»Begnadeter Körper«
Mit Haydn-Sinfonien verhält es sich ähnlich wie mit Bach-Kantaten: Entweder man hat sie alle in einer CD-Box zusammen oder man sammelt mühsam Einzelaufnahmen, wo dann Überschneidungen so unvermeidbar sind wie damals doppelte Fußballspieler in der Bildchentüte. Auf dem Schulhof tauschen jedoch kann man diese nicht, weder die Kantaten noch die Sinfonien.
Auch wenn ein solide sortierter Plattenschrank Haydns Sinfonie Nr. 88 sicher schon aufzuweisen hat, sprechen dennoch gleich zwei Gründe dafür, die neue CD des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt zu kaufen. Der erste Grund trägt die Nummern 89 und 91 und bezeichnet zwei Sinfonien, die vergleichsweise selten im Angebot sind. Haydn komponierte sie zwischen den berühmt gewordenen »Pariser« und den ebenso wichtigen »Londoner« Sinfonien, sie sind also Einzelwerke ohne schmückende Beinamen und daher vom Markt deutlich vernachlässigt, ohne dass dies qualitativ motiviert wäre.
Den zweiten Grund, der nachdrücklicher noch für diese CD spricht, erübrigt es sich beinahe zu erwähnen. Denn mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, dass das Frankfurter Radioorchester dank seines Chefdirigenten Hugh Wolff ein begnadeter Haydn-Klangkörper geworden ist. Nach den Blechbläsern, die schon länger auf Naturinstrumenten der klassischen Epoche spielen, haben nun auch die Flötisten auf Holztraversen umgerüstet, alleine schon der Klang ist eine Freude. Und Hugh Wolff, der ein Haydn-Händchen hat wie kaum ein zweiter, steuert diesen Klang mit präzisem Witz und Esprit. Zum Beispiel die leichten, aber sagenhaft präsenten Begleitfiguren der zweiten Violinen im Kopfsatz der Sinfonie Nr. 89, das steife Menuett mit den formelhaften Cembalo-Umspielungen des dritten Satzes oder die blökend dreinfahrenden Hörner im Menuettsatz der Nr. 91 das sind Haydn-Raffinessen, wie sie delikater nicht vorgeführt werden können.
Eines hat sich übrigens geändert seit der ersten reinen Haydn-CD, die das Orchester vor zwei Jahren vorgelegt hatte: Der Markenname. Aus RSO wurde jetzt hr-Sinfonieorchester. Den Haydn stört das nicht.
ick, Frankfurter Rundschau, 02.07.2005
»Eine lustvolle Herausforderung«
Wenn es einen Prüfstein gibt, abseits aller Diskussionen um das so genannt »Authentische«, wie denn Haydn-Sinfonien heute aufzuführen seien, so ist es wohl dieser: Können die Frische, die Vitalität dieser Werke auf eine Art bewahrt und vermittelt werden, die der stupenden Originalität der Musik entsprechen? Anders herum gedreht: Lässt sich jener Effekt, den Haydns Kreationen im späten 18. Jahrhundert auf aufmerksame Zuhörer ausübten, für heutige Ohren noch fruchtbar machen? Hugh Wolff und seinem Hessischen Rundfunkorchester gelingt dies auf weite Strecken und auf beeindruckende Art. Das ist für sie kein Akt der geduldigen Routine, sondern eine lustvolle Herausforderung.
Versammelt sind mit den Sinfonien 88, 89 und 91 drei Werke, die zwischen den Blöcken der Pariser und der Londoner Sinfonien stehen und wohl gerade deswegen, weil sie sich nicht so leicht etikettieren lassen, eher selten anzutreffen sind (mit Ausnahme der Nummer 88, die war schon bei den philharmonischen Giganten von gestern, Furtwängler, Walter, Bernstein, höchst beliebt). Rechtens würden sie eigentlich als Nachträge zu den Pariser Sinfonien gehören, denn Haydn komponierte sie mit Blick auf Aufführungen in der französischen Metropole. Und er kannte die hohen Ansprüche der Musikfreunde an der Seine.
