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Ludwig van Beethoven · 5. Sinfonie /
Charles Ives · 2. Sinfonie

 (Bild: )
Beethovens berühmte »Schicksals-Sinfonie« in einer bestechend transparenten, packenden Interpretation und ein friedvoll-heiteres Werk des amerikanischen Nonkonformisten Charles Ives.
 

Information

Medieninfo

Ludwig van Beethoven
5. Sinfonie /
Charles Ives
2. Sinfonie


RSO Frankfurt
Hugh Wolff

hr-musik.de /klassik
hrmk 025-04
15,- Euro

Booklet: 32 Seiten
deutsch/english/français

Gesamtdauer: 73:06


Ives verstand es Anfang des 20. Jahrhunderts, die große sinfonische Tradition der »Alten« mit den Klängen der »Neuen Welt« zu vereinen – eine überraschende, fesselnde Musik, gespielt vom Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt und Hugh Wolff mit ebenso viel Sinn für stilistische Details und musikalischer Verve.

Sie ist zweifellos die bekannteste Sinfonie der abendländischen Musik: Beethovens legendäre Fünfte. Ihr berühmtes »Schicksals-Motiv«, gleich zu Beginn so bestimmend und dominant eingeführt, zieht den Hörer unmittelbar hinein in das packende sinfonische Geschehen und lässt ihn nicht mehr los bis zum Finale mit seinem ersehnten Durchbruch zum viel zitierten »Licht«. Als klassisches Modell für Beethovens aufklärerische Weltanschauung, die sich mit ihrem »per aspera ad astra« oder »Durch Nacht zum Licht« kämpferisch für eine bessere Welt einsetzt, steht die Fünfte in vermeintlichem Kontrast zur friedvoll-heiteren 2. Sinfonie des »Freizeitkomponisten« Ives aus der »Neuen Welt«.

 

Information

Titelliste:

Ludwig van Beethoven 1770–1827
5. Sinfonie c-Moll op.67 (1804–08)

1 Allegro con brio
2 Andante con moto
3 Allegro
4 Allegro

Charles Ives 1874–1954
2. Sinfonie (1900–02/rev. 1909)

1 Andante moderato
2 Allegro
3 Adagio cantabile
4 Lento maestoso
5 Allegro molto vivace
Der vom Transzendentalismus geprägte Urvater der amerikanischen Moderne, der seine zukunftsweisenden kompositorischen Experimente jenseits jeder Öffentlichkeit für sich privat entwickelte und keine Aufführungsambitionen damit verband, fühlte sich Beethoven gleichwohl eng verbunden. Er betrachtete Beethovens Musik als Inbegriff musikalischer Metaphysik und sah sich mit seinen eigenen musikalischen Ansätzen gewissermaßen als Fortführer auf gleichen Bahnen. Seine 2. Sinfonie, komponiert am Feierabend und an den Wochenenden nach Rückkehr von seiner Arbeit als Versicherungsverkäufer, ist eine »Musik über Musik«, die mit vielfältigen Zitaten und Entlehnungen wie ein klingender Rückblick auf die durch Beethoven begründete europäische Sinfonietradition erscheint.
Gleichermaßen erweist sie mit zahlreichen Anklängen aber auch der amerikanischen Musikkultur ihre Referenz – eine metaphorische Musik also ebenso, die in ihrem pluralistischen Ansatz viele Eigenarten der amerikanischen Musikästhetik des späteren 20. Jahrhunderts bereits in sich vereint.

Andreas Maul
 
 
 

Hugh Wolff zu dieser Produktion

Ludwig van Beethoven (Bild: )
Ludwig van Beethoven
Das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt nutzt in der Regel moderne Instrumente, aber unser Beethoven verwendet Naturtrompeten, Naturhörner und kleine Pauken. Die Streicher sind mit den ersten Violinen auf der linken und den zweiten Violinen auf der rechten Seite gegenüber platziert. Insgesamt sind es nur 50 Streicher: 14 erste Violinen, 12 zweite Violinen, 10 Bratschen, 8 Celli und 6 Kontrabässe. Dies mag als kleine Details erscheinen, aber sie verändern die Art, wie wir uns dieser vertrauten Musik nähern, erheblich. Der Einsatz von originalem Blech und Pauken verändert die Balance des Orchesters entscheidend: Die Holzbläser waren erstaunt darüber, wie leicht sie gehört werden konnten ohne zu forcieren. Auch die Streicher stellten fest, dass sie mit gewaltiger Energie spielen konnten und immer noch wirkliche Transparenz erzielten. Die Links-Rechts-Platzierung der Violinen – zu Beethovens Zeit die Norm – bringt einige wundervolle Stereoeffekte zum Vorschein, die Beethoven gewiss zu hören erwartete. Und man muss sich klar machen, dass jedes Mal, wenn Beethoven die Hörner einen Ton spielen lässt, der auf dem ventillosen Instrument mit der Hand im Trichter intoniert werden muss, das erzielte metallische Timbre gerade richtig scheint für die Dramatik des Moments. Dies ist etwas, das man bei dem modernen Instrument niemals hört.
 
