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Gedichte

Verfolgte Dichter, geachtete Dichtung

Montag, 15. Mai 2017, 6:15 Uhr
 (Bild: PEN)
In dieser Woche stellen wir Ihnen Gedichte vor, die verfolgte Schriftsteller geschrieben haben, die in Deutschland leben. Im Rahmen des Writers-in-Exile Programms des PEN Zentrums Deutschland ist eine Annthologie entstanden, die am Dienstagend in Darmstadt vorgestellt wird.
 

Mehr zum Thema

Zuflucht in Deutschland
Texte verfolgter Autoren

Gedichte aus der Anthologie des Writers-in-Exile-Programms des PEN, herausgegeben von Josef Haslinger und Franziska Sperr
Fischer Taschenbuch
Hinter den versammelten Texten der Anthologie stehen Schicksale, die ein bezeichnendes Licht auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Heimatländer dieser Autoren werfen. Ebenso die Probleme, die bewältigt werden müssen, wenn man als Schriftsteller in Deutschland eine neue Heimat finden muss. Der Redaktion von hr2-kultur erscheint das Projekt so interessant, dass wir in dieser Woche einzelne Gedichte aus der Anthologie vorstellen. Franziska Sperr, die Herausgeberin ist im übrigen auch Gast im hr2-Kulturcafé am Montag nachmittag.
 
 (Bild: Roland Baege www.rolandbaege.de)
Yamen Hussein
Das Gedicht Siebzehn Minuten stammt von Yamen Hussein, einem Dichter und Journalisten aus Homs in Syrien. Schon als 22-Jähriger kritisierte er mutig das sektenähnliche System der Universität von Homs und übte immer wieder öffentlich Kritik an der Regierung. Yamen Hussein hat in Syrien deswegen Morddrohungen erhalten, flüchtete in die Türkei und lebt seit 2014 in München. Sein Gedicht Siebzehn Minuten reflektiert diese Situation.

Siebzehn Minuten

Die verbleibende Zeit,
bis die U-Bahn kommt,
die mich und einen Trinker
zu meiner Station bringt,
reicht für einen Liebesrausch,
reicht,
um ein Massaker zu begehen,
dass eine Scud-Rakete Rakka erreicht
und ein ganzes Wohnviertel zerstört,
dass eine Katze ihre Seele aushaucht
unter den Rädern eines Lastwagens,
dass ein Henker
sich die Spuren des Gehirns abwäscht,
das er am Mittag mit einer Axt zerschmettert hat.
Zeit genug
für ein weiteres
Glas Bier,
das dich über die Schwelle trägt
in den angenehmen Taumel,
in den Rausch,
dass du tanzt wie ein Irrer.
 
Das Gedicht "Morgen" stammt ebenfalls von Yameen Hussein, einem Dichter und Journalisten aus Homs in Syrien. Schon als 22 jähriger kritisierte er mutig das sektenähnliche System der Universität von Homs kritisierte und übte immer wieder öffentlich Kritik an der Regierung. Nach Morddrohungen und gewalttätigen Übergriffen flüchtete Yamen Hussein in die Türkei und lebt seit 2014 in München.


Morgen

Morgen wirst du ein Jahr älter
und die Entfernung zwischen uns wird
zur grausamen Bestie.
Morgen wachsen deine milchweißen Zähne ein Stück,
jene ersten, die noch nicht ausgefallen sind.
Deine lange Nase, die ich so liebe und die du hasst,
holt tief Luft,
stockt.
Deine dunkle Haut wird noch schöner,
ich sage dir das,
und in deiner Achselhöhle zeigt sich ein Salzfeld.
Waw! Ist das Herz aufgeregt, schwitzt der Körper.
Die Locke an der Stirn
wird auch ein Jahr älter
und lang wie das Haar an einem Maiskolben.
Du und ich
bringen einen bitteren Toast aus – auf das Leben,
jeder von uns in einem »Land« … Nein!
Das ganze Land bist du
und das Exil eine harte Nuss,
knackst du sie mit den Zähnen,
bricht sie entzwei.
Unser Los ist es, einen Strumpf in den Himmel zu werfen
und zu warten, dass der Geist des Festes
uns Geschenke bringt und die Wünsche erfüllt.
Morgen werfe ich einen Strumpf in die Luft,
warte auf deine Sterne
und fange sie auf,
Stern für Stern

