»Dramatisch und episch«
Es zählt sicherlich nicht zu den vordringlichen Kulturaufträgen deutscher Rundfunkorchester, die bekanntesten Beethoven-Sinfonien einzuspielen. Doch sollte man über solche Einspielungen vor allem dann nicht mäkeln, wenn sie so gut wie die vorliegende ausfallen. Das ist die Dokumentation einer hervorragenden Spielkultur, die Maßstäbe setzt. Hier wird Beethoven ganz aus einem kompakten, zugleich aber auch reich gestaffelten Orchester-Tutti heraus interpretiert: mit Schwung, angriffig, großzügig und doch auch prägnant und detailgenau.
Solche Eigenschaften prägen auch die Interpretation der zweiten Sinfonie von Charles Ives ein relativ frühes Werk des Komponisten, das hier offenbar erstmals von einem deutschen Orchester eingespielt wurde. Die Zusammenstellung der Werke mag durch ein Zitat aus Beethovens Fünfter in der Ives-Sinfonie veranlasst worden sein, doch weisen die Werke sonst kaum gemeinsame Züge auf. Von der sinfonischen Dramatik Beethovens führt kein Weg zur sinfonischen Epik bei Ives. Zudem spielt Ives direkt auch auf Märsche, Hymnen, auf Schumann oder Brahms an. In der Interpretation durch Hugh Wolff erweist sich dieser Ives'sche Eklektizismus weniger als ein Kompositionsstil, der die »Postmoderne« antizipierte, denn vielmehr als Signum einer geradezu hemmungslosen Freude am anspielungsreichen Musikmachen. Solche Musik und auch das lässt sich als Kulturauftrag verstehen ist gewissermaßen für alle da. Die Einspielung zählt unbedingt zu den substantiellen Ergebnissen, die das Ives-Gedenkjahr 2004 (50. Todestag) zeitigte.
Giselher Schubert, Fono Forum, 05/2005
»Eine ebenso frische wie durchdachte Interpretation«
Beethovens fünfte und Ives' zweite Sinfonie auf den ersten Blick eine merkwürdige, um nicht zu sagen skurrile Kombination. Aber nur auf den ersten Blick: Der amerikanische Pionier Charles Ives hatte zwar zur europäischen Musiktradition ein gespaltenes Verhältnis, doch bezog sich dies nicht auf Ludwig van Beethoven, dessen Werk er sein Leben lang verehrte. Die fünfte Sinfonie liebte er besonders, und deren Anfangsmotto bedeutete für ihn den Inbegriff des transzendentalen Geistes, den er immer wieder beschwor. Infolgedessen zieht sich das Zitat dieser vier berühmten Noten wie ein Motto durch Ives' Musik und findet sich auch in der zweiten Sinfonie wieder. Hugh Wolff und das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt bieten eine ebenso frische wie durchdachte Interpretation von Ives' Liebeserklärung an das ländliche Amerika des 19. Jahrhunderts denn nichts anderes schuf der Komponist in dieser fünfsätzigen Sinfonie. Wolff fängt Ives' Pioniergeist mustergültig ein eine gehörige Portion Respektlosigkeit gehört unbedingt dazu, um den demonstrativ amerikanischen Charakter der Partitur angemessen zum Klingen zu bringen. Doch ebenso gelingt es ihm, das kontrapunktische Geflecht zu durchleuchten und die mannigfachen Zitate aus der amerikanischen Folklore ebenso wie der europäischen Sinfonik hörbar zu machen, ohne sie plakativ in den Vordergrund zu stellen. Unterstützt wird er dabei von einem ebenso warm tönenden wie tiefenscharfen Klangbild.
Das eigentliche Bonbon der CD ist jedoch ausgerechnet Beethovens Fünfte, von der bereits unzählige Einspielungen existieren. Wie heute oft üblich, wählt Wolff einen Mittelweg zwischen traditionellem, »philharmonischem« Klangbild und einzelnen Errungenschaften der Originalklangbewegung: Er lässt die Streicher mit wenig Vibrato spielen und bevorzugt eine sehnige, messerscharfe Artikulation; die Violinen sind rechts und links vom Dirigentenpult postiert. Ventillose Naturhörner, Naturtrompeten sowie kleine Pauken ergänzen das ansonsten moderne Instrumentarium. So entsteht mit durchweg fließenden, doch nie gehetzten Tempi eine transparente und gleichzeitig lebendig atmende Darstellung des viel strapazierten Werkes, die sämiges Pathos erfolgreich vermeidet, es andererseits aber nicht nötig hat, mit jenen Schroffheitsexzessen aufzuwarten, wie sie die erste Generation der Originalklangbewegung bei dieser Musik oft praktiziert hat. Beethovens revolutionärer Geist ist hier angemessen abgebildet, ohne dass sich die erfreulich vielschichtige Interpretation allein auf diesen reduzieren ließe. Mit dieser Einspielung bekräftigen Orchester und Dirigent aufs Neue ihren Ruf als eines der erfolgreichsten Teams der deutschen Orchesterlandschaft.
Thomas Schulz, Das Orchester, 06/2005