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"Mommy Porn"

E.L. James "Shades of Grey – Geheimes Verlangen"

Ausschnitt Buchcover (Bild: Verlag)
Ausschnitt Buchcover
Nun ist der erste Band einer Trilogie auf Deutsch erschienen, die zu den sensationellsten Bucherfolgen der vergangenen Jahre zählt. Es geht um Sex, Fesselsex, Kontrollfreaks, fabelhafte Orgasmen, um SadoMaso und um Unterwerfung.
Bewertung
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11.07.2012, 18:05 Uhr
15 Millionen Exemplare hat die Britin Eleanor Leonard unter dem Pseudonym E.L. James bereits verkauft. Es hat sie zur 15-fachen Millionärin gemacht. Hauptfigur ihres Buches ist Anastasia Steele, 21 Jahre alt, Collegestudentin, die auf Christian Grey trifft, 27 Jahre alt, Selfmade-Milliardär, Sex-Maniac, der für seine sadomasochistischen Arrangements keine Mittel scheut, Anastasia, kurz Ana genannt, wird seine ideale, wenn auch widerspenstige Geliebte, und er führt sie in sein Spielzimmer ein. Er sichert sich mit einem seitenlangen Vertragswerk ab, und siehe da, es gefällt ihr.
 

Information

 (Bild: Verlag)

E.L. James "Shades of Grey. Geheimes Verlangen", Band 1

Aus dem Englischen von Andrea Brandl, Sonja Hauser
608 Seiten, e 12,991
ISBN: 978-3-442-47895-8
Goldmann Verlag
9. Juli 2012

Band 2:
Shades of Grey - Gefährliche Liebe
erscheint am 3. September
Band 3:
Shades of Grey - Befreite Lust
erscheint am 29. Oktober
Und was ist das nun für ein Roman? Eine Art Geschichte der O, Marquis de Sade? Pornographisch? Sexistisch? Kapitalismuskritisch? Vor allem aber suggeriert das Werk eines: Wir alle teilen insgeheim die Lust an der Unterwerfung, nicht nur sexuell. Was, wenn die Autorin E. L. James recht hat?

Irgendetwas muss das Werk haben. Ist es die Tatsache, dass Sadomaso als letztes Outing einer sehr speziell interessierten Minderheit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, raus ist aus der Schmuddelecke? Fasziniert diese seltsam anmutende Cinderella-Geschichte der jungen Ahnungslosen mit dem Klischee-Amerikaner "superreich und superselbstbewusst"? Oder ist es vielleicht der süße Schmerz oder die Lust an der Unterwerfung, in der sich die eigene Obsession widerspiegelt?

Stilistisch ist das Buch Armageddon – das Ende des geschriebenen Wortes. Und die Sexszenen sind überall zusammengeklaut. Erica James, Anfang 40, Mutter zweier Teenage-Söhne, ein bisschen rundlich und entschieden unglamourös, macht nicht den Eindruck, als ob sie hier aus eigenem Erleben schreibt: "Ich habe das Internet durchforstet", sagt sie. "Ich hatte die Befürchtung, die Sozialbehörden würden meinen Computer finden oder mir meine Kinder wegnehmen." Auf die Frage, ob sie auch Filme angeschaut hat, kichert sie wie ein Mädchen: "Vielleicht..."
 
Was denn, immer noch verschämt, nachdem sie inzwischen drei Folgen, schlappe 1500 Seiten, von diesem Zeug zusammengeschrieben hat, das die englische Presse "Mommy Porn" nennt. Talkshows landauf, landab zerbrechen sich die Köpfe darüber, warum ausgerechnet diese Collage von Sex und Schmalz so erfolgreich ist. Die Autorin selber erklärt den Erfolg ganz schlicht: "Im Herzen davon steht eine Liebesgeschichte zwischen einem dominanten, reichen Mann, der weiß, wie es im Bett geht, was Frauen mögen, und einer jungen, unschuldigen Frau."
 
Da muss man keine Feministin sein, um mitsamt seiner innersten Göttin auf die höchste Palme zu springen. Manche britischen Kommentatorinnen schreiben noch milde von "Zuckertörtchen- und Blümchenkissen-Porno"; andere sehen das schärfer: "Was fürchterlich und gefährlich ist an den Büchern, ist nicht der Sex. Es ist die Fantasie von der großen Liebe, den Richtigen zu finden, auch wenn es ein Leben in sexueller Sklaverei bedeutet", schreibt Susan Moore im Guardian. "'Geheimes Verlangen' ist der Traum von Frauen, die keine Lust haben, jeden Tag zu Arbeit zu gehen, und stattdessen einen Kerl suchen, der sie erster Klasse fliegen lässt und ihnen als erstes einen netten kleinen Sportwagen kauft, auch um den Preis, dass sie zwischendurch ständig ans Bett gefesselt werden. Und das nach 100 Jahren Frauenbewegung. Dann gehe ich lieber ins Büro!"

Auszug aus: hr2-kultur, Der Tag (11.07.2012)
 
Redaktion: nrc
Bild: © Verlag
Letzte Aktualisierung: 17.07.2012, 11:40 Uhr
 

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