Zeitzeugen erzählen: Werner Klein - Aus dem Redaktions-Tagebuch Anno 1987
hr3-Chef Werner Klein
Mehrere Leute haben bei mir angefragt, wie es denn in den 80er Jahren möglich war, zum Beispiel Tag für Tag mit einer neuen Ausgabe von "hr3 - Von 8 - 12" auf den Sender zu gehen. Ohne Etat und ohne Tagesredakteure. Nur mit einer kleinen eingeschworenen Truppe. Im Allgemeinen mag ich nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Aber um den zum Teil an den Haaren herbeigezogenen Gerüchten, die sich um diese Zeit weben, zu wehren, habe ich mein Tagebuch hervorgekramt. Wie wurde damals gearbeitet? Eine wahllos herausgegriffene Arbeitswoche soll die Antwort geben.
Montag. Die Woche beginnt mit Routine. Gerhard K. recherchiert über die Vornamen deutscher Kammerjäger - Vorarbeiten für eine Serie "Die Vornamen deutscher Kammerjäger", die im nächsten Monat ausgestrahlt werden soll. Günther H. liest einige Kapitel aus der Apokalypse vor und fragt, ob wir auch mal so etwas machen sollten. Dietmar P. bezweifelt, dass das heute noch möglich sei. Schülerpraktikant Maddin' S. widerspricht und wird damit beauftragt, bis übermorgen so etwas Ähnliches zu machen.
Florian S. packt seine Sachen, für sein mehrteiliges Kurzfeature "Industriebosse im Ruhrgebiet" will er noch einige Fakten an Ort und Stelle checken. Nachdem ihn Petra F. gesegnet hat, macht er sich frohgemut auf den Weg.
Werner R. kommt nach der "Mittags-Discotheke" vorbei und fragt: "Wusstet Ihr schon, dass Kühe, die bellen, nicht beißen? Darüber würde ich gerne mal was machen". Der Spruch wird ans Archiv weitergeleitet, wo er überprüft werden soll.
Dienstag. Das tägliche Einerlei nimmt seinen Gang. Jörg B. schlägt auf der Zwölf-Uhr-Sitzung vor, doch einmal etwas gegen Wolpertinger zu machen. Nach einstündiger Diskussion kommt die Redaktionskonferenz zu dem Schluss, dass sich eigentlich nichts gegen Wolpertinger sagen lasse. Das seien doch im Grunde hochanständige Burschen... Das Thema wird fallengelassen.
Redaktionssekretärin Betty A. fragt, ob man die Ehe brechen dürfe. Die Frage wird allgemein bejaht, worauf Betty um zwei Stunden Freizeit bittet.
Das Telefon schrillt. R. erkundigt sich, ob schon über seinen Vorschlag entschieden sei. Eine Rückfrage im Archiv ergibt, dass dort helle Aufruhr herrscht. Die Archivmannschaft hat vergeblich unter dem Stichwort "Kuh" nach Material gesucht. Schließlich findet es eine studentische Hilfskraft durch Zufall - es ist unter "Muh-Kuh" abgelegt worden. Das Material - 20.000 Zeitungsausschnitte, Gedichtzitate, Liedfragmente und Weissagungen - wird der Redaktion zugeleitet.
Mittwoch. Praktikant 'Maddin' liest seine angekündigte Apokalypse vor. Sie gipfelt in der mit visionärer Sprachgewalt vorgetragenen Behauptung, dass die Welt über kurz oder lang zerplatzen werde. Der Beitrag wird wegen berechtigter Panikmache abgelehnt.
R. schaut kurz rein und fragt nach seinem Vorschlag. Enttäuscht erfährt er, dass die Auswertung des Archiv-Materials noch nicht zu völliger Klarheit geführt habe. Vor allem sei offengeblieben, ob Kühe, die bellen, wirklich nicht beißen. Jetzt sollen die Korrespondenten die Frage klären. Ein Fernschreiben hält sie zu sofortigen Recherchen an. Keine 24 Stunden nach Erhalt des Telegramms macht sich auch Karin W., unsere Korrespondentin in Südafrika, auf den Weg, um in den rinderreichen Ebenen rund um den Tschadsee zu recherchieren.
