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Joseph Haydn ·
Sinfonien Nr. 88 / Nr. 89 / Nr. 91

CD-Cover (Bild: )
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Mit ihren Haydn-Interpretationen haben das hr-Sinfonieorchester und Hugh Wolff in den vergangenen Jahren Maßstäbe gesetzt. Sie gelten als beispielhaft für lebendig musizierte Klassik.
 

Information

Medieninfo

Joseph Haydn
Sinfonien Nr. 88 / Nr. 89 / Nr. 91


hr-Sinfonieorchester
Hugh Wolff

hr-musik.de /klassik
hrmk 026-05
15,- €

Booklet: 32 Seiten
deutsch/english/français

Gesamtdauer: 66:01


Mit feinsinnigem Gespür für Haydns Esprit und Humor gelingt es ihnen, die Haydn'sche Musik mit all den in ihr ruhenden Gegensätzen zu inszenieren: Heiterkeit und Dramatik, Eleganz und Strenge.

So auch auf dieser CD, die drei wenig bekannte Sinfonien aus der Zeit zwischen Haydns berühmten »Pariser« und »Londoner Sinfonien« in historisch bewussten, lebendig musizierten Einspielungen präsentiert.

Mit seinen »Pariser Sinfonien« (Nr. 82–87) hatte Haydn sein erstes »klassisches« sinfonisches Opus geschaffen – klassisch in der weitgehenden Durchorganisation des Zyklus', in der Differenzierung der Werk- und Satzcharaktere, der schier unerschöpflichen Fülle der musikalischen Details wie in der gekonnten Vermittlung von anspruchsvollem und populärem Stil. Und auch die auf dieser CD vereinten Sinfonien Nr. 88, 89 und 91 besitzen diese kompositorischen Qualitäten. In ihnen zeigt sich gleichermaßen die Tendenz einer stilistischen Abklärung, ohne allerdings Haydns immense Erfindungslust und seinen musikalischen Spieltrieb einzuengen. Im Gegenteil: Reife und Witz fließen zusammen, und man möchte meinen, dass beide Qualitäten in diesen Werken einander geradezu bedingen.

Andreas Maul
 

Hugh Wolff zu dieser Produktion

Chefdirigent Hugh Wolff (Bild: Alexander Englert) (Bild: )
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Chefdirigent Hugh Wolff

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Titel

Sinfonie Nr. 88 G-Dur (1787)
1 Adagio – Allegro
2 Largo
3 Menuetto: Allegretto
4 Finale: Allegro con spirito

Sinfonie Nr. 89 F-Dur (1787)
5 Vivace
6 Andante con moto
7 Menuet: Allegretto
8 Finale: Vivace assai

Sinfonie Nr. 91 Es-Dur (1788)
9 Largo – Allegro assai
10 Andante
11 Menuet: Un poco Allegretto
12 Finale: Vivace
In den fünf Jahren zwischen seinen ungeheuer erfolgreichen Sinfonien für Paris (Nr. 82–87, geschrieben 1785 und 1786) und seiner ersten Reise nach London (1791) komponierte Haydn lediglich fünf Sinfonien. Zwei von ihnen (Nr. 88 und 89) verkaufte er an seinen unternehmerischen Geigerfreund Johann Tost, der wiederum versuchte, sie in Paris anzubieten, und drei (Nr. 90–92) waren eine Fortsetzung für »Le Concert de la Loge Olympique«, jener Organisation, die die Nr. 82–87 in Auftrag gegeben hatte. Auf der CD stellen wir drei dieser fünf Sinfonien vor.

Nach Jahren der Isolation auf Esterháza hatte Haydn mit seinen »Pariser Sinfonien« internationalen Ruhm gewonnen und mit diesem Erfolg kamen ein breiterer Kreis von Freunden, neuerliche Energie und außergewöhnliche musikalische Inspiration. Obwohl diese Sinfonien weniger bekannt sind, als ihre Pariser und Londoner Schwestern, sind sie nicht weniger erfinderisch, geistreich und inspiriert.

