»Garantiert kein Stillstand«
Drei Jahrzehnte Steely Dan, arrangiert für Big Band von Fred Sturm, featuring Ryan Ferreira an der E-Gitarre
Gitarrist Ryan Ferreira wurde in den 80er Jahren geboren und ist ein großer Fan von Steely Dan und Walter Becker. Er studierte an der Eastman School of Music und arbeitete mit Musikern wie Bobby McFerrin, Peter Erskine, Dave Holland und Kenny Wheeler. Neben dem Jazz gilt seine zweite große Leidenschaft der Rockmusik.
Und entsprechend wird man bedient, wenn man die meisten Bigband-Adaptionen der Steely-Dan-Klassiker anhört: eine kraftvolle Fusion, die die Logik einer einspurigen musikalischen Konzeption sprengt. »Black Friday« nimmt den Hörer auf eine Achterbahnfahrt in eine verschwenderische Jazzumgebung, negiert das ursprüngliche Rock-Element und transzendiert den Song auf neue, höhere Ebenen. Gerade wenn man soweit ist, die Metamorphose völlig zu akzeptieren, führt die Reise den Hörer wieder dahin, wo die Wurzeln des Rock in zeitgenössischer Erde ruhen, aber auf vertrautem Terrain. »Home at Last« tanzt wie ein Boot auf hoher See, wo der Nebel und die Kälte es in ein eigenes Universum einschließen, bis es langsam den Punkt ohne Wiederkehr erreicht. Sie werden nicht glauben, was passiert, sobald »Two Against Nature« in einer überraschenden Landschaft mit europäisch-lateinamerikanischen Zutaten ein leidenschaftliches Festgelage veranstaltet, während Sie nur wenige Sekunden zuvor nur knapp darum herum kamen, die Vorzüge von »Negative Girl« wegen seiner warmen, flüssigen und positiven Ausstrahlung zu analysieren. Die Stimmung in »Pretzel Logic« reflektiert einen echten Sinn für Melancholie und die Sehnsüchte einer einsamen Seele. Fred Sturm hat sich nicht nur mit der Musik, sondern auch mit den Texten der Songs befasst, und es gelingt ihm auf intelligente Art, deren Bildwelt in die Bigband-Arrangements zu übertragen.
Diese CD wird am besten laut abgespielt!
Mizar 5, 15/1/2005 Übersetzung: J. Schwab
»Rockig-anspruchsvolle hochkarätige Bigband-Musik«
Besonders die Bigband-Formationen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten stehen seit geraumer Zeit für etwas ein, das hierzulande durchaus nicht selbstverständlich ist eine sich selbstbewusst entwickelnde Bigband-Kultur. Überzeugend dokumentieren das einmal mehr die beiden vorliegenden Einspielungen der Bigbands des SWR und des hr. Und wenn man die Einspielungen im Vergleich hört, wird unmittelbar ohrenfällig, wie hier zwei doch deutlich verschiedene Versionen bzw. »Visionen« aktuellen Bigband-Sounds realisiert werden.
Auf der CD der SWR Big Band »No Time Like The Present« ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Sammy Nestico zu hören, jenem großartigen »alten Herrn« unter den renommierten Bigband-Arrangeuren
Stilistisch ganz anders ausgerichtet sind die Arrangements auf der CD mit der hr Big Band. Erfahren mit stil- und spartenübergreifenden Projekten, hat die Bigband des Hessischen Rundfunks mit der Entscheidung für den Arrangeur und Bandleader Fred Sturm einen wahren Glücksgriff getätigt. Das Album präsentiert Titel der überaus erfolgreichen amerikanischen Rockformation Steely Dan, hinter der sich das Komponisten-Duo Donald Fagen/Walter Becker verbirgt. Deren in den 1970er Jahren Furore machenden Erfolgstitel hat nun Fred Sturm (seines Zeichens Jazz-Dozent auch an mehreren US-Universitäten) in Bigband-Arrangements gesetzt, die absolut hörenswert sind. Sie führen in genialer Weise die Stilbereiche populären 1970er-Jahre-Rocks und innovativen Bigband-Sounds zusammen. Ins Ohr gehen da vor allen Dingen die ostinaten Bass-Grooves, die einen den meisten Stücken charakteristischen Drive sichern (etwa das shuffle-artige »Black Friday« von 1975, »FM« von 1978 über einem kreisenden Dreiton-Riff oder das Samba-beschwingte »The Goodbye Look« von 1982). Elf Titel insgesamt spannen einen historischen Bogen von »Do It Again«, seinerzeit Single-Auskoppelung aus dem Debüt-Album »Can't Buy a Thrill« (1972), bis hin zum Titelsong der mit vier Grammy Awards ausgezeichneten Produktion »Two Against Nature« (2000). Dankbar ist man übrigens für die informativen Kommentare, die das Booklet zu jedem Titel bereitstellt.
Rockig-anspruchsvolle hochkarätige Bigband-Musik vom Feinsten also wozu nicht zuletzt auch der souveräne E-Gitarren-Part von Ryan Ferreira beiträgt. Wie überhaupt jede Menge (weiterer) Solisten zu hören sind und die Band höchst druck- und niveauvoll aufspielt. Sodass hier man mag es als ausbalancierendes Gegengewicht zu der Einspielung der SWR Big Band werten eher die individualistische, jazzigfreie Facette eines aktuellen Bigband-Sounds herausgestellt wird.
Gunther Diehl, Das Orchester, 07-08/2005