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19.01.2016: Kreide oder iPad?

Das Klassenzimmer der Zukunft

Ein Whiteboard im Klassenzimmer - ein noch eher seltener Anblick an hessischen Schulen.  (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Ein Whiteboard im Klassenzimmer - ein noch eher seltener Anblick an hessischen Schulen.
Die digitalisierte Welt macht auch vor Klassenzimmern nicht halt. In immer mehr Schulen gibt es statt Tafel und Kreide inzwischen Whiteboards und Tablets. In Hessen besteht allerdings noch ein enormer Nachholbedarf, was die Nutzung moderner Technologien geht, wie eine aktuelle Studie zeigt.
 

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19.01.2016, 6:10 Uhr
Hessen befindet sich im Ländervergleich unter den Schlusslichtern, was die Verbreitung und Nutzung digitaler Medien im Unterricht angeht - es rangiert auf dem vorletzten Platz. Auf Platz eins steht unser Nachbar Bayern. Nur ein Viertel der hessischen Lehrerinnen und Lehrer fühlt sich ausreichend vorbereitet - das geht aus einer aktuellen Studie der Telekom Stiftung hervor.

hr-iNFO-Podiumsdiskussion: Das Klassenzimmer der Zukunft

hr-iNFO und die Heraeus Bildungsstiftung bringen Politik, Experten, Lehrer und Schüler zusammen, um über Chancen und Hindernisse auf dem Weg zum digitalisierten Klassenzimmer zu diskutieren.

Wann? Dienstag, 26. Januar, 18:30 Uhr (Einlass 18:00 Uhr)
Wo? IGS Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule, An der Sporthalle, 64372 Ober-Ramstadt

Mehr Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.
 
"Die klassischen Schulen bereiten unsere Kinder auf die Vergangenheit vor", sagt der niederländische Unternehmer und Meinungsforscher Maurice De Hond, der mit der Gründung sogenannter "iPad-Schulen" den Unterricht in ein neues Zeitalter führen will. Auch der Mainzer Medienpädagoge Stefan Aufenanger ist sich sicher: "Das digitale Lernen liegt auch in Deutschland im Trend." Zurzeit werde aber noch mehr über die Geräte diskutiert, als über die pädagogische Einbettung. Lehrerverbände und Bildungsstrategen fordern neben einer besseren technischen Ausstattung der Schulen vor allem eine Reform der Lehrerausbildung, um die Pädagogen mit dem nötigen Rüstzeug in Sachen Medienkompetenz und Digitalisierung auszustatten.


Für die Studie "Schule Digital. Der Länderindikator 2015" befragte die Deutsche Telekom Stiftung Lehrer in allen Bundesländern danach, wie häufig sie digitale Medien im Unterricht nutzen. Der Mittelwert für Deutschland insgesamt für "mindestens einmal wöchentlich" liegt bei 47,6%.
Quelle: Deutsche Telekom Stiftung
 

Pro & Contra: Digitales Klassenzimmer

Aber wie sinnvoll ist die Nutzung digitaler Medien in Organisation und didaktischen Konzepten des Unterrichts tatsächlich? Bietet sie wirklich einen pädagogischen Mehrwert? Unsere Reporter Andreas Gielen und Waia Stavrianos sind da unterschiedlicher Auffassung.

Pro

Ich habe eine Vision. In dieser gibt es eine Schule, in der das Handy erlaubt ist. Noch besser: in der die Schüler gar aufgefordert werden, das Mobiltelefon im Unterricht zu nutzen. Jedes Kind bekommt ein Tablet oder Smartphone. Mit diesem können die Schüler Filme schneiden, ihre Termine abgleichen, ihre Gedanken festhalten und austauschen. Alles, was auf einer digitalen Tafel steht, auf einem sogenannten Smartboard, wird sofort auf das Mobilgerät übertragen. Keine Schmierereien mehr, niemand muss von ganz hinten versuchen, das Gekrickel zu lesen und endlich haben die Schüler beim Lernen Spaß.

Klassische Literatur, wie Judenbuche oder Kohlhaas, verstehen sie dann vermutlich viel schneller und besser. Denn per App können die Schüler Erklärungen, Ergänzungen und möglichweise Filme zum Buch aufrufen. Meine Tochter ist bald anderthalb Jahre alt: Was sie wirklich sehr fasziniert, ist der Bildschirm eines Smartphones oder Tablets. Diese Faszination sollten Lehrer im Unterricht nicht ausbremsen. Sondern fördern. Tablets und Smartphones sind keine Gefahr für den Unterricht – sie sind eine Erweiterung der schon genutzten Möglichkeiten.

Digitale Medien sollten nicht nur fester Bestandteil im Unterrichtsangebot einer Schule sein. Sie sollten ausgiebig zum Lernen genutzt werden. Denn unsere Zukunft ist digital. Und mit der Investition in Tablets investieren Schulen in die Zukunft der Kinder.

von Andreas Gielen
 
Contra

Wer schon mal versehentlich einen selbst geschriebenen Text auf dem Computer gelöscht hat, den er gerade erst verfasst und getippt hat, der kennt das: Alles, was da eben noch stand, ist nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch aus der Erinnerung gelöscht. Und sicher erinnert sich auch jeder noch daran, wie gut ein handgeschriebener Spickzettel in einer Klassenarbeit helfen konnte, auch wenn er nicht zum Einsatz kam.

Man hat nämlich beim Abrufen aus der Erinnerung im Geiste nochmal die mathematische Formel oder die Zeilen eines Gedichts nachgezeichnet, die man selbst aus dem Gehirn motorisch zu Papier gebracht hat. Alles läuft wie ein Film vor dem geistigen Auge ab. Und dieser Prozess nennt sich im Fachjargon "sensomotorische Erinnerung". Das heißt, dass sich das Geschriebene und vorher Gedachte durch das Schreiben mit der Hand besser im Gehirn verankert. Das belegt unter anderem eine Studie mit Kindergartenkindern. Sie konnten sich die Buchstaben, die sie mit dem Finger auf dem Papier nachgefahren sind, besser merken als die, die sie auf einer Tastatur getippt haben.

Wenn im digitalen Klassenzimmer also nur noch getippt oder sogar mit 'copy and paste' Sachverhalte an die Wand oder in ein Dokument kopiert werden, ist der Langzeit-Merk- und damit Lerneffekt geringer. Außerdem ist das voll digitalisierte Klassenzimmer ein weiterer Ort, an dem motorische Fähigkeiten eingebüßt werden. Schon jetzt verbringen Kinder viel weniger Zeit auf dem Fahrrad oder einem Klettergerüst als vor dem PC oder dem Handy. Ich plädiere deshalb für kreatives Schreiben, durch Kopf und mit Hand, um sich schon früh eine eigene Handschrift und Denkweise anzueignen!

von Waia Stavrianos
 

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Redaktion: chsi / samu
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 25.01.2016, 11:39 Uhr
 
 

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