Die Sinfonie Nr. 88 ist die einzige der drei, die Trompeten und Pauken nutzt. Aber erstmals in allen seinen Sinfonien enthält sich Haydn dieser Instrumente im lebhaften Eröffnungssatz und führt sie erst im sanften langsamen Satz ein. Und anstatt dass sie leise hineinschleichen, treten sie mit einem dramatischen fortissimo-Ausbruch auf. Es ist ein musikalisch spitzer Ellenbogen in die Rippen eines jeden Besuchers, der eingenickt gewesen sein mochte! In dem Trio des Menuetto, das folgt, imitieren die Fagotte den Klang von Dudelsäcken. Haydn schreibt ausdrücklich forte assai (laut genug) in den Fagott-Part, während alle anderen daran erinnert werden, zart zu spielen. Momente später, dröhnen die übereifrigen Fagottisten ihr Brummen einen Takt zu früh – ein wundervoll komischer Effekt.

Die Sinfonie Nr. 89 eröffnet ermüdend den Standardrahmen der klassischen Ära: einfache, elegante Melodien in wohlproportionierten Phrasen. Aber schnell wechselt sie in dunkle, dramatischere Bereiche. Der Übergang zurück zur Eröffnung hat eine beinahe Beethoven'sche Dramatik: abrupte Dynamikwechsel, chromatische Harmonien, und plötzliche Pausen. Aber im Finale herrscht überall ausgelassene Freude, mit einer Melodie, die einen besonderes Moment rhythmischer Erfindung besitzt. Haydn schreibt strascinando in der Partitur, ein von ihm oder anderen Komponisten jener Zeit selten benutztes Wort. Wörtlich »schlurfen«, möchte er, dass man sich hier ein wenig Extra-Zeit nimmt, um die Rückkehr zur Eröffnungsphrase hervorzuheben. Haydn beim Wort nehmend, haben wir versucht, bei jedem der vier Male mit diesem Ereignis das vorige noch zu übertreffen!
 
Joseph Haydn in einem Gemälde von Christian Ludwig Seehas (Bild: )
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Joseph Haydn in einem Gemälde von Christian Ludwig Seehas
Die chromatische Qualität, die in der Sinfonie Nr. 89 hin und wieder aufscheint, durchströmt die Sinfonie Nr. 91. Die Hauptmelodie des ersten Satzes ist sehr ungewöhnlich: sanft, chromatisch, nackt und geheimnisvoll. Sie taucht subtil aus der eröffnenden Introduktion auf: Violinen steigen chromatisch empor, während die Celli und Bässe fallen. Dann tauschen sie die Rollen, die Celli und Bässe übernehmen die aufsteigende Melodie und die Violinen die fallende – alles in der Atmosphäre unterdrückter Spannung. Diese aufsteigende Melodie ist der grundlegende Baustein des Satzes, der in Dutzenden von Verkleidungen wieder erscheint. Der zweite Satz kehrt zur traditionelleren Form und dem Charakter von Thema und Variationen zurück, aber am Ende scheint Haydn sich über die altmodische Formalität lustig zu machen. Eine Reihe von ornamentalen Trillern, die in den Fagotten beginnen, durchdringen bald das gesamte Orchester in zwanghafter Wiederholung. Zunächst sind es Violinen und Flöte, im weiteren Verlauf die Bratschen, Celli und Oboen, die sich zu lautem, emphatischen Trillern verbinden – ein ganz übermütiger Effekt. Ein weiteres Beispiel für Haydns unbezähmbaren Witz ist im Trio des Menuet zu finden: Die Violinen und Fagotte erfreuen sich einer sanften Melodie, während die Hörner rüde mit etwas wirklich Nichtssagendem unterbrechen.

Wie bei unseren vorherigen Haydn-Aufnahmen, haben wir versucht, innerhalb des Rahmens eines modernen Orchesters einen historisch genauen Klang zu schaffen: Die Trompeten und Hörner sind moderne Kopien von alten, ventillosen Instrumenten. Als Pauken wurden Kopien von Instrumenten des 18. Jahrhunderts eingesetzt und die Flöten sind aus Holz. Die ersten und zweiten Violinen sitzen einander gegenüber an der Bühnenfront. Dies schafft den »Stereo«-Effekt, der bei Komponisten des 18. Jahrhunderts so beliebt war, wenn sie kurze Phrasen hin und her schrieben zwischen den Violingruppen. Unser Cembalist improvisiert aus der Partitur, so wie es nach unserer Vorstellung Haydn getan hätte. Gelegentlich haben wir wiederholte Passagen verziert oder ihre Dynamik verändert, aber in der Frage des Vibrato sind wir dem Grundsatz gefolgt: »weniger ist mehr«.

