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9.01.2017

Intime Debatte – Sexualassistenz auf Rezept

Ist die Finanzierung einer Sexualassistenz für Pflegebedürftige sinnvoll?

Pflegebedürftige und Schwerkranke sollen nach Ansicht der Grünen künftig eine Sexualassistenz finanziert bekommen. Das forderte die pflege-politische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg: "Die Kommune könnte über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren." Ist das sinnvoll? Wir haben mit zwei Experten darüber gesprochen.
 

Nina de Vries, niederländische Sexualassistentin in Berlin

hr-iNFO: Gibt es einen Unterschied zwischen einer Prostituierten und einer Sexualassistentin?

De Vries: Es geht um eine bezahlte sexuelle Dienstleistung. Ich benutze das Wort "Sexarbeiter" lieber als das Wort Prostitution. Prostitution ist als Wort eigentlich nur noch ein Schimpfwort. Es gibt viele gute Prostituierte, es gibt auch viele, die das machen müssen und es nicht wollen. Und das ist bei Sexualassistenzen nicht der Fall. Es geht um Menschen, die aus einer bewussten und transparenten Motivation heraus entschieden haben: Ich will das machen. Ich kann das machen. Die das auch reflektieren können und reflektiert haben. Das muss jeder für sich gucken. Es ist also kein Standard-Angebot.
 
Sex für Pflegebedürftige auf Rezept: Was halten Sie davon?

Naja, das sind alles so Reizwörter jetzt. Ich finde das ist Alles völlig übertrieben. Was ich daran eigentlich gut finde ist, dass es mal ins öffentliche Bewusstsein kommt. Dass auch Menschen mit Behinderungen, Menschen in Pflegeheim wohnen, auch Menschen mit Demenz eine Sexualität haben. Ansonsten denke ich, dass ist alles jetzt ein totales Durcheinander, wenn zum Beispiel gesagt wird, so wie in den Niederlanden. In den Niederlanden weiß ich, dass man alles offen legen muss. Wenn man irgendwelches Geld haben will, dann muss man beweisen, dass man zum Beispiel nicht masturbieren kann. Also da muss man seinen Intimbereich komplett offen legen. Und ich denke, das können und wollen die Wenigsten.
 
Glauben Sie, dass diese Finanzierung von Betroffenen in Anspruch genommen würde?

Doch, bestimmt würden das manche. Das würde aber nicht von der Krankenversicherung bezahlt werden. Denn Sexualität ist keine Krankheit, es ist keine Störung, sondern ein menschliches Grundbedürfnis. Und wenn das mehr ins Bewusstsein gerückt wird und es gebe die Möglichkeit, Gelder zu beantragen, wenn jemand sagt, ich bin spastische gelähmt und ich kann mich nicht selber berühren. Da geht es auch, glaube ich, oft gar nicht um den Geschlechtsverkehr oder das was wir unter Sex verstehen. Da geht es um Berührung und um Nähe. Dass so jemand sagt, ich brauche das und bin bereit, mich daran zu setzen, wahrscheinlich mit Unterstützung von meinen Leuten hier, um dafür Gelder zu beantragen, dann soll er das machen. Das wäre natürlich super.
 
Wie genau sieht denn Ihre Arbeit aus? Welche Dienstleistungen bieten Sie denn ganz konkret an?

Also ich arbeite eigentlich nur noch individuell mit Menschen, die schwerst mehrfach behindert sind, auch eine schwere geistige Behinderung haben. Daneben mache ich immer mehr Öffentlichkeitsarbeit, also Vorträge, Pflegekongresse, Pflegeheime.
 
Wie kommen diese Menschen denn auf Sie zu?

Die kommen nicht auf mich zu. Da kommen die Angehörigen auf mich zu, die Pflegedienstleitung, die Heimpsychologin, der Heimleiter. Das sind die Menschen, die sich melden. Und da geht es dann schon oft um Notsituationen. Ich habe gelesen, da gibt es einen Professor, der meint, es wäre menschenverachtend, weil es wäre nur ruhig stellen. Da geht es aber eben nicht um ruhig stellen, sondern darum, zu schauen, könnten vielleicht diese Verhaltensweisen wie Aggression, Autoaggression, Übergriffe, etwas zu tun haben mit Sexualität.
 
Ist Sex im Pflegeheim oder überhaupt bei pflegebedürftigen Menschen ein großes Tabu?

In unserer Gesellschaft ist es ein großes Tabu. Sexualität ist etwas intimes, privates. Darüber reden die meisten Menschen nicht mit anderen. Wenn Du aber plötzlich in einem gezwungenen Kollektiv wohnst oder auch schon von Kindheit an, weil Du behindert bist und es in unserer Gesellschaft keine wirkliche Inklusion gibt. Es gibt eben diese Trennung. Diese Menschen, die eben pflegebedürftig sind, werden alle auf einen Haufen gepackt und dadurch entstehen die Schwierigkeiten. Weil es dann für manche eben nicht mehr möglich ist zu sagen, hier ist meine Privatebene und ich will das und das da machen können. Weil sie eben auch abhängig sind von dieser pflegerische Umgebung und die dann möglicherweise ein Problem damit haben.
 
Diese pflegerische Umgebung muss noch viel dazulernen in Deutschland?

Ja, auf jeden Fall. Und das finde ich auch eigentlich auch einen interessanteren Ansatz für mich, für meine Person. Das einzig Gute, was ich jetzt an dieser Geschichte sehe, ist, dass etwas jetzt behandelt wird, dass die Menschen nachdenken. Das höre ich schon ganz oft in den vergangenen Jahren, dass Leute sagen, stimmt, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Und das finde ich, das Interessante jetzt, was jetzt passieren könnte.
 
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Redaktion: afo / chsi
Letzte Aktualisierung: 9.01.2017, 17:04 Uhr
 
 

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