 
 (Bild: Roland Baege www.rolandbaege.de hr)
Am Mittwoch und am Donnerstag stellen wir Ihnen die tunesische Schriftstellerin, Dichterin und Journalistin Najet Adouani vor. Sie setzt sich für die Rechte von Frauen ein und für eine freiheitliche Gesellschaft ein. Auch nach der tunesischen Revolution im Jahr 2011 kämpfte sie weiter für ihre Ziele, schrieb für verschiedene Zeitungen und ein Radiomagazin. Ihre journalistischen Recherchen brachten sie nun allerdings mehr denn je in Schwierigkeiten und führten dazu, dass die Salafisten, die zunehmend den tunesischen Diskurs bestimmten, sie auf ihre "schwarze Liste"
setzten. Sie wurde wiederholt bedroht und schließlich gezwungen, ihre Arbeit für das Radio einzustellen. Schließlich durfte sie überhaupt
nicht mehr veröffentlichen und gab offiziell all ihre schriftstellerischen Tätigkeiten auf. Trotzdem wurde sie weiterhin unter Druck gesetzt und floh deshalb im Oktober 2012 ins Exil nach Deutschland.

Ihre Gedichte setzen sich auf sehr persönliche Weise mit Trauer, Verlust und Gewalterfahrungen auseinander.


Großmutters Grab

Schließe mich in die Arme, Großmutter!
Ich, deine Kleine, wie eh und je,
träume noch immer von dem Prinzen,
der abends kommt
mit Geschenken.
Schließe mich in die Arme, Großmutter!
Ich vermisse deinen Duft,
vermisse deine Geschichten.
Noch im Untergehen
brennt die Sonne auf meine Lippen.
Komm, lass uns spielen,
lass uns
die Gebeine dem Strudel der Wellen übergeben,
wenn das Meer tosend
den Friedhof verschlingt,
der erhaben thront über Marsa.


Berlin, Frühjahr 2014

 
Die tunesische Schriftstellerin, Dichterin und Journalistin Najet Adouani setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte von Frauen ein. Ihre Situation in ihrem Heimatland beschrieb sie anhand folgender Szene: "Ich erinnere mich daran, wie ich mit dem Bus in eine sehr ländliche Gegend im Süden Tunesiens fuhr und viel Zuspruch und positive Reaktionen auf eine Rede für die Unterstützung von Frauenrechten erfuhr, die ich gehalten hatte. Doch nachdem die Frauen begeistert geklatscht hatten, rief ein Mann mit langem Bart: Dreckige Kommunistin, Gottlose! Sofort wendeten sich die Frauen von mir ab und bespuckten mich."

Najet Adouani durfte schließlich überhaupt nicht mehr veröffentlichen und floh deshalb im Oktober 2012 ins Exil nach Deutschland.

Ihr Gedicht "Der revolutionäre Held" setzt sich auf sehr persönliche Weise mit diesen Erfahrungen auseinander.

Der revolutionäre Held

Der revolutionäre Held
hebt die Frauen mit Worten in den Himmel
und raucht Zigarillos,
an denen der Duft mittelloser junger Kubanerinnen haftet.
Er besticht den Wind
mit dem Atem von Arbeiterinnen,
die bis zur Erschöpfung
Kleider nähen für Dschihadistinnen
und den Gelehrten der Finsternis den Bart einbalsamieren
mit dem Moschus ihrer Schenkel.
Er erhöht den Preis für Brot
und ernährt sich selbst von warmen Croissants.
Er steckt dem Polizisten des Viertels eine Liste zu
mit den Namen aller, die ihre Zunge noch haben.
Er hievt seinen fetten Leib auf eure Schultern
und lässt sich von euch spazieren tragen.
Er verrät euch für ein Saufgelage
und für eine Paradiesjungfrau aus dem Bordell der
Obrigkeit.
Welche Position er besetzt, ist unwesentlich.
Hauptsache, die Fleischtöpfe sind gehaltvoll
und die Zigarillos echt.

Berlin, Herbst 2014
 
 (Bild: Roland Baege www.rolandbaege.de hr)
Am Freitag und am Samstag stellen wir Ihnen einen kolumbianischen Autor vor: Erik Are llana Bautista, einen Menschenrechtsaktivist, Dokumentarfilmer, Journalist und Autor, der unermüdlich gegen das Vergessen in seinem Land kämpft. In Kolumbien gelten bis an die 50.000 Menschen als "gewaltsam verschleppt", denn in dem südamerikanischen Land herrscht seit über 50 Jahren Bürgerkrieg.

