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Die 1980er

Zu Beginn des Jahrzehnts freute man sich erstmal über (fast) ein ganzes Jahrzehnt hr3! Höchste Zeit für grundlegende Änderungen: Aus der Servicewelle wurde die Popwelle und man begeisterte die Hessen mit so legendären Moderatoren wie Werner Reinke, Thomas Koschwitz und Jörg Bombach. Und das war noch längst nicht alles, was in diesem aufregenden Jahrzehnt auf die hr3-Hörer warten sollte...
 

hr3 wird zur Popwelle

hr-Unterhaltungschef Hanns Verres 1980 (Bild: Kurt Bethke)
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hr-Unterhaltungschef Hanns Verres 1980
Audio: Hitparade Opening 11.3.1982 38 Sek
(© hr3, 08.10.2008)
Zu Beginn der 80er Jahre mauserte sich hr3 zur Popwelle. Vorbild waren Bayern 3 und die Popwelle SWF3, die schon Mitte der 70er aufgebaut worden war. Der damalige hr3-Chef Werner Klein und Hanns Verres (hr-Unterhaltungs-Chef) erarbeiteten 1981 eine einheitliche Linie für das hr3-Popmusik-Format. Im gleichen Jahr wurden neue Sendungstitel ausgebrütet. Einer Kreativrunde, bestehend aus Werner Klein, Martin Hecht, Werner Reinke und Thomas Koschwitz und der inspirierenden Atmosphäre der "wichtigsten" Frankfurter Kneipe "Pizza Peter" in der Glauburgstraße, sind institutionelle Sendungstitel zu verdanken. Im Mai 1981 geht das neue hr3-Programm mit Sendungen wie "Pop und Weck", "Pinboard", "Mittags-Discotheke", "Stereobox", "hr-Dreierlei", "Apropop", "hr dry on the rocks" und "Top Time" auf Sendung.
 

1982 schalteten 37 Prozent der Hessen ihren Lieblingssender hr3 ein. Das ließ sich 1987 noch steigern: hr3 hatte 47 Prozent der Hessen als Hörer. Mit aktueller Musik und anspruchsvollen journalistischen Magazinen erreichte hr3 Spitzenwerte der Hörerbeteiligung. Zu den bekanntesten hr3-Namen zählten in den 80ern: Werner Reinke, Bernd Schröder, Rainer Maria Ehrhardt, Thomas Koschwitz, Ulrike Knapp, Martin Hecht und Jörg Bombach.
 
hr3-Moderator Werner Reinke
hr3-Moderator Martin Hecht
hr3-Moderator Thomas Koschwitz
 
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Radio zum Anfassen

v.li. Feiern mit hr3-Hörern: die hr3-Discoparty-DJs Jörg Bombach und Thomas Koschwitz (Bild: Heinz J. Schlüter)
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v.li. Feiern mit hr3-Hörern: die hr3-Discoparty-DJs Jörg Bombach und Thomas Koschwitz
Auf ganz neue Weise brachten die hr3-Moderatoren und hr3-Chef Werner Klein Radio zu den Menschen. "Radio zum Anfassen" - das gab es vorher in Deutschland noch nicht. Kein Radioprogramm erreichte vor Ort, bei Live-Veranstaltungen, so viele Leute wie hr3. Jedes Jahr besuchten über 300.000 Menschen die unterschiedlichsten hr3-Veranstaltungen. Zum Beispiel die hr3-Discopartys - eine Idee von Werner "The Voice" Reinke. Die erste wurde 1985 in Herborn gefeiert. Die für 800 Besucher ausgelegte Halle war viel zu klein: 3.000 Menschen standen vorm Eingang. Und ein neues Veranstaltungskonzept war geboren. Schon damals bei den ersten hr3-Discopartys brachten hr3-Moderatoren wie Werner Reinke, Thomas Koschwitz und Martin Hecht die Zelte in ganz Hessen zum Kochen. Die Plattenspieler wurden am Zeltdach aufgehängt, damit der schwingende Tanzboden nicht die Platten aus den Rillen krachen ließ. Was die Besucher bis heute erwartet? Natürlich aktuelle Hits, schräge Show-Einlagen und viel Spaß.
 

