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Die 1970er

Alles neu: Am 23. April 1972 fällt der Startschuß für etwas, von dem man später sagen wird, dass es Radiogeschichte geschrieben hat: hr3. Statt Eiern werden an diesem Ostersonntag die Regler gesucht und in den ersten Nachrichten berichtet man von der Heimkehr zweier US-Astronauten. Wer hätte damals gedacht, was noch alles kommen sollte?
 

Vor Sendestart

1972 waren reine Musikprogramme in der Radiolandschaft noch genauso Zukunftsmusik wie Jugendwellen. Im Alleingang hatte der Bayerische Rundfunk bereits am 1. April 1971 eine Servicewelle gestartet: "Bayern 3. Die Servicewelle von Radio München", inspiriert vom Erfolg der österreichischen Nachbarwelle Ö3, die bereits 1967 ihren Sendebetrieb aufgenommen hatte. Schon vor dem hr3-Sendestart gab es die Frequenzen des dritten Hörfunkprogramms des Hessischen Rundfunks. Hier wurden seit 1964 auf einigen Frequenzen zwischen 18.30 und 22 Uhr Sendungen für ausländische Arbeitnehmer ausgestrahlt. Nachdem die Pläne der ARD gescheitert waren, bundesweit eine Autofahrerwelle einzurichten (sie erhielten nicht die nötigen Frequenzen), entschied sich auch der Hessische Rundfunk, für Hessens Autofahrer selbst zu sorgen. Die zuständigen Ministerien und Behörden, insbesondere das Hessische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr und das Hessische Innenministerium, haben den Aufbau des Verkehrsfunks von Anfang an tatkräftig unterstützt und gefördert.
 

hr3 geht on air

 (Bild: hr)
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Audio: Die erste Nachrichtensendung 55 Sek
(© hr3, 08.10.2008)
Am Ostersonntag, 23. April 1972, hieß es um 5.30 Uhr morgens aus dem Mund von hr3-Sprecher Gerd Bollmann erstmals: "hr3 - Die Servicewelle aus Frankfurt". Gesendet wurde aus dem Rundbau, Tonstudio N. (3. Geschoss) auf dem heutigen Rundfunkgelände am Dornbusch. Die Kennmelodie, das erste hr3-Jingle, wurde übrigens von Moderator Hans Carl (Atze) Schmidt mit "mundgeblasenen" Schnalzern versehen. Ein wichtiger Bestandteil waren die stündlichen Nachrichten: zu jeder vollen Stunde Informationen aus aller Welt. In den ersten hr3-Nachrichten wurde von den US-amerikanischen Astronauten Young und Duke berichtet, die nach ihrem zweiten Mondausflug in die Landefähre Orion zurückkehrten. Von 5.30 bis 19 Uhr abends gab es Meldungen zur aktuellen Verkehrslage. Reisetipps, Reiserufe, Ratschläge aus Verkehrsmedizin und Technik rundeten den Service ab. Eine Neuheit, die von den Hörern begierig angenommen wurde.
 

Der Radioservice in hr3

Die hr3-Frequenz im Rhein-Main-Gebiet, Mittelhessen und Südhessen (Bild: hr)
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Die hr3-Frequenz im Rhein-Main-Gebiet, Mittelhessen und Südhessen
Audio: Frank Franke 7 Sek
(© hr3, 08.10.2008)
Der Servicegedanke schuf eine starke Bindung zwischen hr3 und seinen Hörern. Die Redaktion bekam Karten mit Urlaubsgrüßen. Das partnerschaftliche und emotionale Verhältnis zu den Hörern, das bis heute die Beliebtheit des Senders ausmacht, viele Aktionen wie "Samariter der Autobahn" oder Gewinnspiele wie das "Gurt-Quiz" animierten zum Mitmachen.

