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Frankfurt

Anne Chaplet alias Cora Stephan

Cora Stephan alias Anne Chaplet
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Cora Stephan alias Anne Chaplet
Cora Stephan ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Historikerin. Unter dem Pseudonym „Anne Chaplet“ schreibt sie Kriminalromane. Sie wohnt in Frankfurt am Main und in Südfrankreich und in dem kleinen Dorf Mücke.
 

Den Wohnort einer bekannten deutschen Krimi-Autorin stellt man sich eigentlich anders vor. Doch in Mücke, im hessischen Vogelberg, wohnt tatsächlich Anne Chaplet - in einem kleinen Häuschen.

Ein Aussteiger als Titelheld

Paul Bremer ist die Hauptfigur der Krimis von Anne Chaplet. Fünf Jahre schon lebt er in der selbstgewählten dörflichen Einsamkeit, kämpft mit Fahrradfahren gegen seine Depressionen, genießt die heilende Wirkung der Natur. Kaputte Ehe, stressiger Beruf, Stadtleben – alles hat er hinter sich gelassen. Paul Bremer, ein bisschen das alter ego von Anne Chaplet, hat ein realistisches Verhältnis zum Land. Die Dorfbewohner halten ihn auf Distanz. Und doch gehört er inzwischen zu ihnen.
 

Anne Chaplet: “Paul Bremer liebt diese Gegend hier. Er liebt sein kleines stinkendes Dorf, wo er etwas ganz Seltsames erlebt: dass soziale Kontrolle etwas Schönes sein kann. Sein Nachbar, der ihm direkt in den Hof guckt, weiß ganz genau, wie viel Flaschen Wein er im Laufe der Woche zu sich nimmt, wann er Fahrrad gefahren ist, ob er Besuch gekriegt hat, welche Pakete der Briefträger gebracht hat. Ach, das weiß vielleicht noch besser die Nachbarin. Er ist auf eine Art und Weise überschaubar geworden, wie er es sich in der Stadt nie hätte vorstellen können und auch nie hätte erträumen mögen. Und mittlerweile stellt er fest: Ich habe nicht zu verbergen. Ich fühle mich aufgehoben durch diese Art der Aufmerksamkeit, die ja keine bösartige ist. Sie ist eine ja fast möchte man sagen Pflegerische.“
 

"Schneesterben": Verdrängte Vergangenheit in einem kleinen Ort

Klein-Roda heißt das fiktive mittelhessische Dorf, in dem die meisten Anne-Chaplet-Krimis spielen. In „Schneesterben“ zum Beispiel macht die Krimi-Autorin die kollektive Verdrängungsarbeit der Dorfgemeinschaft zum Thema: Die Leiche eines berühmten Kriegsreporters wird im Schnee gefunden. Eine Dorfbewohnerin legt ein Geständnis ab. Der Fall scheint klar. Doch Paul Bremer kommt das nicht geheuer vor.

Er stellt Nachforschungen an. Sie führen ihn zu einem nahegelegenen alten Eisenbahntunnel. So erfährt er, dass in der Nazizeit hier Zwangsarbeiter unter Qualen Teile für die Hitler-Rakete V2 bauten und, am gleichen Ort, Kinder aus Klein-Roda einen Jungen zu Tode quälten. Die Mutter des Jungen beging Selbstmord. Ein traumatisches Ereignis war das für alle im Dorf. Als Paul Bremer diese Vergangenheit aufrührt, schlägt ihm eine ungewohnte Aggressivität der Dorfbewohner entgegen.

„Schneesterben“ ist ein eindringlicher Roman darüber, dass die Seele nichts vergisst und dass die unerträglichen Erinnerungen erst mit dem Tod erlöschen.

Anne Chaplet: „Im Roman 'Schneesterben' ist ein ganz wichtiges unterliegendes Thema tatsächlich die Frage, wie viel Vergangenheit und wie viel Erinnerung kann eine kleine Gemeinschaft vertragen. Also wir aufgeklärten Städter sind gewohnt, dass man zu jeder Sekunde Vergangenheit erinnern können muss. Auf dem Dorf kann das zu großen Konflikten führen und da ist oft das Verdrängen das einzige, was es einem ermöglicht, weiterhin zusammenzuleben.“
 

Autorin in zwei verschiedenen Welten

Erinnerung, Gedächtnis, Geschichte. Damit beschäftigt sich Anne Chaplet schon lange. Allerdings nicht nur als Krimiautorin. Anne Chaplet ist nämlich ein Pseudonym für Cora Stephan, bekannt als scharfzüngige politische Kommentatorin, Essayistin und Sachbuchautorin.

Anne Chaplet: „Natürlich lebe ich in zwei verschiedenen Welten, weil ich zwei verschiedenen Berufen nachgehe. Das eine ist, als Cora Stephan Sachbuchautorin sein, auch journalisrtisch arbeiten und das andere ist, als Anne Chalpet Romane zu schreiben. Ich habe das ganz bitter lernen müssen, dass das ein völlig anderes Schreiben ist. Beide leben auch unterschiedliche Existenzen. Die eine eher in der Stadt, die andere eher auf dem Land. Aber beide arbeiten, wie ich finde, ganz vorzüglich zusammen. Die eine, die Cora Stephan, bringt die historische Perspektive, den großen Draufblick, die Gesamtschau mit. Und die andere, die Romanautorin, die Anne Chapet, guckt, wie das große Ganze, die Geschichte, wie das große Verhängnis unten ankommt, bei den Individuen, da wo es wehtut.“
 

Krimi als Porträt der Gesellschaft

Die Krimis von Anne Chaplet haben immer einen gesellschaftlichen Hintergrund. „Nichts als die Wahrheit“ ist ein Politkrimi im Milieu Berliner Bauskandale. Eine Öko-Austeigerin aus Klein-Roda wird Bundestags-Abgeordete und gerät in eine Welt von Gier, Erpressung und Korruption.

„Die Fotografin“, Chaplets vierter Krimi, spielt in Südfrankreich. Dorthin hat sich die Tochter eines Piloten zurückgezogen, der von Terroristen erschossen wurde. Sie fotografiert die Gegend und entdeckt dabei die Spur eines der Terroristen, der im selben Dorf untergetaucht ist. Auch hier schnüffelt Paul Bremer herum und weiß alles besser, wie in Klein Roda.

Anne Chaplet: „Also, ich hab zu Paul Bremer ein sehr gespaltenes Verhältnis muss ich sagen. Manchmal nervt der Mann mich unendlich. Wie kann man einfach immer nur Fahrrad fahren, Depressionen haben und das Leben beobachten. Ich hab schon oft versucht, ihn in Bewegung zu versetzen. Als Autorin hat man ja gewisse Macht über seine Figuren. Aber nicht allzu viele. Und zugleich habe ich entdeckt, dass er einen großen Vorzug hat. Er ist gerade als der Fremde auch etwas, was eine kleine enge Dorfgemeinschaft braucht. Er ist jemand, der auch eine andere Sichtweise ins Spiel bringen kann und deshalb auch immer über das Dorf hinausweist.“

Paul Bremer und die wachsende Liebe zu einem hessischen Dorf. Landhauskrimis nach englischem Vorbild. Keine falsche Land-Idylle, dafür hintergründiger Realismus und brillante Milieubeschreibung - auch in den Chaplets Nachfolgekrimis, in denen starke Frauen ermitteln. Anne Chaplets Romane sind ein Ereignis: Spannend und lesenswert.
 
Redaktion: nrc / sofo
Stand: 05.01.2010
 

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