Seit 1985 Vollprogramm

1985 wandelte sich das Programm wiederum. "Magazinierung" als Grundgedanke wird in einer Reform umgesetzt: Mehr aktuelle Informationen und journalistische Magazine bereicherten das Programm. Die austauschbaren vorproduzierten Laufbandsendungen ohne Moderation starben völlig. "Von 8 - 12" und "Pinboard" sorgten dafür, dass das Programm viel mehr wurde als ein Serviceprogramm für Autofahrer, wenngleich der Verkehrsservice bis heute wichtiger Bestandteil ist. hr3 wurde zum Vollprogramm, von Journalistenprofis betreut. Redakteure aus der ersten hr3-Tagesredaktion waren unter anderem Dietmar Pötter, Gerhard Kraus und Jörg Bombach (der heutige hr3-Chef). Seit 1989 findet auch in Hessen der Wettstreit mit der privaten Konkurrenz statt. Dem setzte hr3 verstärkte Informationskompetenz entgegen. Topaktuelle Informationssendungen wie "hr3-Inform" und "hr3-Extra" wurden eingeführt.
 

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hr3-Erfindungen der 80er

hr3-Moderatorin Susanne Fröhlich beim Kuppeln am Telefon (Bild:  hr)
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hr3-Moderatorin Susanne Fröhlich beim Kuppeln am Telefon
Audio: Jingle: hr3 Ausgehspiel (1996) 11 Sek
(© hr3, 10.11.2008)
hr3 hat Trends gesetzt. Viele Sendungen, die hr3 in den 80er Jahren entwickelt und eingeführt hat, sind bis heute erfolgreich. Zum Beispiel "Kuschelrock", eine der vielkopierten hr3-Erfindungen, kommt 1985 neu ins Programm, die Idee von Werner Reinke: Hörer sollen sich abends nach neun Uhr entspannen und zu sanften Klängen schmusen.

Die hr3-Sendung "Der Ball ist rund", im Oktober 1984 erstmals on air, war bis Ende 2008 mit dem außergewöhnlichen Mix aus Rock, Underground über HipHop, Reggae bis Techno und Pop, Einschaltfaktor im hr3-Programm. Mit dem unverwechselbaren Sendungstitel, ein Sepp-Herberger-Zitat, wollte hr3-Moderator und Sendungsmacher Klaus Walter Schubladen-Denken verhindern, was ihm bis zum Schluss gelang. Klaus Walter schuf einen offenen Raum für ganz verschiedene musikalische Strömungen. Auch für Künstler, die es noch nicht in die Charts geschafft haben aber neue Stilrichtungen weisen und Trends setzen. "Der Ball ist rund" mit Musik jenseits des Mainstreams wurde 2001 von den Lesern der Musikzeitschrift "Spex" zur zweitbeliebtesten Radiosendung Deutschlands gewählt.

Die Mutter aller Kuppelshows war hr3-Moderatorin Susanne Fröhlich. 1988 ging das vielkopierte hr3-Ausgehspiel "Wer mit wem?" von 19 bis 21 Uhr von und mit Susanne Fröhlich on air. Jede Stunde befragte Susanne Fröhlich ausgehfreudige Anrufer im Live-Gespräch an der Telefonstrippe. Bis heute unnachahmlich ist die Art und Weise, wie hr3-Moderatorin Susanne Fröhlich jeden Samstagabend Chauvinisten und Möchtegern-Machos anfrotzelte, die sich das gern gefallen ließen. Die Sendung fand bis 2007 regelmäßig jeden Samstagabend statt. Da die Protagonistin der Sendung zu der Zeit häufig terminliche Verpflichtungen aufgrund ihrer Karriere als Autorin zahlreicher erfolgreicher Romane hatte, die eine regelmäßige Anwesenheit im hr3-Studio unmöglich machten, wurde die Sendung schließlich eingestellt. Denn: Ein "hr3 Ausgehspiel" ohne Susanne Fröhlich? Undenkbar!
 