Hugh Wolff hat schon bei seiner früheren Wirkensstätte, dem Saint Paul Chamber Orchestra, regelmäßig Haydn gespielt. Er weiß, um was es geht. Seither hat er deutlich aber nicht sklavisch! profitiert von den Erkenntnissen »originalen« Musizierens. Auch wenn er mit einem modernen Orchester (immerhin inklusive Cembalo) auftritt, fließen Erkenntnisse des historischen Klangs in sein Interpretieren ein, locker und unverkrampft. Äußerst transparent das Geflecht der Stimmen, die Holzbläser durchaus bestimmend, die tiefen Streicher als markantes Bassfundament. Vor allem verstehen Wolff und seine Mitstreiter den geistvollen Witz der Vorlagen zu treffen, ihre kauzige Pointiertheit, ihr vergnügliches Löcken wider den Stachel des Vertrauten. Es ist, alles in allem, eine herzhaft humorvolle Darstellung.
Mario Gerteis, www.klassik-heute.de, 08.07.2005
»Brillante Spielfreude und analytische Tiefe«
Joseph Haydns Musik wurde vom Pariser Publikum abgöttisch geliebt. Konzerte mit seinen Sinfonien wurden zu glänzenden gesellschaftlichen Ereignissen, für die man gerne bereit war viel zu bezahlen. Für die Freimaurerloge Olympique entstand ein Zyklus von sechs Sinfonien, die später den Beinamen »Pariser« tragen sollten. Das logeneigene Orchester war für seine hervorragenden Musiker bekannt und auch die Besetzung war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich groß. Nach den ziemlich beengten Verhältnissen auf Schloss Esterhazy stellte sich also für Haydn endlich der ersehnte internationale Erfolg ein. Es eröffneten sich mit einem Mal ganz neue Möglichkeiten für ihn. Als nun seine »Pariser Sinfonien« wie ein Donnerschlag in Frankreich einschlugen, wollte Haydn weitere Kompositionen für das dankbare Publikum folgen lassen. So entstanden unter anderem seine Sinfonien Nr. 88, Nr. 89 und Nr. 91, die zwar nie die Bekanntheit ihrer Vorgängerwerke erreichten, aber Haydns Ruhm weiter mehrten. Es gab nur einen einzigen Wehmutstropfen für Haydn: Er hatte die Sinfonien Nr. 88 und Nr. 89 seinem Freund aus Esterházy-Tagen geschrieben, Johann Tost, der die beiden Werke in der französischen Metropole verkaufen sollte. Doch dann musste Haydn feststellen, dass er vom geschäftstüchtigen Tost übervorteilt worden war, da dieser die Werke auch gleich noch in Kommission an einen Wiener Verleger verkauft hatte. Aber auch Haydn konnte gerissen seine Kompositionen zu seinem Vorteil verkaufen. So schickte er die für die Freimaurerloge komponierten Werke, wozu auch die Sinfonie Nr.91 gehört, auch an den Fürsten Oettingen-Wallerstein. Dies zog einige Verwicklungen nach sich, da es der Fürst als Affront empfand, nur Stimmkopien zu erhalten und nicht, wie sonst üblich, den Partiturautographen. Haydn täuschte daraufhin eine Augenerkrankung vor und schrieb sogar eine vermeintliche erste Partiturseite, die er dann mit einem langen Entschuldigungsbrief dem Fürsten zusandte.
Das hr-Sinfonieorchester hat diese drei seltener zu hörenden Sinfonien nun zusammen mit seinem Leiter, dem amerikanischen Dirigenten Hugh Wolff, neu eingespielt. Wie auch schon bei vorangegangenen Haydn-Aufnahmen hat man versucht, mit den Gegebenheiten eines modernen Orchesters einen möglichst historisch korrekten Klang zu schaffen. Trompeten und Hörner sind Kopien von alten ventillosen Instrumenten und auch bei Pauken und Flöten hat man sich um historische Nachbildungen bemüht. Wolff legte zudem bei den Aufnahmen Wert darauf, dass das Orchester in einer im 18. Jahrhundert beliebten Sitzweise aufgebaut würde. Die hat zur Folge, dass sich erste und zweite Geigen gegenüber sitzen und einen interessanten Raumklang erzeugen, wenn sie sich die Themen abwechselnd zuspielen.
Das Ergebnis dieser Bemühungen ist ein wirklich lebendiger Orchesterklang, dessen Effektreichtum den raffinierten und ideenreichen Stücken gerecht werden. Elegant führt Wolff das Orchester durch die Partituren. Seine Interpretationen zeichnen sich durch eine natürliche Leichtigkeit aus, die sowohl brillante Spielfreude als auch analytische Tiefe zulässt.
Christiane Bayer, www.klassik.com, 11.02.2006