hr-online Informationen aus Hessen
hrInfo.de
Buchcover (Ausschnitt) (Bild: Kiepenheuer & Witsch)
Buchcover (Ausschnitt)
16.02.2017

hr-iNFO-Büchercheck vom 16.02.2017

Büchercheck: "Der Lärm der Zeit"

In Julien Barnes neustem Roman geht es um den russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, dessen Musik unter dem Einfluss des sowjetischen Systems machtlos ist. Eine ergreifende Darstellung der Schwäche des Einzelnen in der Konfrontation mit der Macht, meint unser hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer.
Bewertung
******
 

Worum geht es?

Information

Julien Barnes: "Der Lärm der Zeit"

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3462048889
256 Seiten
20,00 Euro
Julien Barnes neuster Roman handelt von Macht und Kunst, genauer gesagt von der Ohnmacht der Kunst unter einem despotischen Regime. Im Zentrum des Romans steht Dimitri Schostakowitsch, einer der wichtigsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Barnes erzählt seine Geschichte anhand von drei entscheidenden Situationen, zwischen denen jeweils zwölf Jahre liegen. Der Roman beginnt im Jahr 1936, als sich der eigentlich gefeierte Komponist, mit einem kritischen, offenbar von Stalin autorisierten Prawda-Artikel konfrontiert sieht und nun stündlich mit seiner Verhaftung rechnet. Zwölf Jahre später reist Schostakowitsch als Mitglied einer russischen Delegation in die USA und wird genötigt, seine eigene Musik sowie die von Kollegen, wie etwa Strawinski, öffentlich in den Schmutz zu ziehen. Wiederum zwölf Jahre später, als er meint Stalin glücklich überlebt zu haben, gelingt es dem Sowjetregime, Schostakowitsch noch eine letzte Demütigung zuzufügen. Seine Musik, so muss er einsehen, ist machtlos gegen den Lärm der Zeit.
 

Wie ist es geschrieben?

Man muss kein Kenner der klassischen Musik sein, um von diesem Buch gepackt zu werden. Julien Barnes konzentriert sich auf das allgemein menschliche Drama, das er in Schostakowitschs Kampf mit Stalin und seinen Schatten erkennt. Das Faszinierende und auch Spannende an dem 240 Seiten kurzen Roman, ist die Kühnheit, mit der Barnes dieses Drama auf drei einzelne Lebensmomente reduziert. Momente, in denen er aber das ganze Dilemma eines ohnmächtigen Künstlers aufs Deutlichste heraus präpariert. Etwa wenn Schostakowitsch 1936 jeden Abend, weil er seine Familie nicht ängstigen will, die Koffer packt und vor die Tür geht, in Erwartung der Schergen Stalins:

Zitat:
"Er stand schon seit drei Stunden am Aufzug. Er rauchte seine fünfte Zigarette und seine Gedanken zuckten hierhin und dorthin. Gesichter, Namen, Erinnerungen...auch die Gesichter und Namen von Toten."


Oder wenn er im Jahr 1960, konfrontiert mit seiner Ohnmacht und seinem Opportunismus, zu folgender Schlussfolgerung kommt:

Zitat:
"Das war die letzte unwiderlegbare Ironie seines Lebens. Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht...Seine Hoffnung war, der Tod werde seine Musik befreien: befreien von seinem Leben."
 

Wie gefällt es?

Dieses Buch ist eine ergreifende Darstellung der Schwäche des Einzelnen in der Konfrontation mit der Macht. Aber diese Schwäche kann, je nachdem womit die Macht droht, verschiedene Gesichter haben. Das arbeitet Julien Barnes sehr genau heraus. Er zeigt uns die Ängste und Rechtfertigungsversuche Schostakowitschs ebenso wie die Verzweiflung eines Mannes, der schließlich erkennen muss, dass er seine Seele verkauft hat, um seine Musik zu retten. Julien Barnes urteilt nicht über dieses Mann, die Entscheidung, ob man sich auch anders hätte verhalten können, überlässt er jedem von uns. Genau das macht diesen Roman so allgemeingültig und so überzeugend. Julien Barnes ist einmal mehr ein Meisterwerk gelungen.
 
Redaktion: jsh
Letzte Aktualisierung: 16.02.2017, 16:42 Uhr
 
 

Höreraktion

Ihre Buch-Empfehlung

Wir möchten wissen, welches Buch Sie nachhaltig und besonders beeindruckt hat.
Link Schreiben Sie uns!
Link Ihre Empfehlungen

Lesungen


 

Empfang

hr-iNFO-Frequenzen

So können Sie hr-iNFO hören. [mehr]
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.
SZM-Daten dieser Seite