Zeitzeugen erzählen: Klaus Walter - 30 Jahre hr3

hr3-Moderator Klaus Walter (Bild:  hr)
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hr3-Moderator Klaus Walter
Wie wird man eigentlich Chef von hr3? Im Falle von Jörg Bombach führte der Erfolgspfad von den Pfadfindern über eine Punkband durch die hr-Verkehrsredaktion direkt auf den Sessel des Wellenleiters. Klaus Walter, hr3-Moderator, hat mit Jörg Bombach über Qualität und Quote, Programm und Philosophie, Geburtstagsfeiern und Walgesänge gesprochen und einen subjektiven Rückblick auf 30 Jahre hr3 gewagt. (Zuerst erschienen in der Programmzeitschrift des Hessischen Rundfunks "Radiozeit" 2/2002)

"Kamener Kreuz, links vorbei, im Radio läuft hr3 ..."
... singen die Lassie Singers im einzigen und schönsten Song, in dem hr3 vorkommt. Die Lassie Singers gibt es nicht mehr, und es ist schon lange her, dass sie bei hr3 zu Gast waren, bei einem Moderator, den es auch schon lange nicht mehr gibt bei hr3. Heute sehen wir ihn manchmal in der Zeitung. Dort wirbt er für seine Fernsehsendung mit Kaffeetasse in der Hand und dem Slogan: "Ich will die ganze Wahrheit, auch wenn sie manchmal wehtut."
Die ganze Wahrheit über hr3 kann ich hier nicht schreiben. Schließlich bin ich selbst ein kleiner Teil dieser Wahrheit. Und das verdanke ich auch der Wahrheit über Thomas Koschwitz. Vor langer Zeit aufgeschrieben in einem längst verblichenen Frankfurter Spät-Sponti-Magazin, für das auch der heutige Außenminister Fischer und der Euro-Abgeordnete Cohn-Bendit tätig waren. Die polemischen Pflasterstrand-Wahrheiten über hr3 taten einigen Leuten so weh, dass ich mich zu meiner großen Verwunderung bald darauf an einem Konferenztisch mit Blick auf die Bertramswiese wiederfand. Mit Leuten, die ich nur aus dem Radio kannte. Die imposante Stimme von Werner Reinke gehörte einer ebenso imposanten Erscheinung, Thomas Koschwitz hatte noch mehr Haare auf dem Kopf und outete sich als Fan der Rodgau Monotones. Und mittendrin saß das Idol meiner Radiokindheit. Mister Schlagerbörse! Hanns Verres! Sie hörten sich meine hr3-Kritik an, wir debattierten, und vier Wochen später hatte ich eine eigene Sendung - komplett mit Ansage von Hanns Verres.

Klingt wie ein schlechtes Märchen aus uralten Zeiten. Ist aber eine typische Frankfurter Geschichte. Und womöglich eine typische hr3-Geschichte? Frankfurter Straßenkämpfer aus den 70er-Jahren besetzen heute Spitzenpositionen in Parlament und Kabarett, in Regierung und Varieté, daran haben wir uns gewöhnt. An der Spitze von hr3 steht ein ehemaliger "Straßenjunge", auch wenn man sich darüber streiten kann, ob diese "Straßenjungs" wirklich Deutschlands erste Punkband waren (siehe Interview). Ein ehemaliger Punkrocker aus der Limburger Schule mutierte mit hr3 zum etwas anderen Radiostar: Peter "Schnack mit" Lack. Der Umweg über die Verkehrsredaktion hat nicht nur den heutigen Wellenleiter auf den Erfolgsweg gebracht. Die gefeierte Roman-Autorin Susanne Fröhlich begann ihre schriftstellerische Laufbahn mit dem Verfassen von Staumeldungen, um später die Mutter aller Kuppelshows zu werden. Längst gibt es keine Popwelle mehr ohne eine Variante des hr3-Ausgehspiels "Wer mit wem?". Längst sind die ersten von hr3 gestifteten Ehen wieder geschieden.