Hugh Wolff
 

Rezensionen

»Begnadeter Körper«

Mit Haydn-Sinfonien verhält es sich ähnlich wie mit Bach-Kantaten: Entweder man hat sie alle in einer CD-Box zusammen oder man sammelt mühsam Einzelaufnahmen, wo dann Überschneidungen so unvermeidbar sind wie damals doppelte Fußballspieler in der Bildchentüte. Auf dem Schulhof tauschen jedoch kann man diese nicht, weder die Kantaten noch die Sinfonien.

Auch wenn ein solide sortierter Plattenschrank Haydns Sinfonie Nr. 88 sicher schon aufzuweisen hat, sprechen dennoch gleich zwei Gründe dafür, die neue CD des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt zu kaufen. Der erste Grund trägt die Nummern 89 und 91 und bezeichnet zwei Sinfonien, die vergleichsweise selten im Angebot sind. Haydn komponierte sie zwischen den berühmt gewordenen »Pariser« und den ebenso wichtigen »Londoner« Sinfonien, sie sind also Einzelwerke ohne schmückende Beinamen und daher vom Markt deutlich vernachlässigt, ohne dass dies qualitativ motiviert wäre.

Den zweiten Grund, der nachdrücklicher noch für diese CD spricht, erübrigt es sich beinahe zu erwähnen. Denn mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, dass das Frankfurter Radioorchester dank seines Chefdirigenten Hugh Wolff ein begnadeter Haydn-Klangkörper geworden ist. Nach den Blechbläsern, die schon länger auf Naturinstrumenten der klassischen Epoche spielen, haben nun auch die Flötisten auf Holztraversen umgerüstet, alleine schon der Klang ist eine Freude. Und Hugh Wolff, der ein Haydn-Händchen hat wie kaum ein zweiter, steuert diesen Klang mit präzisem Witz und Esprit. Zum Beispiel die leichten, aber sagenhaft präsenten Begleitfiguren der zweiten Violinen im Kopfsatz der Sinfonie Nr. 89, das steife Menuett mit den formelhaften Cembalo-Umspielungen des dritten Satzes oder die blökend dreinfahrenden Hörner im Menuettsatz der Nr. 91 – das sind Haydn-Raffinessen, wie sie delikater nicht vorgeführt werden können.

Eines hat sich übrigens geändert seit der ersten reinen Haydn-CD, die das Orchester vor zwei Jahren vorgelegt hatte: Der Markenname. Aus RSO wurde jetzt hr-Sinfonieorchester. Den Haydn stört das nicht.

ick, Frankfurter Rundschau, 02.07.2005


»Eine lustvolle Herausforderung«

Wenn es einen Prüfstein gibt, abseits aller Diskussionen um das so genannt »Authentische«, wie denn Haydn-Sinfonien heute aufzuführen seien, so ist es wohl dieser: Können die Frische, die Vitalität dieser Werke auf eine Art bewahrt und vermittelt werden, die der stupenden Originalität der Musik entsprechen? Anders herum gedreht: Lässt sich jener Effekt, den Haydns Kreationen im späten 18. Jahrhundert auf aufmerksame Zuhörer ausübten, für heutige Ohren noch fruchtbar machen? Hugh Wolff und seinem Hessischen Rundfunkorchester gelingt dies auf weite Strecken und auf beeindruckende Art. Das ist für sie kein Akt der geduldigen Routine, sondern eine lustvolle Herausforderung.

Versammelt sind mit den Sinfonien 88, 89 und 91 drei Werke, die zwischen den Blöcken der Pariser und der Londoner Sinfonien stehen – und wohl gerade deswegen, weil sie sich nicht so leicht etikettieren lassen, eher selten anzutreffen sind (mit Ausnahme der Nummer 88, die war schon bei den philharmonischen Giganten von gestern, Furtwängler, Walter, Bernstein, höchst beliebt). Rechtens würden sie eigentlich als Nachträge zu den Pariser Sinfonien gehören, denn Haydn komponierte sie mit Blick auf Aufführungen in der französischen Metropole. Und er kannte die hohen Ansprüche der Musikfreunde an der Seine.

Hugh Wolff hat schon bei seiner früheren Wirkensstätte, dem Saint Paul Chamber Orchestra, regelmäßig Haydn gespielt. Er weiß, um was es geht. Seither hat er deutlich – aber nicht sklavisch! – profitiert von den Erkenntnissen »originalen« Musizierens. Auch wenn er mit einem modernen Orchester (immerhin inklusive Cembalo) auftritt, fließen Erkenntnisse des historischen Klangs in sein Interpretieren ein, locker und unverkrampft. Äußerst transparent das Geflecht der Stimmen, die Holzbläser durchaus bestimmend, die tiefen Streicher als markantes Bassfundament. Vor allem verstehen Wolff und seine Mitstreiter den geistvollen Witz der Vorlagen zu treffen, ihre kauzige Pointiertheit, ihr vergnügliches Löcken wider den Stachel des Vertrauten. Es ist, alles in allem, eine herzhaft humorvolle Darstellung.