Öffentliches Aufsehen erregte hr3 beispielsweise, als es 1976 ein Auto an der Konstablerwache in Brand setzte, eine Aktion zur Verkehrssicherheit, bei der der richtige Umgang mit Feuerlöschern geübt wurde. Mit Engagement setzte sich hr3 für Missstände im öffentlichen Nahverkehr ein, mit Wirkung: Die Stadt ließ die Türknöpfe sämtlicher U-Bahn-Wagen auf Kinderreichweite setzen. Für den Fahndungserfolg bei einem Geldraub bei der Dresdner Bank bedankte sich der Frankfurter Polizeipräsident am 11. September 1974 in einem Brief an den Intendanten Werner Hess. Die Bankräuber hatten die Fahndungsdurchsage in hr3 gehört, gaben entnervt auf und stellten sich der Polizei.

Quelle: A. Franke

Die Hörer "haben hr3 geduzt, während sie die zwei anderen Programme gesiezt haben" erinnert sich der damalige Sendeleiter Karl-Heinz Hattemer. "Aus dem Halbprogramm entwickelte sich eine Sensation. hr3 hat zur Renaissance des Hörfunks beigetragen". Bereits nach einem Jahr erreichte die junge Welle mehr als eine Million Hörer täglich (23 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren) in Hessen. Noch zwei Jahre später waren es 37 Prozent, über zwei Millionen Hörer in Hessen und den benachbarten Bundesländern, die hr3 einschalteten. Bereits 1975 wurde die Sendedauer bis 21 Uhr verlängert und schrittweise ausgedehnt. Bis Ende der 70er Jahre war die Verkehrsredaktion das Herzstück von hr3. Das Markenzeichen der ersten hr3-Jahre als Servicewelle war das "Radiobienchen", ausgerüstet mit vier Reifen und einer großen Antenne.

Aus Egelsbach startete das hr3-Verkehrsflugzeug, die "hr3-Biene", von dem aus ein Reporter Hessens Straßen aus der Vogel-Perspektive beobachtete und Staus vermeldete.
 

Die Pioniere von hr3

V.li. Kurt Altmann, Inge Kollmann, Albrecht Göhler, hr3-Chef Karlheinz Hattemer und Jutta Stork, sowie freistehend (v.li.): Horst Kickhefel und Frank Franke feierten den zweiten Geburtstag der Servicewelle hr3 (Bild: Peter Zollna)
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V.li. Kurt Altmann, Inge Kollmann, Albrecht Göhler, hr3-Chef Karlheinz Hattemer und Jutta Stork, sowie freistehend (v.li.): Horst Kickhefel und Frank Franke feierten den zweiten Geburtstag der Servicewelle hr3
Die inhaltlichen Schwerpunkte setzten zwei Redaktionen: Die Verkehrsredaktion unter Sendeleiter Karl-Heinz Hattemer und die Unterhaltungsabteilung unter hr-Unterhaltungschef Hanns Verres. Im Schichtrhythmus wechselten sich Sprecher und Moderatoren ab, die dem Programmbereich Unterhaltung unterstanden und programmübergreifend auch für hr1 und hr2 am Mikro waren. In den Anfangsjahren wurden die Sendungen nur streckenweise betreut, es gab noch kein durchmoderiertes Programm. Vorproduzierte Laufbandsendungen mit Musikteppich, in denen nur die Uhrzeit angesagt wurde, wechselten mit moderierten Sendungen. Die Pioniermannschaft bestand aus Karl Heinz Hattemer, Kurt Altmann, Horst Kickhefel, Albrecht Göhler, Jutta Stork, Ann Arthur, Vera Kauffmann, Helga Pinkert und Inge Kollmann.