Als Notlösung für den Samstagabend ging Ende der 80er ein Experiment auf Sendung: Disc Jockeys sollten ihr Programm vom Club ins Radio transportieren, "sparsam moderiert". Dieser Bruch mit Radio-Konventionen wurde - auch hausintern - heftig kritisiert. Heute gilt die hr3-Clubnight als Prototyp eines Erfolgsformats, das bundesweit kopiert wurde. DJs wie Sven Väth oder Markus Löffel nutzten die Clubnight als Sprungbrett für eine Weltkarriere.
Natürlich sind diese märchenhaften Geschichten von Seiteneinsteigern und Zickzack-Karrieren die Ausnahmen von der Alltagsregel. Natürlich ist der "Radiostar" eine aussterbende Gattung, wenn man den "Radiosachverständigen" (Bombach) Glauben schenken will. Wenn hr3 in diesen Tagen 30 Jahre alt wird, dann wird man wieder das alte Lied hören: Früher war alles besser, früher hatten wir noch echte Personalities ...

Gegen diesen verklärenden Blick hilft eine Rückblende. Erinnern wir uns daran, was es alles nicht gab, als hr3 an den Start ging: kein hr4 und kein Privatradio, kein RTL und kein SAT 1, kein MTV und kein VIVA, keine Jugendwellen und keine Sportkanäle, kein Handy und kein Internet, keine Stationstasten und keine Fernbedienung. Je vielfältiger die Angebote, desto größer die Bereitschaft zu zappen, desto kürzer die Aufmerksamkeitsspanne. Auf diese Entwicklungen muss eine Popwelle reagieren, wenn sie am Markt bestehen will. Dass sie dabei mitunter genauso klingt wie die Konkurrenz ist so bedauerlich wie unvermeidlich, das weiß auch der Wellenleiter. Und die guten alten Zeiten? Hört man sich heute ein hr3-Programm der 70er Jahre an, dann fühlt man sich wie bei der x-ten Wiederholung eines Edgar Wallace-Krimis mit Heinz Drache als Kommissar: Die haben alle Zeit der Welt, es wird viel geredet, und der Mörder ist immer Klaus Kinski. Charmant, schwarzweiß, manchmal unfreiwillig komisch, aber am Ende ist man doch froh, wenn die Farbe auf den Bildschirm zurückkehrt.

In den Kindertagen von hr3 konnten sich "Personalities" in Ruhe entwickeln, die Quote stimmte schon mangels Konkurrenz. Ein "learning by doing" auf dem Sender ist heute nicht mehr möglich (ich weiß, wovon ich rede, wenn ich mir meine On-Air-Sprechversuche von damals anhöre). Spezialangebote können nicht mehr auf Anhieb so einschlagen wie in den 70ern und 80ern, weil die Ausdifferenzierung der Programme ständig zunimmt.
Popradio im digitalen Zeitalter ist eine Wissenschaft für sich: Media-Research, Layout, Konkurrenzbeobachtung, Viertelstundenreichweiten, Imagineering, Bumper & Stinger, On- & Off-Air-Promotion, On-Air-Assist & Cart-Assist - all die lästigen Dinge, für die sich ein moderierender Musik-Fan kurz vor Mitternacht so gar nicht interessiert.

Der Fan verlässt um Mitternacht das Haus und schläft noch, wenn voll im Leben der Kampf um die Morning-Show-Quoten tobt. Dafür danke, hr3!
 

Zeitzeugen erzählen: Vom Schiffsmusiker zum Wellenleiter

hr3-Chef Jörg Bombach (Bild:  hr)
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hr3-Chef Jörg Bombach
Ein Interview mit dem hr3-Wellenleiter Jörg Bombach. Geführt von Klaus Walter im Jahr 2002 anlässlich des 30. Geburtstags von hr3.

