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 (Bild: dpa / Collage: hr)

Das postfaktische Zeitalter

Wenn Tatsachen ignoriert werden

Ein neuer Begriff kam in diesem Jahr in Mode: postfaktisch. Das Phänomen als solches ist kein neues – dass nämlich Fakten gegenüber Gefühlen eine untergeordnete Rolle spielen. Es scheint aber mehr und mehr um sich zu greifen, und immer mehr Politiker bedienen genau das. Welche Konsequenzen hat das für die Politik?
 

Von Ariane Focke

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29.09.2016, 6:10 Uhr
Es sind Zeiten, in denen Gefühle wie Hass, Wut und Angst mehr zählen als blanke Zahlen, Statistiken und Fakten. Und es ist die Zeit für populistische Parolen, die genau diese Grundstimmung aufgreifen und der scheinbaren Hilflosigkeit ein "Gefühl" verleihen. "Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist", sagte kürzlich etwa CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, "weil den wirst du nie wieder abschieben." Das ist also das Schlimmste für Scheuer: Ein gut integrierter Senegalese, der auch noch Christ ist.

"Postfaktisch" ist Wort des Jahres 2016
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Das gab der Verein am Freitag (9.12.) in Wiesbaden bekannt. Auf Platz zwei und drei landeten Brexit und Silvesternacht.
Mehr Informationen finden Sie hier.

 

"Was man fühlt, ist auch Realität"

Im Übrigen ist Scheuer Generalsekretär jener CSU, die fordert, Einwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis sollen bevorzugt werden. Es ist eben dieses Gefühl, worauf es ankommt - nicht nur bei Andreas Scheuer. Auch bei der AfD und ihrem Vorsitzenden in Berlin, Georg Pazderski: "Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also das, was man fühlt, ist auch Realität." Die große Koalition hat das Asylrecht massiv verschärft, die Flüchtlingszahlen sinken, Deutschland steht wirtschaftlich bestens dar. Alles obsolet, denn jetzt sind scheinbar Gefühle Realität.
 

Auch Merkel versucht es mit Gefühl

Eine Tatsache, der sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr entziehen kann. "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten", sagte sie etwa nach der Berlin-Wahl. "Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen. Und das Gefühl einiger geht so, ich triebe unser Land in die Überfremdung, Deutschland sei bald nicht mehr wiederzuerkennen."

Fakten kann sie herunterbeten, mit Gefühlen tut sie sich dann doch schwerer. Sie, die stets wohlüberlegte, immer sachlich argumentierende Angela Merkel. Und dennoch versucht sie es nun mit mehr Gefühl: "Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen: Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser – zugegeben komplizierten Phase – besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind."
 
Ist das die Antwort an die Menschen, die die etablierten Parteien scheinbar nicht mehr erreichen? Die unzufrieden sind und sich im Stich gelassen fühlen? Mehr Gefühl?! Die Bundestagswahl im kommenden Jahr wird es zeigen, ob es reicht, "postfaktisch" zu agieren und im wahrsten Sinne des Wortes den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Wissenswert: Postfaktisch

Von Metin Fakioglu

Schon der griechische Philosoph Epiktet hatte festgestellt: Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Das Wort postfaktisch ist eine Zusammensetzung aus "post", also nach oder danach, und "Fakt" für Tatsache - also "nachfaktisch", was so viel heißen will wie: sich von Emotionen, von Gesichtern und Gefühlen leiten lassen, die Fakten spielen dabei keine so große Rolle.

Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, stören

Daraus entsteht dann die Gefühlsdemokratie, von der zurzeit immer häufiger die Rede ist. Das Wissen und die wahren Gegebenheiten, die historischen Ursachen und die Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen: das alles zählt nicht. In der postfaktischen Wahrnehmung stören Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, man will die Tatsachen eigentlich nicht so genau wissen. "Das, was man fühlt, ist auch Realität", ist ein typischer postfaktischer Satz. Aus der Politik weiß man, dass Diktatoren und Demagogen sich gerne dieser Methode bedienen, die Wahrheit wird für die eigene Ideologie zurechtgebogen. Die Folge: viel menschliches Leid, unschuldige Opfer und Zerstörung.

Ritter von der traurigen Gestalt unserer Zeit

Aus der Psychopathologie könnte man die Umschreibung 'verzerrte Realitätswahrnehmung' benutzen. Und vielleicht, wenn man will, aus der Literatur Anleihen machen bei Cervantes: Don Quijote hält Hammelherden für mächtige Heere, die er attackiert; er meint, eine Barbierschüssel sei ein wertvoller Helm; und er ficht einen blutigen Kampf mit Schläuchen, in denen nur roter Wein fließt. Postfaktische Menschen sind in gewisser Weise also die Ritter von der traurigen Gestalt unserer Zeit.
 

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Redaktion: chsi
Letzte Aktualisierung: 9.12.2016, 10:31 Uhr
 
 

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