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Umwerfende Einblicke

Josef Heinrich Darchinger "Wirtschaftswunder"

Berliner Reichstag mit VW und Moped (Bild: Verlag)
Ingredenzien des Wirtschaftswunders: Berliner Reichstag mit VW und Moped
Acht Jahre nach Kriegsende beginnt der Fotograf Darchinger seine Reise durch den Westen Deutschlands. Er dokumentiert die Entwicklung der BRD in schlichten, ergreifenden Bildern. Eine Pflichtlektüre für Zeitgenossen und Nachgeborene.
Bewertung
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Während Deutschland noch in Trümmern liegt und die Menschen sich langsam an ein kriegsfreies Leben gewöhnen, während die erst einige Jahre zuvor mit der Währungsreform eingeführte DM an Kaufkraft und auch an "moralischer" Stärke gewinnt, während Care-Pakete aus den USA eintreffen und in New York ein Reisebüro mit Sightseeing Tours durch das zerstörte Deutschland (solange es noch Ruinen gibt) wirbt, während der Hunger immer weniger regiert und die Menschen beginnen, sich wieder eine Zukunft (auf Kosten der Aufarbeitung der NS-Zeit) vorstellen können, während all dem macht sich ein Mann auf die Reise durch das, was er um sich herum findet.
 

Fotos von Josef Heinrich Darchinger 

 
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Buchcover (Bild: Verlag)

Information

Josef Heinrich Darchinger "Wirtschaftswunder"

Darchinger, Frank (Hrsg.)
mit Texten von Klaus Honnef
Hardcover, 31 x 25.7 cm
288 Seiten, € 29,99
ISBN: 978-3-8365-0019-7
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
Taschen Verlag
November 2008
Josef Heinrich Darchinger, ein Bonner, Jahrgang 1925, mit abgeschlossener landwirtschaftlicher Lehre, erlebt den Krieg an der Westfront, wird 1945 schwer verwundet, kommt in französische Kriegsgefangenschaft, flieht 1947. Zurück in Bonn bekommt er Arbeit in einem Fotolabor, heiratet 1948 seine Kollegin Ruth und spart - für eine Kamera, die er sich 1949 endlich leisten kann. Es ist eine Leica IIIc. 1952 fängt er an als Fotojournalist zu arbeiten, zunächst in Diensten der SPD und der Gewerkschaften. 1964 kommt der Durchbruch: Er arbeitet für den SPIEGEL und DIE ZEIT, und weil er das in Bonn tut, gehört er bei Auslandsreisen der Bundesregierung zum Tross der mitreisenden Fotografen. Er ist einer der großen, international bekannten deutschen Fotografen, wird mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Ernst-Salomon-Preis geehrt.

Er kommt also herum durch seine Arbeit, und er sieht sich das Land, in dem er lebt, genau an. Nicht nur die großen politischen Auftritte und Augenblicke kommen vor seine Linse; Darchinger sieht das Alltägliche, das Kleine, die eigene Familie, die Nachbarn, die Kinder, die Alten und die, die in die Hände spucken und anpacken in jenem Fieber, das Deutschland ergreift und später als die Zeit des "Wirtschaftswunders" bezeichnet wird, in der die Menschen verbissen schuften und das Lachen wieder lernen.
 

Ungekünstelt und umso beeindruckender

Darchingers Fotos sehen aus wie Schnappschüsse und sind doch bis ins Detail durchdacht, besser: durchfühlt, denn sie sind in ihrer Schlichtheit von umwerfender Emotionalität. Sie dokumentieren die Menschen und Geschehnisse einer Epoche, die ihresgleichen sucht, längst vorbei ist und von denen, die sie erlebt haben, nicht vergessen werden kann. Denn wer hätte heute noch dieses Vertrauen in die Wirtschaft, in die Politik, in eine sichere Zukunft, die die Menschen in Darchingers Bildern ausstrahlen. Diese Zeiten sind vorbei - auch dessen wird man sich bewusst, wenn man diese Fotos betrachtet. Wunderbar anzuschauen sind sie, wenn sie die politischen Ereignisse begleiten, wenn sie öffentlichen Personen – oder soll man nicht besser sagen: die politischen Charakterköpfe - abbilden, wie Konrad Adenauer oder Ludwig Erhard, Willy Brandt oder Helmut Schmidt, ganz zu schweigen von Franz Josef Strauß.
 