Radiozeit: Wann haben Sie beim Hessischen Rundfunk angefangen?

Jörg Bombach: Im November 1975 als freier Mitarbeiter in der Verkehrsredaktion. Da habe ich mit Elmar Gunsch gearbeitet, den ich siezen musste, während er mich duzte. Vorher war ich Pfadfinderführer, Schiffsmusiker ...

Radiozeit: Wie bitte? Schiffsmusiker?

Jörg Bombach: Ja, Schiffsmusiker bei Hapag Lloyd auf der nach Angaben der Reederei mit Recht untergegangenen Achille Lauro.

Radiozeit: Welches Instrument?

Jörg Bombach: Je nach Seegang Bass oder Keyboards. Später war ich Mitglied der ersten deutschen Punkband: die "Straßenjungs". Zwischendurch habe ich meine beiden Staatsexamen gemacht, bin also Volljurist. Nach einem Verlags-Volontariat bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kam ich zum hr.

Radiozeit: Was macht am meisten Freude an Ihrem Job?

Jörg Bombach: Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite.

Radiozeit: Was macht am wenigsten Freude an Ihrem Job?

Jörg Bombach: Abwiegler, Bedenkenträger, von denen auch unser großes Haus nicht ganz frei ist.

Radiozeit: Wie würden Sie die Programm-Philosophie beschreiben?

Jörg Bombach: Ein Unterhaltungsprogramm, das sich in der musikalischen Vielfalt und durch besondere Qualitätsanforderungen im wortredaktionellen Bereich wohltuend von den Mitbewerbern unterscheidet.

Radiozeit: 30 Jahre sind eine lange Zeit. Wo sehen Sie die größten Veränderungen in diesen Jahren?

Jörg Bombach: Aus einem Modulsystem wurde ein Gesamtprodukt. Dem haben wir nunmehr auch durch die komplette Umgestaltung der wortredaktionellen Strukturen Rechnung getragen. Alle "Kästchen"-Bereiche sind mit Erfolg aufgelöst worden..

Radiozeit: Wie hat sich die Bedeutung der Musik im Programm verändert?

Jörg Bombach: Die Musik ist das wichtigste Transportmittel des Programms, also ein wichtiges Dienstleistungskriterium. Insofern muss der Anspruch, besonders interessante, unbekannte Musik zu präsentieren, über weite Strecken des Tages hinten anstehen. Da gilt es, die Hörer bei der Stange zu halten.

Radiozeit: Als hr3 an den Start ging, war es ein junges Programm. Heute wirds 30. Wachsen die Hörer mit, oder bleibt hr3 jung?

Jörg Bombach: Beides. Unsere Kernhörerschaft sind die 29- bis 49-Jährigen, aber hr3 verfügt traditionell über große Schnittmengen nach oben wie nach unten.

Radiozeit: Der größte Erfolg in der hr3-Geschichte?

Jörg Bombach: Dass wir im Laufe der 30 Jahre viele, zum Teil auch deutschlandweit beachtete Erfolge erzielen konnten mit Programm-Innovationen. Ich denke da an die "Clubnight", das "Ausgehspiel" oder auch die bimediale Ausstrahlung einer Morning Show.

Radiozeit: Der größte Flop?

Jörg Bombach: Die Verlagerung des Wetterberichts vor die Nachrichten. Verheerend.

Radiozeit: Stimmt, das gabs ja auch mal. Wie lange hat sich das gehalten?

Jörg Bombach: Vier Tage. Nach dem zweiten Tag hatten alle Redakteure ihr Telefon ausgehängt.

Radiozeit: Sind markante Figuren, sind "Personalities" heute wichtiger als früher - oder weniger wichtig?

Jörg Bombach: Wenn man den Radiosachverständigen dieser Republik glauben darf, waren Personalities nie so unwichtig wie heute. Ich halte das als pauschale Aussage für falsch. Eine der ausgewiesenen Stärken von hr3 sind Figuren mit Ecken und Kanten, die auch bei der Besetzung einiger Sendeschienen zum Ausdruck kommen. Und der Erfolg dieser Sendungen kommt dem Profil von hr3 zugute.

