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5.01.2016

Nach Massenüberfällen in Köln

Kristina Schröder über muslimische Männlichkeitsnormen

Kristina Schröder (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Kristina Schröder
Kurz nach den ersten Meldungen zu den gewaltsamen Massenübergriffen in Köln Silvester, twitterte die ehemalige Familienministerin, man müsse sich mit "gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur auseinandersetzen". In hr-iNFO fordert Schröder, Tabus abzulegen und Probleme offen anzusprechen.
 

 

hr-iNFO: Frau Schröder, wie meinen Sie Ihren Satz auf Twitter?

Kristina Schröder: Männlichkeitsnormen sind ja etwas ganz Normales. Jede Kultur hat Vorstellungen, darüber, wie ein Mann oder eine Frau sich in der Regel verhält. Das finden Sie überall mehr oder weniger stark ausgeprägt. Wir haben aber innerhalb der muslimischen Kultur eine Vorstellung, die sehr stark mit einem bestimmten Begriff der Ehre verknüpft ist. Der Mann hat eine Ehre, die er verteidigt und die er zur Not auch mit Gewalt verteidigt. Das ist besser, als als Schwächling zu gelten. Diese Männlichkeitsvorstellung ist eine, die uns Probleme bereitet und mit der müssen wir uns auseinander setzen, wenn die Integration von Migranten hier in Deutschland funktionieren soll. Denn diese Vorstellung von Ehre verknüpft mit Gewalt ist nicht mit unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung vereinbar.
 
Man weiß noch nicht viel über die Täter in Köln – muss man da mit einer Bewertung nicht vorsichtig sein?

Wir haben ja übereinstimmende Aussagen, sowohl von der Polizei als auch von den Opfern, dass die Täter der deutschen Sprache nicht mächtig waren und dass sie phänotypisch dem arabischen Raum zuzuordnen sind. Aber es ist völlig klar, wenn das der einzige Vorfall wäre, dann könnte man daraus noch nicht viel schließen. Ich sage aber, wir stellen schon seit vielen Jahren fest, dass es ein Problem mit einer bestimmten Vorstellung von Männlichkeit gibt, die auch oft mit Gewalt verknüpft ist und dass wir dieses Problem hier in Deutschland feststellen aber auch weltweit. Wenn Sie sich zum Beispiel die Stellung der Frau in der muslimischen Welt anschauen. Sie ist eben sehr oft keine Gleichberechtigte. Oder wenn Sie schauen, welche Probleme wir mit Zwangsverheiratungen haben, mit so genannten Ehrenmorden. Natürlich trifft das nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland, aber ich sage, rein empirisch haben wir unter den Muslimen in Deutschland ein größeres Problem als unter anderen ethnischen Gruppen. Natürlich gibt es das unter Nicht-Migranten auch, aber empirisch ist eine Häufung in der muslimischen Community festzustellen.
 
Es ist ein sensibles Thema, bei dem man leicht Klischees bedienen kann. Das kann man Ihnen hier auch vorwerfen.

Man muss vorsichtig sein, aber ich glaube, wenn man das Thema weiter tabuisiert, erst dann spielt man rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien in die Hände.
 
Aber Sie nehmen ein konkretes Ereignis, um eine allgemeine Äußerung zu treffen. Auf Twitter kann man nicht viel argumentieren. Ist es das richtige Medium, sich zu äußern?

Deswegen ist Twitter ja auch ein Medium für kurze Aussagen, aber ich habe verlinkt auf eine Stellungnahme von mir aus dem Jahr 2007, wo ich mich sehr genau und sehr differenziert mit diesem Thema auseinandergesetzt habe und deutlich gemacht habe, dass wir dieses Problem haben und dass wir es mit offenen Augen angehen müssen. Und dass wir auf muslimische Verbände und Gruppen schauen: Sind sie bereit, darüber zu sprechen und es mit uns gemeinsam anzugehen? Sind sie bereit zuzubilligen, dass es keinen kulturellen Rabatt geben darf beim Besuch des Schwimmunterrichtes, des Turnunterrichts für Mädchen, bei der Frage nach Zwangsverheiratungen? All diese Themen müssen auf den Tisch und gerade jetzt, wo das Thema Integration von Migranten so ein existentielles für Deutschland ist. Wir werden an der Integration scheitern, wenn wir in diesen wichtigen Fragen die Augen verschließen.
 
Aber vermischen Sie da nicht verschiedenen Ebenen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben? Verbreiten sie nicht generell das Klischee, muslimische Männer haben eine höhere Gewaltbereitschaft als andere Männer?

Ich glaube schon, dass wir sehr viele Hinweise haben, dass wir hier ein Problem haben und wenn wir hier ein Problem haben, dann bringt es nichts, vor diesem Problem die Augen zu verschließen. Dann müssen wir dieses Problem angehen und vor allem müssen wir aus Fehlern der Vergangenheit lernen und gerade dieses Thema „Gleichberechtigung von Mann und Frau“, „absolute Ablehnung von Gewalt“, dann müssen wir dieses Thema ins Zentrum der Integration stellen und nur dann werden wir hier erfolgreich sein. Wir haben nun schon einmal eine Migrantengeneration in den 60er/70er Jahren integriert und teilweise haben wir heute noch mit den Folgen gescheiterter Integration zu tun und ich will nicht, dass wir diese Fehler wiederholen.
 
Aber wenn sie von Integration sprechen und wissen gleichzeitig nicht viel von den Tätern in Köln, ob die überhaupt zur Integration in Deutschland sind, dann bleibe ich dabei, kann man Ihnen vorwerfen, Dinge zu vermischen, die nicht zusammengehören.

Nochmal, wir haben in Köln zumindest sehr starke Hinweise, dass es sich um Menschen mit einem arabischen Hintergrund handelt und deswegen ist es schon wichtig und auch naheliegend, hier über das Thema Männlichkeitsnormen in der islamischen Kultur zu sprechen. Aber Köln wäre nicht hinreichend. Aber wollen Sie etwa bestreiten, dass es in Kulturen, die stark muslimisch geprägt sind, wie dort mit Frauen umgegangen wird? Ich finde, wenn wir immer nur Argumente finden, warum wir darüber nicht reden sollten – und die kann man immer finden – dann kann man sich immer auf eine hohe Warte stellen und sagen, ich bin hier die Anständige, aber wenn man das macht, dann wird bei diesem Thema nichts passieren, weil wir uns hier nicht um Lösungsansätze kümmern. Man muss doch erst einmal überhaupt sagen, hier gibt es ein Problem, um dann über Lösungsansätze nachzudenken.
 

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Redaktion: samu / chsi
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 6.01.2016, 14:25 Uhr
 
 

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