Frank Franke (Leiter der Hörfunk-Reiseredaktion) moderierte in den Anfängen von hr3 die Sendung "Reisekoffer". Franke ist ein wahrer Fundus an Rundfunk-Anekdoten. Erzählt er beispielsweise über den einstigen Papstbesuch in Mainz, weiß er von einem amüsanten Versprecher zu berichten. "Der damalige Rundfunkreporter wollte per Verkehrsdurchsage die Autofahrer vor dem Verkehrsstau anlässlich des Papstbesuchs warnen. Er sagte tatsächlich on air: "Fahren Sie besser nicht nach Mainz, denn dort ist der Teufel los". Franke schmunzelt noch immer über die wohl ungewöhnlichste Suchmeldung in hr3: Ein Ladenbesitzer rief in der Redaktion an. Er habe an seiner Theke ein Gebiss gefunden und wollte per Radiodurchsage den Besitzer ermitteln. Der Anrufer wurde abgewimmelt. Wenig später meldete sich die Enkelin einer alten Dame, die über das Radio nach den Dritten Zähnen ihrer Oma suchen lassen wollte. "Da wir die Nummer des Ladenbesitzers nicht notiert hatten, schickten wir die Suchmeldung pflichtschuldig über den Äther. Wenig später steckten die Dritten wieder da, wo sie hingehörten".
 

Das hr3-Programm der ersten Dekade

Audio: Die Mittagsdiskotheke 46 Sek
(© hr3, 08.10.2008)
Audio: Achim Grauls erste Hitparade 1972 1:51 Min
(© hr3, 10.11.2008)
Einige Sendungstitel aus den hr3-Anfangsjahren findet man heute bei anderen Wellen wieder, zum Beispiel "Mit hr3 in den Tag" heißt jetzt "Mit hr4 in den Tag". Die Sendung "Bitte recht freundlich", das Pop-Highlight des Tages von 8 - 9 Uhr, wurde von Ö3 übernommen. Um die Mittagszeit gab es abwechselnd Schellack- und Volksmusik im "hr3-Rasthaus". Kontrastreich folgte um 13 Uhr eine der über viele Jahre hinweg bekanntesten hr3-Popmusiksendungen, die "hr3-Mittags-Discotheke" (legendär: die Erkennungsmelodie "Come And Join Us" von Bob Leaper). Die Mittags-Discotheke wurde zumeist von Hans Carl (Atze) Schmidt, Martin Hecht, Bernd Schröder, Rainer Maria Ehrhardt und besonders häufig von Werner Reinke moderiert. Nachmittags um vier Uhr wurde der "PS-Kurier" gesendet, später lief die Sendung unter dem Titel "hr-Dreierlei" mit Themen rund ums Auto und Reisen. "Es war eine Zeit mit sehr viel Leichtigkeit und Radio-Pioniergeist", erinnert sich der heutige hr3-Chef Jörg Bombach, der damals als studentischer Assistent für die Verkehrsredaktion über die Gänge flitzte. "hr3 war zu dieser Zeit alles andere als eine Popmusikwelle", so Bombach. "Die Hitparade lief zu dieser Zeit noch als "Schlagerbörse" mit Hanns Verres in hr1, und der Vorläufer unseres späten Abendprogramms fand unter dem Titel 'Teens, Twens-Top-Time' (später T4, Toptime) in hr2 statt.
 

Durchgängig Musik - Volksmusik bis Pop

Ein wesentlicher Grund für den großen Reichweitenerfolg der Servicewelle war auch, dass hr3 durchgängig Musik sendete - damals ein Novum! Aber was für ein wilde Mischung: Stilistisch war die Musikauswahl bunt gemischt, die Idee eines Musikformats noch nicht geboren: Von Volksmusik wie Heinos "Blau blüht der Enzian" über Schlager wie "La Paloma" von Hans Albers über Operette und Popmusik war alles in hr3 zu hören. Drei Monate vor Sendestart, im Dezember 1971, hatte der damalige Hörfunk-Programmdirektor Henning Wicht streng betont, dass auf hr3 "keine ausgesprochene Beat- oder Popmusik" gespielt wird, "weil die sich erfahrungsgemäß für Autofahrer in der aggressiven harten Form nicht eignet".
 