Radiozeit: Wie wichtig ist die Quote - gerade im Vergleich zu den frühen Jahren vor der Privat-Konkurrenz?

Jörg Bombach: Wenn man sich Zahlen von 1988 anschaut, ist der Verlauf in den Jahren danach ernüchternd. Wenngleich die Entwicklung in anderen Bundesländern noch dramatischer war. Mit Blick auf die Werbeeinnahmen müssen wir Quote machen. Immerhin sorgt hr3 für über 90 Prozent der hr-Werbeumsätze und ist dabei unter den öffentlich-rechtlichen Popwellen die erfolgreichste im Bundesvergleich. Zudem sieht sich hr3 als einzige hr-Welle einer direkten landesweiten kommerziellen Konkurrenz gegenüber.
 

Jörg Bombach in den 1980ern bei der Aktion "Radio auf Rädern" (Bild: )
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Jörg Bombach in den 1980ern bei der Aktion "Radio auf Rädern"
Radiozeit: Was sagen Sie zu der Kritik, hr3 habe sich zu sehr dem Konkurrenten FFH angepasst?

Jörg Bombach: Wir haben uns nicht FFH angepasst, sondern an Markterfordernissen orientiert. In der heutigen Radiolandschaft kann kein Bewerber für sich reklamieren, das Radio erfunden zu haben. Vielmehr richten alle Anbieter ihr Programm nach den Erkenntnissen der Viertelstunden-Reichweiten aus. Dass dann in einzelnen Strecken vergleichbare Angebote auftreten, liegt in der Natur der Sache.

Radiozeit: Wie wird das Jubiläum gefeiert?

Jörg Bombach: Wir planen 2002 ein vielschichtiges Aktionsangebot. Das reicht von kleinen lokalen Events über eine Pressekampagne bis zu Großveranstaltungen. Im übrigen wird der 30. Geburtstag eingepasst in ohnehin stattfindende Veranstaltungen wie den Hessentag in Idstein, Sound of Frankfurt, Kassel@Night sowie erstmals Marburg@Night.

Radiozeit: Wie sieht die Zukunft aus?

Jörg Bombach: Als Rundum-Angebot wird hr3 erfolgreich bleiben. Die Zukunft des Radios hängt von der technologischen Entwicklung ab, Stichwort Digital Audio Broadcasting, oder auch diverse digitale Nutzungsmöglichkeiten, zum Beispiel der Mittelwelle. Nach meiner Einschätzung wird es neben Hauptnutzungsangeboten wie hr3 und hr4 eine weitere Individualisierung der Angebote geben müssen - wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen ebenso.

Radiozeit: Ein magischer, komischer Moment aus 30 Jahren hr3?

Jörg Bombach: Als eines Abends der Sender Feldberg anrief, um mitzuteilen, dass es Probleme gibt mit der Ausstrahlung. Ein besonnener Mensch im Schaltraum beruhigte den Anrufer: "Das ist bloß Volker Rebell, der sendet seit 40 Minuten Walgesänge". Auch das ist hr3!

Radiozeit: Vielen Dank für das Gespräch.
 

Zeitzeugen erzählen: Werner Klein - Aus dem Redaktions-Tagebuch Anno 1987

hr3-Chef Werner Klein (Bild: Kurt Bethke)
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hr3-Chef Werner Klein
Mehrere Leute haben bei mir angefragt, wie es denn in den 80er Jahren möglich war, zum Beispiel Tag für Tag mit einer neuen Ausgabe von "hr3 - Von 8 - 12" auf den Sender zu gehen. Ohne Etat und ohne Tagesredakteure. Nur mit einer kleinen eingeschworenen Truppe. Im Allgemeinen mag ich nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Aber um den zum Teil an den Haaren herbeigezogenen Gerüchten, die sich um diese Zeit weben, zu wehren, habe ich mein Tagebuch hervorgekramt. Wie wurde damals gearbeitet? Eine wahllos herausgegriffene Arbeitswoche soll die Antwort geben.

