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28.01.2016

Gerüchte im Internet

Virale Unwahrheiten

 (Bild:  colourbox.de)
Ein vergewaltigtes Mädchen, ein toter Flüchtling: Immer häufiger tauchen im Internet Geschichten auf, verbreiten sich, sorgen für Aufregung – und stellen sich im Nachhinein als frei erfunden heraus. In den Köpfen bleiben sie teilweise dennoch.
 
So soll einem 13-jährigen Mädchen in Berlin-Marzahn Anfang Januar Schlimmes widerfahren sein. Es wurde am 11. Januar als vermisst gemeldet, 30 Stunden später tauchte es wieder auf. Im Internet und in russischen Medien wurde berichtet, dass es entführt und von mehreren Flüchtlingen 30 Stunden lang vergewaltigt worden sei.

Die Berliner Polizei erklärte bereits kurz nach den ersten Gerüchten ganz klar, dass es keine Vergewaltigung gab, auch keine Entführung. Das Mädchen sei medizinisch untersucht worden, es gebe keinen Hinweis auf eine Vergewaltigung. Es sei "in die falschen Kreise" geraten und habe Sexualkontakte gehabt. Allerdings einvernehmlich und vor seinem Verschwinden. Deswegen werde gegen zwei Verdächtige ermittelt, die aber keine Asylbewerber seien. Wegen Kindesmissbrauchs.
 

"Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte"

Diese Information kümmert jene, die sich über den Fall aufregen, allerdings herzlich wenig. Ganz klar, wer hier lügt. Dass die Polizei dem Gerücht widerspricht, zeige nur einmal wieder, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommen solle – weil es sich um Flüchtlinge handelt. Hunderte sind auf die Straße gezogen, um auf das Schicksal des Mädchens aufmerksam zu machen. Die NPD rief dazu auf, auch ein "Internationaler Konvent Russlanddeutscher". Alle waren sich einig, dass sie den Behörden nicht trauen. Eine Frau sagte einem NDR-Reporter: "Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte."
 

Geschichte von totem Flüchtling frei erfunden

Die andere Geschichte ereignete sich diese Woche. Ein Flüchtlingshelfer setzte am Mittwochmorgen via Facebook die Meldung in die Welt, dass ein syrischer Flüchtling nach langem Warten am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gestorben sei. Inzwischen hat der Mann zugegeben, dass die Geschichte frei erfunden sei. Das bestätigte die Berliner Polizei am Mittwochabend. Der Helfer hätte auch begründet, warum er das getan hat. Das solle er jedoch selbst erklären, so Polizeisprecher Stefan Redlich.

Das tat dieser dann auch, wiederum über Facebook.

Der Post im Wortlaut

"Ich möchte mich hiermit bei euch aus tiefstem Herzen entschuldigen. Es tut mir unendlich leid, dass ich viele Menschen mit meiner falschen Aussage verletzt habe. Ich übernehme für das, was daraus folgte und möglicherweise noch folgen wird, die volle Verantwortung.

Viele von euch haben mich in den vergangenen Monaten persönlich kennengelernt, mit einigen von euch bin ich mittlerweile eng befreundet. Für die, die mich nicht kennen, möchte ich kurz erklären, wie es dazu kam:
Seit einigen Wochen merke ich zunehmend, dass mich mein ehrenamtliches Engagement mehr und mehr an die Grenzen der psychischen und auch körperlichen Belastung bringt. Mehrfach wollte ich mich zurück ziehen, habe es aber nicht geschafft. Gestern Nacht kam ich von einer Feier mit syrischen Freunden und hatte ziemlich viel Alkohol getrunken. Zu viel! Da es wirklich einen jungen Mann gibt, der sich vorm LaGeSo eine schlimme Grippe/Mandelentzündung zugezogen hat, muss ich mich in eine Geschichte hinein gesteigert haben, die ich in diesem Moment wohl selbst geglaubt habe.
Heute morgen konnte ich mich an fast nichts mehr erinnern, erst im Laufe des Tages wurde mir klar, was ich angerichtet habe. Da ich mein Handy ausgeschaltet hatte, wurde mir das Ausmaß erst am frühen Nachmittag klar. Ich habe mich dann mit der Polizei in Verbindung gesetzt und mehrere Stunden eine Aussage gemacht. Ich habe erklärt, dass niemand gestorben ist. Bis zum Abend habe ich mit kaum jemanden von euch gesprochen gehabt, auch wollte ich nie eine Pressekonferenz oder ähnliches abhalten.
Ich weiß, dass ich viele damit sehr verletzt habe. Allen voran Reyna, die ich unbeabsichtigt mit hinein gezogen habe.
Ich wollte wachrütteln, etwas verändern und habe dabei in einer Mischung aus Betrunkenheit und nervlichem Zusammenbruch ein völlig falsches Mittel gewählt. Anders kann ich mein Handeln nicht erklären
Ich werde mich sofort aus allen Gruppen zurückziehen. Jeden Fall, den ich noch betreue, werde ich an andere Helfer abgeben. Euch allen wünsche ich viel Kraft
Es tut mir so wahnsinnig leid."
 

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Redaktion: chsi
Bild: © colourbox.de
Letzte Aktualisierung: 28.01.2016, 22:51 Uhr
 
 

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