Jugendprogramm am Abend

Jörg Eckrich (Bild:  hr)
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Jörg Eckrich
Fünf Jahre nach Sendestart, 1977, wurde Jörg Eckrich (vormals Radio Bremen) von den hr3-Verantwortlichen Hanns Verres (hr-Unterhaltungs- und Musikchef), Programmdirektor Henning Wicht und Sendeleiter Karl-Heinz Hattemer beauftragt, ein Jugendprogramm für den Abend zu entwerfen. Heraus kam die Sendeschiene "hr3-Top Time", die über zwölf Jahre Bestand hatte und den entscheidenden Schritt in Richtung Popwelle einleitete. In dieser Sendeschiene wurden innovative Sendungen wie "Volkers Kramladen", "Hard 'n' Heavy", "Der Ball ist rund" eingebettet.
 

Volkers Kramladen - vor 31 Jahren gestartet

Volker Rebell (Bild:  hr)
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Volker Rebell
Audio: Jingle: Volkers Kramladen (1989) 7 Sek
(© hr3, 10.11.2008)
Eine Sendung aus den Anfangsjahren, "Volkers Kramladen", die im Mai 1977 erstmals auf Sendung ging, war bis Ende 2008 im Programm: sonntags von 21.05 Uhr bis 23 Uhr. Über 30 Jahre sendete hr3 "Volkers Kramladen" von und mit Volker Rebell, ab 2004 unter dem Titel "hr3 - rebell". Konzipiert war der Kramladen von Anfang an als eine Mischung aus Personality Show, kreativer Spielwiese, musikjournalistischer Spezialitätensendung und Erzähl-Radio. Thematisch und musikalisch nicht festgelegt, wusste bis zum Schluss niemand, was im nächsten Kramladen passieren würde: Immer ausgehend von Popmusik im weitesten Sinne beschäftigte sich Volker Rebell mit Göttern und Gurus, Geldgeschäften, neuen Büchern, musikalischen Weltreisen, Erotik im Pop, selbstverfassten Kurzgeschichten, Dia-Shows im Radio und auch mal mit Walgesängen.
 

Hard 'n' Heavy

Christoph Habusta (Bild:  hr)
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Christoph Habusta
Audio: Jingle: Hard'n Heavy (1996) 10 Sek
(© hr3, 10.11.2008)
Hard 'n' Heavy bietet seit 1977 bis heute eins der wenigen bundesdeutschen Radioforen für Hardrock und Heavy Metal. Seit 2004 gibt es die Sendung mit Christoph Habusta sogar in der XXL-Version, der "langen harten Nacht": An jedem ersten Freitag des Monats von 0 bis 3 Uhr. Ob Hardrock oder Heavy Metal, Crossover oder Grunge, Artrock, oder Industrial, von AC/DC bis Iron Maiden, Rage Against The Machine bis Nirvana, von den Krupps bis Metallica, in Hard 'n' Heavy findet jede Band ihren Platz. Hard 'n' Heavy-Fans sind dabei, mit ihren Titelwünschen, bei Verlosungen und mit viel positivem Feedback.
 

Blick zurück

hr3-Chef Werner Klein (Bild: Kurt Bethke)
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hr3-Chef Werner Klein
Im Rückblick beschreibt Werner Klein, von 1981 bis 1988 hr3-Chef und heute im Ruhestand, die ersten Jahre: "Wir machten es uns im Rasthaus volkstümelnd bequem, gaben Streichermelodien Vorfahrt, um stets für die grüne Welle auf Hessens Straßen zu sorgen, und legten die Hörer in Schublädchen ab - die Stunde für Freunde des deutschen Schlagers, die Stunde für Liebhaber volkstümlicher Melodien, die Stunde für Oldie-Fans, Musik für junge Leute - und dazwischen Austauschbares, instrumentale Musik, die keinen aufregt, aber auch keinen Hörer an den Lautsprecher holt." Die ARD-Konkurrenz schlief nicht: Baden-Baden lockte mit einem Magazin, Stuttgart ging in die gleiche Richtung.
 
Redaktion: svsc
Letzte Aktualisierung: 1.10.2009, 23:30 Uhr


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