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Thomas Heidepriem

Thomas Heidepriem (Bild: Norbert Klöppel, hr)
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Thomas Heidepriem
Er ist ein echter Autodidakt. Abgesehen vom Klavierspielen hat sich Thomas Heidepriem fast alle Instrumente selbst beigebracht. Der eingefleischte Bassist würde sein Instrument sogar auf eine einsame Insel mitnehmen.
 

Interview: "Jazz ist Kollektivkunst"

Steckbrief

Geboren 1953 in Freiburg, lebt in Bad Vilbel. Jazzpreis Baden-Würtemberg 1987. Dozent an der Hochschule für Musik in Stuttgart seit 1987, seit 1993 auch in Frankfurt.

Spielte mit: Albert Mangelsdorff, Michael Sagmeister, Joachim Kühn, Alphonse Mouzon, Christoph Lauer, Voices, Maria Joao u.v.a.

Seit 1991 Bassist der hr-Bigband.
Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Während der Schulzeit bekam ich Klavierunterricht und habe mir aber schon mit 15, 16 Jahren selbst E-Bass beigebracht. Dazu habe ich Schallplatten von Jimi Hendrix, den Beatles oder Cream angehört und versucht, deren Stücke nachzuspielen. Außerdem habe ich bei meinem Vater, der Amateur-Jazzpianist war, viele Jazzplatten angehört. Mit 18 fing ich mit Kontrabass an, auch wieder autodidaktisch. Wenn man mich fragt, würde ich auf die berühmte einsame Insel jeden Fall einen E-Bass mitnehmen.

Wie sieht Ihr musikalischer Werdegang aus?
Nach der Schule habe ich "pro forma" angefangen, Pädagogik zu studieren. Allerdings wollte ich immer lieber Musik machen. So habe ich schon früh als freier Musiker gearbeitet, in den 70er Jahren vor allem bei unterschiedlichen Fusion-Formationen in Deutschland und der Schweiz, die damals sehr verbreitet waren. Obwohl ich nie eine universitäre Ausbildung in Musik durchlaufen habe, hatte ich schon damals Lehraufträge in Stuttgart, Mannheim und Frankfurt, wo ich mit Albert Mangelsdorff und Michael Sagmeister zusammen gespielt habe. Mit ihm und mit Christoph Lauer bin ich auch auf Tournee gegangen.

Wer sind Ihre musikalische Vorbilder?
Die Bassisten Ron Carter und Jaco Pastorius. Außerdem halte ich den Saxophonisten Wayne Shorter für einen echten "Magier".

Was ist Jazz für Sie?
Jazz ist eine Kollektivkunst, die man nur zusammen mit anderen Musikern spielen kann. Hier kommt es darauf an, wie unterschiedliche Leute aufeinander reagieren. Ob Jazz allerdings zur Hochkultur gezählt werden sollte, bezweifle ich. Ich würde eher sagen, Jazz ist wie Blues spielen, nur über schwierige Harmonien. Miles Davis meinte sogar, dass Jazz zur Trivialkultur zählen sollte. Für mich ist Jazz eine musikalische Ausdrucksform, die im Amerika der Schwarzen zwischen 1920 und 1980 als eigenständige Sprache entwickelt wurde, jenseits des Bildungsbürger-Kulturbetriebs. Inzwischen wird diese Sprache zwar universitär gelehrt, mit dem globalen Effekt, dass auf der ganzen Welt eine Art Retro-Jazz fabriziert wird, dessen Vorbild in der genannten Zeitspanne erfunden wurde. Mit dabei waren damals heute noch lebende Musiker wie Shorter, Hancock, Jarrett, Rollins und andere. Das einzig Authentische an derzeitig gemachtem Jazz ist die Energie, die eine Gruppe Jazzmusiker entfalten kann, wenn alle wissen, wie‘s geht. Das klingt vielleicht ketzerisch, doch es gibt nur wenige Leute, die den Jazz wirklich weiterentwickeln.

Was versuchen Sie, ihren Studenten zu vermitteln?
Für mich ist Musik eine Sprache, die man zum Leben erwecken muss, das versuche ich, den jungen Menschen beizubringen. Dabei möchte ich ihnen gerne die "alten Meister" des Jazz näher bringen. Und zwar so nahe, dass sie das Original vom "Lookalike" unterscheiden können.

Welche war Ihre erste Schallplatte?
Natürlich eine Beatles-Platte, die ich mir vom Flaschen-Pfandgeld, das ich gesammelt hatte, gekauft habe.