Guerilla, Paramilitärs, die Drogenmafia und die Armee kämpfen dabei gegen- und miteinander, die Konfliktlinien sind schon lange nicht mehr klar. Auch Arellana Bautistas Mutter, die in den achtziger Jahren politisch im Untergrund arbeitete, wurde 1987 durch kolumbianische Paramilitärs entführt und ermordet. Aufgrund seines Engagements wurde auch Erik Arellana Bautista verfolgt und bedroht und lebte von 1997 an zum ersten Mal für zehn Jahre in Deutschland. Hier konnte er Audiovisuelle Kommunikation an den Kunsthochschulen in Kassel und Weimar studieren, begann literarisch zu schreiben und Dokumentarfilme zu drehen. Immer wieder kommt er zu seinem Hauptthema zurück: den Verschwundenen und dem Schmerz ihrer Angehörigen. 2006 kehrte er nach Kolumbien zurück, um als Journalist und Universitätsdozent in Bogotá zu arbeiten.

Doch er und seine Arbeit gerieten zunehmend unter Druck, so dass Erik Arellana Bautista seine Heimat erneut verließ. Seit 2014 ist er Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN und lebt in Hamburg. Mittlerweile hat er damit begonnen, Gedichte in deutscher Sprache zu verfassen.

Weinlied im Exil

Aus rotem Glas nehm ich die Tinte,
die in mein Inneres schreibt.
Eine Tafel zeigt mir in Schwarz-Weiß
meinen Weg in einen fremden Alltag,
und lässt mich auf zwei Rädern entfliehen.
Ich suche nach einem Weinberg,
in dem der Dichter trinkt
und so sein Dasein
in der Ferne führt.
Aus meinen Händen
entfliehen
Absätze, Pausen, Doppellaute,
profane Grammatiken.
Texte, in denen der Seemann
von seiner letzten Reise
nicht heimkehrt.
Mit ungewissem Rückweg,
bleibt hinter mir die Heimat,
der Hafen mit seinem weiten Gelände,
die Wege der Stadt.
Woher kommen die Schriftsteller,
die vor Gräbern und Geschossen fliehen?
Sie kommen aus der Haft. Aus der Nacht.
Dunkel wie zertretene Trauben,
aus denen der Saft rinnt.
Das ist der Wein, von dem ich trinke,
im Mitternachts-Exil.

 
Aufgrund seines Engagements wurde Erik Arellana Bautista verfolgt und bedroht und lebte von 1997 an zum ersten Mal für zehn Jahre in Deutschland. Hier konnte er Audiovisuelle Kommunikation an den Kunsthochschulen in Kassel und Weimar studieren, begann literarisch zu schreiben und Dokumentarfilme zu drehen. Immer wieder kommt er zu seinem Hauptthema zurück: den Verschwundenen und dem Schmerz ihrer Angehörigen. 2006 kehrte er nach Kolumbien zurück, um als Journalist und Universitätsdozent in Bogotá zu arbeiten. Doch er und seine Arbeit gerieten zunehmend unter Druck. Seit 2014 ist Erik Arellana Bautista Stipendiat im Writers-in-Exile-Programm des PEN und lebt in Hamburg. Mittlerweile schreibt er seine Gedichte in deutscher Sprache.


Ich atme

Ich atme,
ich atme noch,
suche nach mir im
verunglückten Zug,
eine rastlose Narbe,
ein Dichter im Exil.
Am Hafen treib ich mich herum,
oder nah am Fluss,
in der Dämmerung,
ohne Zeugen.
In der Kolonie der Wanderer
beginne ich meinen Feldzug in verwandten,
verderbten Kreisen.
Die Dichtung der Verbannung
ist bedrängt von der Ungewissheit.
Ich suche das schwierige Rätsel zu lösen,
die Puzzle-Stücke zu erkennen,
zum Weben und zum Nähen,
zum Aufheben und Aussäen.
Noch bin ich mit dem Rennen nicht fertig.
Auch Grenzen gehen vorüber.
In der Diaspora lächeln wir,
die Überlebenden,
und finden zusammen in der Umarmung im Jetzt.
Wir gehen zusammen ins Gestern
und auch in das Morgen.
Ich besinne mich auf den Wert der Freiheit,
das gibt mir Hoffnung und rettet mich,
wie einen Schiffbrüchigen auf hoher See.
Nach der Flut kommt die Windstille.
Die Ewigkeit,
ein fremdes Lächeln an der Bushaltestelle.


 

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Redaktion: aha
Bilder: © Roland Baege www.rolandbaege.de (1), © Roland Baege www.rolandbaege.de hr (2), © PEN (1)
Letzte Aktualisierung: 12.05.2017, 16:05 Uhr
 
 

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