Nach vielem Nachdenken habe ich mich für die Möglichkeit entschieden, das Scherzo und Trio zu wiederholen . Auch wenn ich die Argumente dagegen anerkenne (das Scherzo ist nun länger als der erste Satz, und die Wiederholung war vom Herausgeber offensichtlich auf Beethovens Wunsch herausgenommen worden), empfinde ich die Version ohne Wiederholung zu abrupt, vor allem weil die Reprise des Scherzos sich so dramatisch vom Original unterscheidet. Ohne eine volle Wiederholung macht die wilde Kraft des Scherzos und Trios zu schnell Platz für die gespenstisch abgemagerte Version der Überleitung zum Finale. Überdies: Die Form der Scherzi und Trios von Beethovens 4., 6. und 7. Sinfonie ist Scherzo–Trio–Scherzo–Trio–Scherzo, so wie auch hier nun mit der eingefügten Wiederholung.
 
Charles Ives (Bild: )
Charles Ives
Charles Ives war ein wirkliches amerikanisches Original. Sohn eines Hutverkäufers aus New England, dessen eigentliche Ambition es war, ein Bandleader zu sein, erlebte Ives zu Hause die Schwierigkeiten, im Amerika des 19. Jahrhundert als Musiker sein Leben zu bestreiten. Nach dem Studium in Yale, wo die altmodischen Professoren Ives' experimentelle Ideen nicht unterstützten, wurde er Geschäftsmann und komponierte in seiner Freizeit. Zu dieser Zeit waren Lebensversicherungen ein neuer und idealer Beruf, und Ives war ein äußerst erfolgreicher Verkäufer.

Finanzielle Unabhängigkeit machte es ihm möglich, am Abend und an den Wochenenden Musik zu schreiben und die Entwicklung der neuen und experimentellen Musik sein ganzes Leben zu unterstützen. Aber in erster Linie Geschäftsmann zu sein und erst in zweiter Musiker, hinderte ihn daran, die Anerkennung der kulturellen Elite seiner Zeit zu gewinnen. Erstaunlicherweise wartete Ives fast 50 Jahre darauf, seine 2. Sinfonie aufgeführt zu hören. Voll von Anklängen an die großen europäischen Romantiker Dvorák, Brahms und insbesondere Beethoven sind darin auch amerikanische Volkslieder und populäre Melodien zu hören: eine wundervolle Collage originaler Klänge. Als sie schließlich im Jahre 1951 von Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern uraufgeführt wurde, saß ein alter und gebrechlicher Charles Ives zu Hause am Radio und zeigte sich sehr zufrieden über dieses außergewöhnliche Werk seiner Jugend.

Die Paarung der beiden Sinfonien mag dem Hörer im ersten Moment sonderbar erscheinen. Geschrieben in einem Abstand von 100 Jahren, sind sie sehr unterschiedlichen ästhetischen Welten verpflichtet. Aber man muss sich bewusst sein, dass Ives Beethoven über alle anderen Komponisten abgöttisch verehrt und beinahe besessen in seinen Werken auf die 5. Sinfonie angespielt hat. Das berühmte Eröffnungsmotto Beethovens zitierte Ives in seinen Three Places in New England, seiner Concord Sonata für Klavier und auch in der 2. Sinfonie. Man höre nur das ruhige Hornmotiv im dritten Satz und noch einmal, wenn der Satz zu seinem friedvollen Ende kommt. Die wütende Kraft des Mottos ist zurückgenommen, aber die Hommage an seinen Schöpfer deutlich.

Hugh Wolff
 

Rezensionen

»Dramatisch und episch«

Es zählt sicherlich nicht zu den vordringlichen Kulturaufträgen deutscher Rundfunkorchester, die bekanntesten Beethoven-Sinfonien einzuspielen. Doch sollte man über solche Einspielungen vor allem dann nicht mäkeln, wenn sie so gut wie die vorliegende ausfallen. Das ist die Dokumentation einer hervorragenden Spielkultur, die Maßstäbe setzt. Hier wird Beethoven ganz aus einem kompakten, zugleich aber auch reich gestaffelten Orchester-Tutti heraus interpretiert: mit Schwung, angriffig, großzügig und doch auch prägnant und detailgenau.