Was machen Sie gerne, wenn Sie nicht arbeiten?
Lesen, joggen, im Haushalt arbeiten, Bass üben und fernsehen, ungefähr in dieser Reihenfolge. Naja und dann kümmere ich mich noch um meine drei Frauen zuhause, meine Frau und meine beiden Töchter und unseren Hund.

Welche Musik hören Sie privat gerne?
Eigentlich höre ich zuhause kaum Jazz, sondern eher Popmusik. Zur Zeit finde ich vor allem brasilianische Musik gut, besonders die Sängerinnen.

Was halten Sie von Pop-Musikerinnen wie Norah Jones, deren Musik gerne unter dem Etikett Jazz vermarktet wird?
Musikerinnen wie Norah Jones oder Diane Krall sind für mich "Anwältinnen der Jazzkultur". Was sie machen, würde ich als "gezähmten Jazz" bezeichnen. Zu diesem Kreis zähle ich auch Robbie Williams – mit seinem Swing-Album und den Frank Sinatra-Coverversionen hat er diese Musik einem riesigen Publikum näher gebracht.

Wann bekommen Sie eine "Gänsehaut"?
... wenn ich eine gute brasilianische Sängerin höre, bei der ich kein Wort verstehe. Das nennt man dann wohl nonverbale Kommunikation. (lacht)

Ihr Tag war erfolgreich, wenn ...
... ich alles gemacht habe, was ich mir vorgenommen hatte.
(Interview: Isabel Schad)
 
 
Diskographie:
als Leader:
"Brooklyn Shuffle"
1992-93 produziert in New York mit Tony Lakatos, Jim Beard und Terry Lynn Carrington.

als Sideman mit:
Jim Beard, Tony Lakatos, Terry Lynn Carrington: Jazz Live
Michael Sagmeister: Waiting for better Days, Two is a crowd, Looking out my window, A certain gift, Soulfull questions.
Ralf Hübner: Courage for the past, Perlboot
Christoph Spendel: Limousine, Back to basics
Ensemble 4+6: Sound Variations, Four+six, Colours of the soul
Friedemann: Aquamarin, In concert, passion and pride, Flight of the stork
Martin Schrack Quintett: Reflections
Voices: für Wilhelm E.
John Schröder: Deep Well
Thomas Moeckel: Centrifuge, Intercity
Südpool: Time is a Tango, Moon Dance Suite
Infinity feat. Alphons Mouzon: Now
Peter Giger: Family Jewels
Kühn-Heidepriem-Stefanski-Rössler: Colours
Hasler-Read-Willers-Shipper-Heidepriem: dAs prOjekt
Peter Jacques:I can't give you anything but love
Bernd Konrad: Wen die Götter lieben ...
HR-Jazzensemble: Atmospheric conditions permitting
Frankfurt Jazz Big Band: Tribute to Duke Ellington
Klaus Weiland: Listen to the sky
Pat Martino, Michael Sagmeister, Klaus Göbel: Finally Back Home


 
Stationen seiner Karriere:
Mitwirkung in vielen internationalen Bands, an Radio und TV-Produktionen im In- und Ausland. Projekte mit Franco Ambrosetti, Randy Brecker, Richie Beirach, Carla Bley (SWF-Jazzmeeting 87), Wolfgang Dauner, Palle und Lars Danielson, George Gruntz, Peter Giger, Bill Holman, Roy Haynes, Gabriele Hasler, Maria Joao, Herbert Joos, Bernd Konrad, Joachim Kühn , Michael Kersting, Lee Konitz, Christof Lauer, Günter Lenz, Albert Mangelsdorff, Alphonse Mouzon, Thomas Moeckel, Laureen Newton, Peter O`Mara, Michael Sagmeister, Christoph Spendel, Manfred Schoof, Claus Stötter, Martin Schrack, Heinz Sauer, Clark Terry, Toots Thielemans, Kenny Wheeler, Jiggs Wigham, Ernie Watts.

Tourneen für das Goethe-Institut durch Süd-Ost-Asien (Ch. Lauer-Quartet), Nord-Afrika (Sagmeister), Balkan (Heinz Sauer, Voices), Japan, Taiwan und Portugal (Konrad).

Festivalauftritte in Frankfurt, Montreux, San Remo, Lugano, Stuttgart, Köln, Nürnberg, Zürich, Wiesen, Freiburg u. v. a.
 

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Redaktion: nrc / jüsc
Bild: © Norbert Klöppel, hr
Letzte Aktualisierung: 13.01.2009, 11:17 Uhr
 
 

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