»Die Freiheit des Tango«
Vom Tango sagt man, er sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen könne. Zumindest früher, als es noch ums Ganze ging, um Leben und Tod nämlich und um die Liebe, unerfüllte, dramatische, sehnsüchtige Liebe. Glück kennt der Tango nur als etwas Verlorenes.
Selbst Astor Piazzolla, der große Mann des Tango Nuevo, wunderte sich manchmal darüber: »Ich amüsiere mich gerne, ich schätze guten Wein, gutes Essen, ich liebe das Leben. Eigentlich gibt es keinen Grund, dass meine Musik traurig ist.« Aber sie war es doch. Und Piazzolla wusste letztlich auch, wieso: weil der Tango nun mal traurig war. Als Piazzolla 1992 im Alter von 71 Jahren starb, hinterließ er ein gewaltiges ?uvre von fast 3000 Werken. Neun davon hat Fred Sturm für die hr Big Band arrangiert ? »in der Hoffnung, die vielen Facetten von Piazzollas einzigartiger Kompositionskunst auf einer CD darstellen zu können«. Das ist ihm nicht schlecht gelungen. Die hr Big Band jedenfalls entfaltet unter der Leitung Jörg Achim Kellers enorme Farbpracht, verwandelt sich in Melonga del Angel, dem heimlichen Hit der Platte, in einen blühenden, atmenden, ausladenden Organismus, fächert sich in halb impressionistisch schillernde, halb von amerikanischen Filmmusiken kündende Klangflächen auf, die dem Bandoneon Enrique Tellerias als wunderbares Fundament. dienen, um der Welt da draußen von Pathos und Schwermut zu erzählen.
An anderen Stellen zieht Keller das Tempo an, wirkt primär über die rhythmische Kraft und die perkussive Energie der dichten, präzisen Phrasen. In Resurreción del Angel berichten sie vom kontrapunktischen Erbe der Kunstmusik, das in vielen Stücken Piazzollas nachzittert, in Mumuki von der immensen lyrischen Tiefe seiner Musik. Und zum Schluss verbeugen sie sich vor seinem vielleicht berühmtesten Stück, das auch der CD ihren Namen gab: Libertango. Der Tango Nuevo von 1974 wollte nicht mehr nur die Trauer tanzen, sondern auch die Freiheit. So viel revolutionäres Utopie-Potenzial war in Musik einmal üblich.
gor, Frankfurter Rundschau, 23.04.03
»homegrown«
Auf dem Label des Hessischen Rundfunks, hr-musik.de, ist gerade die von der hr Big Band eingespielte CD »¡Libertango! ? Hommage an Astor Piazzolla« erschienen. »Die Stücke dieser Produktion wurden sorgfältig aus einem riesigen Schatz von 3.000 Kompositionen Astor Piazzollas ausgewählt und umfassen die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens«, schreibt der für diese Aufnahme verantwortliche Arrangeur Fred Sturm in den Liner Notes. Unter der Leitung von Jörg Achim Keller variieren die Mitglieder der Rundfunk-Big-Band bekanntere und unbekanntere Piazzolla-Themen und präsentieren diese mit kraftvollen Solochorussen und geschmeidigem Satzspiel. Und diesen Sound holt der Bandoneon-Virtuose Enrique Tellería mit seinem Instrument nach Argentinien zurück
Martin Laurentius, Jazz thing 49/2003, Juli/August
»Gekonntes Modellieren der Kühnheiten«
Es gibt nicht allzu viele Jazz-Big-Band-Adaptionen Piazzolla'scher Werke, viel häufiger trifft man auf sinfonische Bearbeitungen aus dem klassischen Bereich. Umso größeres Interesse sollte diese Hommage der Big Band des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von J. A. Keller an den Tango-Erneuerer finden, an welcher der 1992 verstorbene Maestro sicher sein Wohlgefallen gehabt hätte. Denn diese Einspielungen sind sehr stimmige, gekonnt arrangierte, souverän und mit hohem Identifikationsgrad interpretierte Jazzbearbeitungen von relativ bekannten Vorlagen Piazzollas und keine routinierte Aufgabenerfüllung eines Allroundorchesters. Das Ensemblespiel ist sehr kompakt und mit den für Piazzolla so wichtigen dynamischen Abstufungen, Klangschattierungen und sensiblen Detailausleuchtungen. Unter den durchweg engagierten, solistischen Beiträgen (Jörg Engels, tp, Rainer Heute, bs, Harry Petersen, ss, Peter Reiter, p, Günter Bollmann und Peter Feil, tb, Matthias Haus, marimba, Tony Lakatos, ts) ragt der Gastsolist Enrique Tellería als Bandoneonspieler hervor. Er verleiht der Thematik die typische Klangfarbe und bittersüße Stimmung.