Mario Gerteis, www.klassik-heute.de, 08.07.2005


»Brillante Spielfreude und analytische Tiefe«

Joseph Haydns Musik wurde vom Pariser Publikum abgöttisch geliebt. Konzerte mit seinen Sinfonien wurden zu glänzenden gesellschaftlichen Ereignissen, für die man gerne bereit war viel zu bezahlen. Für die Freimaurerloge Olympique entstand ein Zyklus von sechs Sinfonien, die später den Beinamen »Pariser« tragen sollten. Das logeneigene Orchester war für seine hervorragenden Musiker bekannt und auch die Besetzung war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich groß. Nach den ziemlich beengten Verhältnissen auf Schloss Esterhazy stellte sich also für Haydn endlich der ersehnte internationale Erfolg ein. Es eröffneten sich mit einem Mal ganz neue Möglichkeiten für ihn. Als nun seine »Pariser Sinfonien« wie ein Donnerschlag in Frankreich einschlugen, wollte Haydn weitere Kompositionen für das dankbare Publikum folgen lassen. So entstanden unter anderem seine Sinfonien Nr. 88, Nr. 89 und Nr. 91, die zwar nie die Bekanntheit ihrer Vorgängerwerke erreichten, aber Haydns Ruhm weiter mehrten. Es gab nur einen einzigen Wehmutstropfen für Haydn: Er hatte die Sinfonien Nr. 88 und Nr. 89 seinem Freund aus Esterházy-Tagen geschrieben, Johann Tost, der die beiden Werke in der französischen Metropole verkaufen sollte. Doch dann musste Haydn feststellen, dass er vom geschäftstüchtigen Tost übervorteilt worden war, da dieser die Werke auch gleich noch in Kommission an einen Wiener Verleger verkauft hatte. Aber auch Haydn konnte gerissen seine Kompositionen zu seinem Vorteil verkaufen. So schickte er die für die Freimaurerloge komponierten Werke, wozu auch die Sinfonie Nr.91 gehört, auch an den Fürsten Oettingen-Wallerstein. Dies zog einige Verwicklungen nach sich, da es der Fürst als Affront empfand, nur Stimmkopien zu erhalten und nicht, wie sonst üblich, den Partiturautographen. Haydn täuschte daraufhin eine Augenerkrankung vor und schrieb sogar eine vermeintliche erste Partiturseite, die er dann mit einem langen Entschuldigungsbrief dem Fürsten zusandte.

Das hr-Sinfonieorchester hat diese drei seltener zu hörenden Sinfonien nun zusammen mit seinem Leiter, dem amerikanischen Dirigenten Hugh Wolff, neu eingespielt. Wie auch schon bei vorangegangenen Haydn-Aufnahmen hat man versucht, mit den Gegebenheiten eines modernen Orchesters einen möglichst historisch korrekten Klang zu schaffen. Trompeten und Hörner sind Kopien von alten ventillosen Instrumenten und auch bei Pauken und Flöten hat man sich um historische Nachbildungen bemüht. Wolff legte zudem bei den Aufnahmen Wert darauf, dass das Orchester in einer im 18. Jahrhundert beliebten Sitzweise aufgebaut würde. Die hat zur Folge, dass sich erste und zweite Geigen gegenüber sitzen und einen interessanten Raumklang erzeugen, wenn sie sich die Themen abwechselnd zuspielen.

Das Ergebnis dieser Bemühungen ist ein wirklich lebendiger Orchesterklang, dessen Effektreichtum den raffinierten und ideenreichen Stücken gerecht werden. Elegant führt Wolff das Orchester durch die Partituren. Seine Interpretationen zeichnen sich durch eine natürliche Leichtigkeit aus, die sowohl brillante Spielfreude als auch analytische Tiefe zulässt.

Christiane Bayer, www.klassik.com, 11.02.2006



 
Redaktion: nrc / anma
Letzte Aktualisierung: 12.02.2010, 18:32 Uhr
 
 

Auszeichnungen

 

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