Montag. Die Woche beginnt mit Routine. Gerhard K. recherchiert über die Vornamen deutscher Kammerjäger - Vorarbeiten für eine Serie "Die Vornamen deutscher Kammerjäger", die im nächsten Monat ausgestrahlt werden soll. Günther H. liest einige Kapitel aus der Apokalypse vor und fragt, ob wir auch mal so etwas machen sollten. Dietmar P. bezweifelt, dass das heute noch möglich sei. Schülerpraktikant ‚Maddin' S. widerspricht und wird damit beauftragt, bis übermorgen so etwas Ähnliches zu machen.

Florian S. packt seine Sachen, für sein mehrteiliges Kurzfeature "Industriebosse im Ruhrgebiet" will er noch einige Fakten an Ort und Stelle checken. Nachdem ihn Petra F. gesegnet hat, macht er sich frohgemut auf den Weg.

Werner R. kommt nach der "Mittags-Discotheke" vorbei und fragt: "Wusstet Ihr schon, dass Kühe, die bellen, nicht beißen? Darüber würde ich gerne mal was machen". Der Spruch wird ans Archiv weitergeleitet, wo er überprüft werden soll.

Dienstag. Das tägliche Einerlei nimmt seinen Gang. Jörg B. schlägt auf der Zwölf-Uhr-Sitzung vor, doch einmal etwas gegen Wolpertinger zu machen. Nach einstündiger Diskussion kommt die Redaktionskonferenz zu dem Schluss, dass sich eigentlich nichts gegen Wolpertinger sagen lasse. Das seien doch im Grunde hochanständige Burschen... Das Thema wird fallengelassen.

Redaktionssekretärin Betty A. fragt, ob man die Ehe brechen dürfe. Die Frage wird allgemein bejaht, worauf Betty um zwei Stunden Freizeit bittet.

Das Telefon schrillt. R. erkundigt sich, ob schon über seinen Vorschlag entschieden sei. Eine Rückfrage im Archiv ergibt, dass dort helle Aufruhr herrscht. Die Archivmannschaft hat vergeblich unter dem Stichwort "Kuh" nach Material gesucht. Schließlich findet es eine studentische Hilfskraft durch Zufall - es ist unter "Muh-Kuh" abgelegt worden. Das Material - 20.000 Zeitungsausschnitte, Gedichtzitate, Liedfragmente und Weissagungen - wird der Redaktion zugeleitet.

Mittwoch. Praktikant 'Maddin' liest seine angekündigte Apokalypse vor. Sie gipfelt in der mit visionärer Sprachgewalt vorgetragenen Behauptung, dass die Welt über kurz oder lang zerplatzen werde. Der Beitrag wird wegen berechtigter Panikmache abgelehnt.

R. schaut kurz rein und fragt nach seinem Vorschlag. Enttäuscht erfährt er, dass die Auswertung des Archiv-Materials noch nicht zu völliger Klarheit geführt habe. Vor allem sei offengeblieben, ob Kühe, die bellen, wirklich nicht beißen. Jetzt sollen die Korrespondenten die Frage klären. Ein Fernschreiben hält sie zu sofortigen Recherchen an. Keine 24 Stunden nach Erhalt des Telegramms macht sich auch Karin W., unsere Korrespondentin in Südafrika, auf den Weg, um in den rinderreichen Ebenen rund um den Tschadsee zu recherchieren.

Donnerstag. Mitten in das ewige Hin und Her platzen Thomas K. und Olaf P. mit einem echten Heuler. Für einen Bericht über "Hürden der Dressur" haben sie in einem Handstreich drei Pferde aus dem Gestüt Linsenhoff gestohlen. Sie hoffen, dass diese - unter eine gehörige Dosis Bier gesetzt - einiges aus der Schule plaudern werden und bitten um Verständnis für ihr Vorgehen. Ungeduldig wiehernd schauen die braven Tiere durch die Tür. Was tun? Schweren Herzens besinne ich mich auf das Rundfunkgesetz und befehle, die kostbaren Passgänger sofort zurückbringen zu lassen.