Dass er ein sensibel-inspirierter Könner seines Faches ist, ist am verführerischsten hörbar in der Milonga del angel. Keller führt das Orchester feinnervig von der zartesten Geste bis zum drallen, volltönenden, gleichwohl scharf konturierten und akzentuierten Tutti (z.B. in La Camorra oder Zum), vom lieblichen Pastell einer melancholischen Melodie über schrillkühne harmonische Reibungen bis zum dissonanten Aufschrei. Mit der für ein Jazzorchester diesen Ranges nicht anders zu erwartenden rhythmischen Elastizität und Wendigkeit werden die subtilen dramaturgischen Bausteine des »Hitchcocks der konzertanten Tango-Musik« nachgezeichnet und ihnen packende Passagen jazzmäßiger Themenbearbeitung hinzugefügt ? wohl entworfen und begrenzt von den Arrangeuren Fred Sturm (8) und Wolf Kerschek (1). Improvisiert wird nur in den solistischen Beiträgen, es gibt keine kollektiven Freiheiten, keine neuen Kühnheiten, sondern das gekonnte Modellieren der Kühnheiten der Vorlagen in das Jazzidiom. Die Vorlage bleibt immer in Sichtweite. Wenn man so will: Das Konzept ist in der konventionellen Bigband-Tradition verankert, das musikalische Geschehen wirkt stets homogen und geschlossen, sehr form- und dramaturgiebewusst.
Die Repertoireauswahl Sturms ist sehr attraktiv, natürlich darf das programmatische Stück Libertango als Sinnbild von Piazzollas Vision des befreiten Tango nicht fehlen ? nur: Sturm erwähnt selbst, dass er aus einem Fundus von etwa 3000 Kompositionen schöpfen konnte; wann wagt es endlich einmal jemand das weniger oder gar unbekannte Material des Tangozauberers zu bearbeiten?
Gerhard Litterst, Jazz Podium 10/2003
»Gutes aus Hessen«
Im Reigen der deutschen Rundfunkorchester hat die hr Big Band sich durch hohes Niveau und stilübergreifende Vielseitigkeit einen ausgezeichneten Namen gemacht. Unter Leitung von Kurt Bong (1989--1999) und Jörg Achim Keller (seit 2000) erspielte sie sich mit anspruchsvollen Projekten internationales Renommée. Eine feine CD-Serie auf dem sendereigenen Label des Hessischen Rundfunks lässt jetzt einige beachtenswerte Arbeiten der letzten Jahre noch einmal Revue passieren? Bei »¡Libertango!« liegt der Reiz darin, den Tango Nuevo des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla mit einer Jazz-Big-Band aufzuführen. Als Solisten auf dem Bandoneon konnte man mit dem Uruguayer Enrique Tellería einen der großen Interpreten von Piazzollas Musik gewinnen. Bei der Auswahl achtete man auch auf die »Engel«-Kompositionen »Michelangelo«, »Milonga del angel« und »Resurrección del angel«.
Berthold Klostermann, Fono Forum, 02/2004