Solche Eigenschaften prägen auch die Interpretation der zweiten Sinfonie von Charles Ives – ein relativ frühes Werk des Komponisten, das hier offenbar erstmals von einem deutschen Orchester eingespielt wurde. Die Zusammenstellung der Werke mag durch ein Zitat aus Beethovens Fünfter in der Ives-Sinfonie veranlasst worden sein, doch weisen die Werke sonst kaum gemeinsame Züge auf. Von der sinfonischen Dramatik Beethovens führt kein Weg zur sinfonischen Epik bei Ives. Zudem spielt Ives direkt auch auf Märsche, Hymnen, auf Schumann oder Brahms an. In der Interpretation durch Hugh Wolff erweist sich dieser Ives'sche Eklektizismus weniger als ein Kompositionsstil, der die »Postmoderne« antizipierte, denn vielmehr als Signum einer geradezu hemmungslosen Freude am anspielungsreichen Musikmachen. Solche Musik – und auch das lässt sich als Kulturauftrag verstehen – ist gewissermaßen für alle da. Die Einspielung zählt unbedingt zu den substantiellen Ergebnissen, die das Ives-Gedenkjahr 2004 (50. Todestag) zeitigte.

Giselher Schubert, Fono Forum, 05/2005


»Eine ebenso frische wie durchdachte Interpretation«

Beethovens fünfte und Ives' zweite Sinfonie – auf den ersten Blick eine merkwürdige, um nicht zu sagen skurrile Kombination. Aber nur auf den ersten Blick: Der amerikanische Pionier Charles Ives hatte zwar zur europäischen Musiktradition ein gespaltenes Verhältnis, doch bezog sich dies nicht auf Ludwig van Beethoven, dessen Werk er sein Leben lang verehrte. Die fünfte Sinfonie liebte er besonders, und deren Anfangsmotto bedeutete für ihn den Inbegriff des transzendentalen Geistes, den er immer wieder beschwor. Infolgedessen zieht sich das Zitat dieser vier berühmten Noten wie ein Motto durch Ives' Musik und findet sich auch in der zweiten Sinfonie wieder. Hugh Wolff und das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt bieten eine ebenso frische wie durchdachte Interpretation von Ives' Liebeserklärung an das ländliche Amerika des 19. Jahrhunderts – denn nichts anderes schuf der Komponist in dieser fünfsätzigen Sinfonie. Wolff fängt Ives' Pioniergeist mustergültig ein – eine gehörige Portion Respektlosigkeit gehört unbedingt dazu, um den demonstrativ amerikanischen Charakter der Partitur angemessen zum Klingen zu bringen. Doch ebenso gelingt es ihm, das kontrapunktische Geflecht zu durchleuchten und die mannigfachen Zitate – aus der amerikanischen Folklore ebenso wie der europäischen Sinfonik – hörbar zu machen, ohne sie plakativ in den Vordergrund zu stellen. Unterstützt wird er dabei von einem ebenso warm tönenden wie tiefenscharfen Klangbild.

Das eigentliche Bonbon der CD ist jedoch ausgerechnet Beethovens Fünfte, von der bereits unzählige Einspielungen existieren. Wie heute oft üblich, wählt Wolff einen Mittelweg zwischen traditionellem, »philharmonischem« Klangbild und einzelnen Errungenschaften der Originalklangbewegung: Er lässt die Streicher mit wenig Vibrato spielen und bevorzugt eine sehnige, messerscharfe Artikulation; die Violinen sind rechts und links vom Dirigentenpult postiert. Ventillose Naturhörner, Naturtrompeten sowie kleine Pauken ergänzen das ansonsten moderne Instrumentarium. So entsteht – mit durchweg fließenden, doch nie gehetzten Tempi – eine transparente und gleichzeitig lebendig atmende Darstellung des viel strapazierten Werkes, die sämiges Pathos erfolgreich vermeidet, es andererseits aber nicht nötig hat, mit jenen Schroffheitsexzessen aufzuwarten, wie sie die erste Generation der Originalklangbewegung bei dieser Musik oft praktiziert hat. Beethovens revolutionärer Geist ist hier angemessen abgebildet, ohne dass sich die erfreulich vielschichtige Interpretation allein auf diesen reduzieren ließe. Mit dieser Einspielung bekräftigen Orchester und Dirigent aufs Neue ihren Ruf als eines der erfolgreichsten Teams der deutschen Orchesterlandschaft.

Thomas Schulz, Das Orchester, 06/2005
 
Redaktion: frne / anma
Letzte Aktualisierung: 12.02.2010, 18:36 Uhr
 
 

Auszeichnungen

 

Diskografie

 (Bild: )
 

CD-Label

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