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5.10.2010

hr-music / jazz

Liebe, Spott und Unmoral

CD-Cover (Bild: hr)
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CD-Cover
Die "alten, bösen Lieder" des großen Spötters und Moralisten Georg Kreisler, neu gedeutet in einem jazzorchestralen Kontext von Ed Partyka, der hr-Bigband und Theo Bleckmann.
 

Lieder von Georg Kreisler

Audio: Kreisler: Die Ehe 5:36 Min
(© Hessischer Rundfunk, 07.10.2010)
Audio: Kreisler: Warum 3:12 Min
(© Hessischer Rundfunk, 07.10.2010)

Liebe, Spott und Unmoral
Lieder von Georg Kreisler

hr-Bigband
Theo Bleckmann, Gesang
Ed Partyka, Arrangements und Leitung

hr-music/Jazz
hrmj 045-10

Gesamtspielzeit: 69:37


Vor seinem 75. Geburtstag schrieb Georg Kreisler einen offenen Brief, in dem er sich jegliche Gratulationen von Seiten des Staates Österreich verbat. Nach dem bejubelten „Anschluss“ der Alpenrepublik ans größenwahnsinnige Deutsche Reich, hatte der Jude 16jährig aus Wien fliehen müssen. 1955 kam Kreisler als US-amerikanischer Staatsbürger zurück, hielt es aber nur drei Jahre aus. Musste er doch erfahren, dass der vielzitierte Wiener Schmäh nur wohlgelitten ist, solange er die eigenen Schwächen nicht zu deutlich ins Visier nimmt. Der Kabarettist blieb seitdem, wie er selbst sagt, ein „wandernder Jude“. Obwohl Kreislers Lieder in aller Welt als Ausdruck des typisch schwarzen Humors seiner Heimatstadt rezipiert werden, kam man in Österreich nicht auf die Idee, dem jüdischen Emigranten seine Staatsbürgerschaft wieder zurückzugeben.

Auch musikalisch ist Kreisler in gewissem Sinn ein Heimatloser geblieben. Aus einer zunächst von Arnold Schönberg unterstützten Klassik-Karriere wurde nichts. Der Filmindustrie von Hollywood, in der viele jüdische Emigranten als Komponisten Fuß fassen konnten, kehrte er den Rücken, nachdem er es „nur“ zum Pianisten Charlie Chaplins gebracht hatte. In New York versuchte Kreisler sich als Entertainer und Interpret eigener Lieder. Deren Aufnahmen wurden allerdings von den Produzenten nicht veröffentlicht, weil die Zeit wohl nicht reif war für den makabren Humor des Europäers. Später schrieb er viele Bühnenwerke, von denen die meisten nur selten oder nie aufgeführt wurden. Auch als Literat ist Kreisler aktiv, sogar ausschließlich, seit er nicht mehr als Musiker öffentlich auftritt. Seine nimmermüde Kreativität sucht sich offensichtlich ständig irgendwelche Ventile. Den größten Erfolg hatte er in den 50er und 60er Jahren mit seinen makabren und hintergründigen Liedern. Seitdem sind etliche zu Klassikern geworden.
 
Immer wieder beschreiben sie den Schrecken des Alltäglichen. Da wird die Ehe mit schonungsloser Bosheit als institutionalisierte Lüge entlarvt oder exemplarisch vorgeführt, wie leicht kleinbürgerlicher Fremdenhass in eine Hexenjagd mündet: „Kinder gebt’s acht. Die Hexe nebenan darf nicht bleiben.“ Und Bidla-Buh, das Lied vom Mann, der die Frauen liebt, bis der Tod sie von ihm scheidet, formuliert nur durchaus alltägliche Mord-Phantasien, das allerdings mit makabrer Konsequenz. Ins Absurde wendet sich der Humor beim Mädchen mit den drei blauen Augen und ins abgrundtief Melancholische beim Lied von der Triangel. Die ganze Trostlosigkeit des Musikerschicksals kulminiert in der Feststellung, „ein Triangel kann man nicht einmal stimmen.“ Kreisler ist mehr als nur ein spitzzüngiger Spötter. Vielmehr hat er sich die Rolle eines Narren zu Eigen gemacht. Er hält uns den Spiegel vor und betätigt sich in „Warum“ oder „Frieden kommt in hässlicher Gestalt“ auch als Mahner. Letzteres ist genau wie das paranoide Szenario von „der Verfolgte“ ursprünglich kein Lied, sondern ein reiner Text, zu dem Ed Partyka die Musik komponiert hat.

Die Jazzanklänge in Kreislers Musik – Residuen seiner Jahre im Exil – gaben den Anstoß für dieses Projekt der hr-Bigband. Ed Partyka, US-Amerikaner mit langjährigem Wohnsitz in Wien, vertiefte sich in Kreislers Leben und Werk und fand viele Anknüpfungspunkte für seine Adaptionen. In seinen Arrangements ging es Partyka darum, die Implikationen der Texte musikalisch zu auszugestalten und gleichzeitig das Potential der Kompositionen auszuschöpfen. Für die hr-Bigband ist es das erste Projekt, bei dem deutsche Liedtexte im Mittelpunkt stehen. In der klaren Diktion und eleganten Stimmführung Theo Bleckmanns sprechen sie ganz für sich. Solistische Glanzlicher von den Musikern der hr-Bigband setzen deutliche Jazzmarken in einer Musik, die ein breites Spektrum abdeckt zwischen Nostalgie und Modernität, Parodie und Ernsthaftigkeit. Der Bastard Jazz offenbart sich als wirkungsvoller Verbündeter des heimatlosen Satirikers.

Jürgen Schwab
 
Titelliste:

Zwei alte Tanten tanzen Tango
Das Triangel
Die Hexe
Frieden kommt in hässlicher Gestalt
Kreisler-Medley (Frühlingsmärchen/Der Fliegergeneral/Das Mädchen mit den drei blauen Augen)
Geben Sie acht
Der Verfolgte
Bidla Buh
Warum

 
Redaktion: kim / anma
Bild: © hr
Letzte Aktualisierung: 19.10.2010, 14:50 Uhr
 
 

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