Kaum sind die Pferde weg, als R. vorbeischaut. Was denn aus seinem...? Die Antwort: Abwarten. Bevor die Korrespondentenberichte nicht da sind, kann nichts entschieden werden. Das Wort SORGFALT wird bei uns nun einmal groß geschrieben... An Gerhard ergeht der Auftrag, im Archiv den O-Ton einer bellenden Kuh zu beschaffen. Es findet sich keiner. Doch beim Herumstöbern entdeckt Gerhard eine wenig bekannte Aufnahme von Loriot. Wir beschließen, diesen Sketch unseren Hörern nicht vorzuenthalten.

Freitag. Alles läuft wie gewohnt. Florian schickt einen ersten Bericht aus dem Ruhrgebiet, Tenor: "Die Industriebosse hier verdienen allem Anschein nach ein Schweinegeld..." Die Serie verspricht interessant zu werden.

R. kommt kurz vorbei und fragt nach. Erfreut hört er, dass die Arbeit an seinem Vorschlag schöne Fortschritte macht: Einen 17 Sekunden langen Aufsager will unser Bonner Mitarbeiter Jens Peter P. schicken, doch der Beitrag kommt im ZÜTR nicht an, eine halbe Minute übermittelt uns unser Prag-Korrespondent Jan M. per Telefon, doch Karin aus Südafrika übertrifft alle. Sie ist der Sache auf den Grund gegangen und transportiert nicht weniger als 20 Stunden Material zum Hafen, wo es mit viel Hallo auf einen Frachter verladen wird.

Während der 12-Uhr-Konferenz wird der Plan erwogen, einmal etwas ganz Ausgefallenes auf die Beine zu stellen. Praktikant ‚Maddin' nimmt sich der Sache an. Die Diskussion wird durch R. unterbrochen, der wissen will, ob es schon soweit sei. Noch nicht, das Gutachten der zoologischen Zentralstation Preungesheim steht noch aus. Doch im selben Moment scharrt es auch schon an der Tür - Ajax, der Meldehund des Instituts, ist da. Ein kurzer Blick auf die Mitteilung, die an sein Halsband geschnallt ist... Ja, es hat seine Richtigkeit: Kühe, die bellen, beißen nicht. R. wird mit Glückwünschen überschüttet und lädt alle in den ‚Pizza-Peter' ein. Die Redaktion verwaist, eine Woche harter Arbeit hat sich doch nicht gelohnt.

Beim Dämmerschoppen berichtet Martin H., der zufällig auch in die Kneipe gekommen ist, ein Erlebnis, dessen heimlicher Zeuge er gewesen sei: Sein Telefon habe geklingelt, worauf sein Hund im Glauben, sein Herrchen sei außer Hauses, an den Apparat gegangen sei. Darauf habe folgender Dialog begonnen: Der Hund: "Wau, wau!" Der Gesprächsteilnehmer; "Wie bitte?" Der Hund: "Wau, wau!" Der Gesprächsteilnehmer: " Was?" Darauf der Hund: "Wau, wau! Wilhelm, Anton, Ulrich, Wilhelm, Anton, Ulrich!"

Ich tue echt erstaunt: "Das darf doch wohl nicht wahr sein, oder?" "Ist es auch nicht", gibt Martin kleinlaut zu, "ich bin selber an den Apparat gegangen..." Und bevor ihn mein Aschenbecher trifft, macht er sich auch schon aus dem Staube: wie immer die Ohren flach angelegt, die Rute eingekniffen und mit weiten, raumgreifenden Sprüngen.
 
Redaktion: svsc
Letzte Aktualisierung: 8.05.2012, 15:55 Uhr


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