Donnerstag. Mitten in das ewige Hin und Her platzen Thomas K. und Olaf P. mit einem echten Heuler. Für einen Bericht über "Hürden der Dressur" haben sie in einem Handstreich drei Pferde aus dem Gestüt Linsenhoff gestohlen. Sie hoffen, dass diese - unter eine gehörige Dosis Bier gesetzt - einiges aus der Schule plaudern werden und bitten um Verständnis für ihr Vorgehen. Ungeduldig wiehernd schauen die braven Tiere durch die Tür. Was tun? Schweren Herzens besinne ich mich auf das Rundfunkgesetz und befehle, die kostbaren Passgänger sofort zurückbringen zu lassen.
Kaum sind die Pferde weg, als R. vorbeischaut. Was denn aus seinem...? Die Antwort: Abwarten. Bevor die Korrespondentenberichte nicht da sind, kann nichts entschieden werden. Das Wort SORGFALT wird bei uns nun einmal groß geschrieben... An Gerhard ergeht der Auftrag, im Archiv den O-Ton einer bellenden Kuh zu beschaffen. Es findet sich keiner. Doch beim Herumstöbern entdeckt Gerhard eine wenig bekannte Aufnahme von Loriot. Wir beschließen, diesen Sketch unseren Hörern nicht vorzuenthalten.
Freitag. Alles läuft wie gewohnt. Florian schickt einen ersten Bericht aus dem Ruhrgebiet, Tenor: "Die Industriebosse hier verdienen allem Anschein nach ein Schweinegeld..." Die Serie verspricht interessant zu werden.
R. kommt kurz vorbei und fragt nach. Erfreut hört er, dass die Arbeit an seinem Vorschlag schöne Fortschritte macht: Einen 17 Sekunden langen Aufsager will unser Bonner Mitarbeiter Jens Peter P. schicken, doch der Beitrag kommt im ZÜTR nicht an, eine halbe Minute übermittelt uns unser Prag-Korrespondent Jan M. per Telefon, doch Karin aus Südafrika übertrifft alle. Sie ist der Sache auf den Grund gegangen und transportiert nicht weniger als 20 Stunden Material zum Hafen, wo es mit viel Hallo auf einen Frachter verladen wird.
Während der 12-Uhr-Konferenz wird der Plan erwogen, einmal etwas ganz Ausgefallenes auf die Beine zu stellen. Praktikant Maddin' nimmt sich der Sache an. Die Diskussion wird durch R. unterbrochen, der wissen will, ob es schon soweit sei. Noch nicht, das Gutachten der zoologischen Zentralstation Preungesheim steht noch aus. Doch im selben Moment scharrt es auch schon an der Tür - Ajax, der Meldehund des Instituts, ist da. Ein kurzer Blick auf die Mitteilung, die an sein Halsband geschnallt ist... Ja, es hat seine Richtigkeit: Kühe, die bellen, beißen nicht. R. wird mit Glückwünschen überschüttet und lädt alle in den Pizza-Peter' ein. Die Redaktion verwaist, eine Woche harter Arbeit hat sich doch nicht gelohnt.
Beim Dämmerschoppen berichtet Martin H., der zufällig auch in die Kneipe gekommen ist, ein Erlebnis, dessen heimlicher Zeuge er gewesen sei: Sein Telefon habe geklingelt, worauf sein Hund im Glauben, sein Herrchen sei außer Hauses, an den Apparat gegangen sei. Darauf habe folgender Dialog begonnen: Der Hund: "Wau, wau!" Der Gesprächsteilnehmer; "Wie bitte?" Der Hund: "Wau, wau!" Der Gesprächsteilnehmer: " Was?" Darauf der Hund: "Wau, wau! Wilhelm, Anton, Ulrich, Wilhelm, Anton, Ulrich!"
Ich tue echt erstaunt: "Das darf doch wohl nicht wahr sein, oder?" "Ist es auch nicht", gibt Martin kleinlaut zu, "ich bin selber an den Apparat gegangen..." Und bevor ihn mein Aschenbecher trifft, macht er sich auch schon aus dem Staube: wie immer die Ohren flach angelegt, die Rute eingekniffen und mit weiten, raumgreifenden Sprüngen.