Hochgetunte Roller und hippe Hosen

Geradezu anrührend werden diese Bilder aber, wenn sie die so genannten „einfachen“ Menschen und ihre Lebensumstände zeigen. Da ist in den 50er Jahren die Tretroller-Gang von um die Ecke, die Jungs, die sich in ihren Krachledernen (je speckiger, desto hipper) auf ihren per Fußantrieb hochgetunten Kinderrollern ein Rennen über die Kopfsteinpflasterstraßen liefern. Sie grinsen frech in die Kamera, an ihnen ist der Krieg vorbeigegangen, vielleicht haben sie noch die letzen eins, zwei Jahre als Babies erlebt. Sie kennen die Lücken zwischen den abgeblätterten Hausfassaden wie ihre Westentasche, da, wo sie wegen der Blindgänger nicht spielen dürfen und wo sie immer zu finden sind. Sie plündern mit ihren Pfennigen Taschengeld die Kaugummi-Automaten, die an den Häuserwänden hängen.

Da stehen die Mädchen am Rande und schauen zu, denn sie bekommen erst in den späteren Jahren das Fortbewegungsmittel für Kinder in den 50er und 60er Jahren geschenkt. Spirrlige Beine, mit rutschenden Kniestrümpfen, die zum Fotografieren ordentlich hochgezogen werden und gleich wieder nach unten abhauen, mit obligatorischen Spängchen und Zöpfen, sobald die Haare auch nur lang genug sind, um zwei Windungen hinzukriegen. Da riecht es im Winter nach etwas, das es heute auch nicht mehr gibt: nach dem Holz-, Kohle-, Brikettrauch aus den Schornsteinen, wenn Tiefdruck herrscht und die Luft erstickend steht. Man sieht vor allem den Kindern die Armut an, aber was schert es sie. Der Magen muss nicht mehr – wie kurze Jahre zuvor bei ihren Eltern - knurren, und Dreck macht Speck, heißt es, wenn die Bollerhosen im Winter vor Schlamm starren, haben sie doch auf einem der vielen unbebauten Grundstücke in der Nachbarschaft einen Erdhügel zur Rutschbahn erkoren.
 

Quälgeist Kratzwolle

Das ist die Zeit der Wollstrümpfe, jener Quälgeister, die den Mädchen, aber auch den Jungs, heiße Tränen des Zorns in die Augen steigen lassen, weil diese unförmigen Gebilde außer Warmhalten vor allem eines tun: kratzen wie die Hölle, besonders am Rand, da, wo sie an den fleischfarbenen Strapsen der Leibchen festgemacht werden und wo es immer zieht an der kurzen unbedeckten Fläche zwischen Strumpf und Unterhose (auch sie im Winter aus jener berühmten kratzenden Wolle, die heute kein Fabrikant mehr anzubieten wagte).
 

Rebellion mit Turnschuhen und Petticoat

Die amerikanische Musikkultur, ungebremst von Nazi-Verboten, schwappt nach Deutschland herüber, und da zicken die ersten Jugendlichen, wenn sie ihren Rock'n'Roll nicht tanzen dürfen, weil das ja fast so schlimm wie Geschlechtsverkehr ist. Petticoats plüschen frech die sexy Mädels auf, die ersten Turnschuhe werden Bestandteil der Ausgehgarderobe für junge Leute, die dann, in den 60ern, in Milchbars herumhängen und die Musik zur Grundlage ihren aufkeimenden Protests machen. Da kreischen die ersten Mädels kurz vor dem Ultraschallbereich, weil die Beatles in einem Konzert zeigen, was aufmüpfig sein heißt.
 

Mutti, der Eismann ist da!

