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Etwas mehr als ein Blühkalender

Edvard Koinberg "Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen"

Ausschnitt Buchcover (Bild: Verlag)
Ausschnitt Buchcover
Als Carl von Linné als erster Blüten mit ihren Samenstengel und Fruchtknoten als Sexualorgane beschrieb, löste er einen heftigen Skandal aus und entdeckte die Systematik der Pflanzen. Auf die Spuren des Wissenschaftlers hat sich der Fotograf Edvard Koinberg begeben.
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Die Ideen des schwedischen Botanikers und Mediziners Carl von Linné (1707 - 1778) führten damals zu so etwas wie einer "sexuellen Revolution" in der Botanik: Er verglich den Aufbau von Blüten nach der Beschaffenheit der Fortpflanzungsorgane und Blütezeit und schuf somit eine wissenschaftliche Systematik, die bis heute in der Botanik ihre Gültigkeit hat. Was der Mann, der in seinem Leben nie über Schweden hinauskam, da sah, beschrieb er ebenso deftig wie poetisch: "Einige Blüten werden von Liebe getrieben, ihre Narbe weit zu öffnen, wie ein wilder Drache, verlangend nach nichts anderem als dem Pollen des Staubblatts." Das mag schon damals auf freigeistige Blumenliebhaber wie ein Aphrodisiakum gewirkt haben, aber die meisten seiner Landsleute verprellte Linné. Man schrieb das 18. Jahrhundert, und der Gedanke, beim Riechen an einer Blume seine Nase an ein Sexualorgan zu halten, mag die meisten Zeitgenossen schlichtweg überfordert haben, auch wenn die Sexualorgane der Pflanzen – wie Linné schrieb – nicht so stinken wie die von Tieren, sondern den Menschen mit Wohlgerüchen umhüllen.
 

Bilder von Edvard Koinberg 

 
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Buchcover (Bild: Verlag)

Information

Edvard Koinberg "Herbarium Amoris. Das Liebesleben der Pflanzen"

Vorwort: Henning Mankell
Texte: Tore Frängsmyr
280 Seiten, € 29,99
ISBN 978-3-8365-1781-2
Taschen Verlag
April 2009

Diese Thesen haben den schwedischen Fotografen Edvard Koinberg fasziniert und zu seinem fotografischen Werk beflügelt. Linnés Landsmann hat runde 250 Jahre später seinen Garten mit einer Vielzahl von Arten bestückt, um das zu fotografieren, was der Wissenschaftler so enthusiastisch beschrieben hat. Ihm sind dabei faszinierende Bilder gelungen. Die Blüten bildet er vor schwarzem Hintergrund ab, um den Blick nicht abzulenken. Prall, üppig, strotzend, aber auch zart und filigran stellen seine Blüten ihre Sexualorgane zur Schau. Das rankt und schlängelt sich, das ist prall und saftig protzend, ist bezaubernd in seiner Sanftheit. Und wenn der Fotograf Lichtpunkte setzt und die Blüte erstrahlen lässt, entsteht Magie.

Wer allerdings die laszive und bewusst provokant fotografierte Blütenerotik eines Robert Mapplethorpe erwartet, wird enttäuscht. Koinbergs Pflanzen recken und räkeln sich unbekümmert und absichtslos. "Sie tun das nicht für uns", sagt Koinberg. "Sie tun das für die Insekten." Damit ist Koinberg erfrischend lakonisch an den Grenzen von Linnés Sprachgebrauch und dem seiner Adepten angelangt. Sexualität ist mehr als nur ins Licht halten, was man hat. Anthropomorphe Begriffe funktionieren einfach nicht, wie schon die heftige Diskussion um Konrad Lorenz und seine Graugänse gezeigt hat. Schon gar nicht bei Pflanzen.

Das tut der Qualität von Koinbergs Fotografien nicht den mindesten Abbruch, sie sind einfach schön, meisterlich, zum Genießen und zum Staunen. Was daran Sexualität sein mag, liegt schlicht im Auge des Betrachters.

Vorgestellt von Nicole Rodriguez
 
Redaktion: nrc
Bilder: © Verlag (2)
Stand: 19.07.2009
 

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