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CD-Tipp

Ein Virtuose wird nachdenklich

Arcadi Volodos (Bild: Salzman Music)
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Arcadi Volodos
Vor 20 Jahren wurde er schlagartig berühmt. Der russische Pianist Arcadi Volodos, damals 25 Jahre jung, hatte seine erste CD vorgelegt.
 

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21.04.2017, 6:45 Uhr
Darauf hochvirtuose Klaviertranskriptionen, auch von Vladimir Horowitz. Und eine eigene originelle Bearbeitung des Türkischen Marschs von Mozart, die heute viele Pianisten im Repertoire haben. Kritiker und Zuhörer waren damals begeistert. Schnell galt Arcadi Volodos als Übervirtuose, dem keine technischen Grenzen gesetzt sind.

Doch nach und nach wich die Hochglanzvirtuosität leiseren, nachdenklicheren Tönen. Statt Liszt und Rachmaninow: zum Beispiel Schubert und Beethoven. Längst hat sich Arcadi Volodos als Pianist mit Tiefgang etabliert. Den zeigt er auch auf seinem neuen Album mit dem Titel "Volodos plays Brahms". Meinolf Bunsmann hat sich die CD angehört.
 
Audio: CD-Tipp: Arcadi Volodos spielt Brahms 4:47 Min
(© hr2, 21.04.2017)
20 Sekunden Brahms. Und Arcadi Volodos hat mich schon gepackt. Wie schafft er das bloß? Neugierig hole ich mir die Noten aus dem Regal. "Unruhig bewegt" steht da als Vortragsanweisung im fis-moll Capriccio op 76. Und "sotto voce", also eher mit gedämpftem Ton. Nach vier Takten "poco a poco crescendo" - nach und nach lauter werdend. Kurz vor dem Fortissimo schreibt Brahms "sostenuto", das heißt, er drosselt vor dem Höhepunkt noch mal das Tempo. Um danach beide Hände im Abstand von zwei Oktaven von oben nach unten stürzen zu lassen. Perfekt gespielt von Arcadi Volodos. Bemerkenswert, wie Volodos einen großen Bogen spannt.
 
CD-Cover (Bild: Sony Classical)
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CD-Cover
Das ist ein Aspekt, der einen großen Musiker ausmacht. Die Liebe zum Detail, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Dazu kommt bei Volodos noch eine verblüffende Technik. Die kann bei Brahms nur von Vorteil sein. Er gilt für Pianisten als einer der schwierigsten Komponisten. Sein zweites Klavierkonzert beispielsweise gehört zu den ganz großen Herausforderungen. Volodos spielt so etwas auch live mit Spannung und gleichzeitiger Entspanntheit. Für seine neue CD hat er sich vier der Klavierstücke op. 76 ausgesucht. Und die ganz späten Sammlungen op. 116 und op. 117. Kurze, mal ruhige, mal bewegte Charakterstücke, die zum Nachdenklichsten und Schönsten gehören, das Brahms komponiert hat.

Volodos spielt die langsamen, lyrischen Stücke mit einer bewegenden Zartheit, läuft dabei aber nie Gefahr, auf die Tränendrüse zu drücken. Keine Kitschgefahr durch zu große Tempodehnungen, übertriebene Akzentuierung, durch zu viel rechtes Pedal. Nach lyrischen Momenten dann: kraftvoll zupackendes Spiel in der Ballade op. 118. Da flackert der Brahms der ungarischen Tänze auf.

Federnd, energetisch, transparent klingt das. Arcadi Volodos muss hier mit der rechten Hand Melodie und Teile der akkordischen Begleitung gleichzeitig spielen. Ein Klacks für ihn. Wunderschön, wie er immer wieder die musikalischen Bögen an- und entspannt, sich aufschwingt zu neuen Höhepunkten.

Arcadi Volodos hat sein Image als Übervirtuose mit einem Pensum von mehr als 200 Live-Auftritten pro Jahr abgelegt. Heute gibt er nur noch rund 50 Konzerte. Er nimmt sich Zeit, um zu reifen. Seine Interpretationen reifen mit. Er fühle sich wie ein Dinosaurier, sagt der erst 45-Jährige in einem Interview, weil sein Verfallsdatum schon abgelaufen sei. Ist das Koketterie oder wirkliche Angst? Zu fürchten braucht sich Arcadi Volodos jedenfalls nicht. Nach vier Jahren CD-Pause ist Arcadi Volodos mit diesem Brahms Album ein großer Wurf gelungen. Gut Ding will Weile haben. Und weniger ist eben mehr. Und davon kann man dann gar nicht genug bekommen!

Meinolf Bunsmann
 

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Redaktion: ulth / maco
Bilder: © Sony Classical (1), © Salzman Music (1)
Letzte Aktualisierung: 24.04.2017, 13:28 Uhr
 
 

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