Seit kurzem halten Nierentisch, Gelsenkirchener Barock und Mustertapete Einzug in die bundesrepublikanischen Wohnungen. Und weil der wirtschaftliche Aufschwung die ersten „Gastarbeiter“, vornehmlich aus Italien, anlockt, wird auch der Eismann Teil des Straßenbildes. Der hat dann einen Motorroller mit Blech und Wimpeln in ein Segelboot verwandelt, mit dem er hupend durch die Straßen fährt und sein hausgemachtes italienisches Speiseeis direkt an die Kundschaft bringt. Da wirbt die aufblühende Tourismusindustrie mit Reisen in sein Heimatland, und Rimini ist nur eines der Zauberworte jener Zeit. Da raucht auch schon mal die Hausfrau, im Privaten, auf der Straße ist das immer noch höchst unschicklich, was könnten da die Nachbarn denken. Da kommt ein Textilstoff in die Läden, der zuerst die Männer in ihren Nyltesthemden innerhalb von zehn Minuten in eine stinkende Horde von Pumas verwandelt, etwas später dann auch die Frauen, die ihre geblümten Hänger mit Stehkrägelchen aus dem gleichen Material schneidern. Da versagt jegliches – in nur wenigen Sorten vorhandenes – Deo aufs Erbärmlichste.
 

Völlern ohne Nachzudenken

Am Abend werden die Städte bunt, Leuchtreklame – wie am Picadilly Circus, nur doch noch etwas abgespeckter - ist in und vor allem bezahlbar. Verschwenderischer Umgang mit den Rohstoff-Ressourcen ist noch kein Begriff, und solange die Schornsteine in den Industriegebieten rauchen und dabei den Himmel mit dicken Abgasfahnen überziehen, haben Männer und immer mehr Frauen Arbeit, und darauf kommt es an. Die 70er Jahre mit der Ölkrise und ihren Folgen sind noch lange nicht in Sicht, also wird gevöllert und nicht nachgedacht. Und es wird zugenommen in deutschen Landen, frisch auf den Tisch, die Deutschen werden zu jenem rundlich-fetten Zerrbild ihrer selbst, das die anderen Nationen noch jahrelang zeichnen werden. Lass die Schwarte krachen, am Aschermittwoch ist alles vorbei und so gut ging es uns doch noch nie. Vergessen der Krieg, der Hunger, die Qual, aber auch die Schuld. Die Frage nach der Verantwortung stellen die Jungen, die Revoluzzer, die, deren Haare immer länger werden und die sich nicht mehr abspeisen lassen von „Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst“.
 

Erinnerungshilfe

1967 endet die Reportagereise Darchingers durch die Republik - zumindest in diesem Bildband. Es ist das Ende dieser Zukunftsverheißung, die das Wirtschaftswunder versprochen hat. Die 68er kommen und stellen das Selbstverständnis der Deutschen auf den Kopf, die erste große Wirtschaftskrise zeichnet sich ab. Erhards Zigarre glüht längst nicht mehr. Es gibt keine probaten Konzepte, auf die man zurückgreifen könnte, die Welt gerät in einen Umbruch, der letztendlich zur Globalisierung werden wird. US-amerikanischen Universitäten gelingt 1969 der erste Datentransfer per Leitung, das Internet ist geboren, jene Technologie, die zur "Dampfmaschine" unseres Jahrhunderts wird, die wie keine andere Erfindung Sein und Bewusstsein bestimmt und hinter die es keinen Weg zurück mehr gibt.

Wie gesagt, die Zeiten, die Darchinger fotografiert und in denen er als Chronist mitten drin gelebt hat, sind vorbei. Und genau das macht diesen Bildband so einzigartig. Mit ihm sollten Familien sich an einen Tisch setzen, Oma und Opa, Vater und Mutter und die Kinder. Mit ihm wird verständlich, was die Jungen heute nicht mehr begreifen, weil sie es nie erlebt haben. Für die, die in dieser Zeit groß geworden sind, entfaltet sich ein Kaleidoskop ihrer Kindheit und Jugend, ihres Erwachsenenseins. Der Bildband ist Erinnerungshilfe und Ausgangspunkt fürs Erzählen, für die vielen persönlichen Geschichten, die man längst vergessen hat und die mit diesen Bildern wieder greifbar vor einem stehen. Also hinsetzen und blättern - das wird ein großartiger Familientag!

Vorgestellt von Nicole Rodriguez Cardenas
 
Redaktion: nrc
Bilder: © Verlag (2)
Stand: 10.01.2009
 

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