkschaftssekretär bei ver.di Hessen: "Die Kolleginnen und Kollegen brauchen dringend weiterführende Ausbildungen, um sie auf den Einsatz in so sensiblen Bereichen vorzubereiten."
 

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Redaktion: chsi / magr
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 20.11.2015, 12:35 Uhr
 
 

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