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4.06.2012

Von Inseln und Irrfahrten

Zachary Mason "Die verlorenen Bücher der Odyssee"

Ausschnitt Buchcover (Bild: Verlag)
Ausschnitt Buchcover
Es hätte auch ganz anders sein können. Der US-Amerikaner Zachery Mason erzählt in seinem Debütroman von Begebenheiten, von denen Homer nichts wusste. Da ist Odysseus mal ein Feigling, mal ein alter müder Mann oder gleich im Gespräch mit sich selbst.
Bewertung
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Spektakulär beginnt Zachery Masons Debütroman "Die verlorenen Bücher der Odyssee": Nach zehnjährigem Trojanischen Krieg und weiteren zehn Jahren des Herumirrens kehrt Odysseus endlich heim nach Ithaka, zurück zu seiner Familie. Seine Frau Penelope ist alt geworden, "breiter um die Hüften, mehr Grau als Schwarz im Haar, die Haut um die Augen von feinen Runzeln gezeichnet." Doch was Odysseus bis ins Mark trifft, ist nicht die verflossene Schönheit seiner Frau. Penelope, die die Hoffnung auf eine Wiederkehr ihres Mannes vor Jahren schon aufgegeben hat, hat wieder geheiratet, einen auch schon älteren Mann, keinen Krieger wie ihn. Damit hat der Held nicht gerechnet, er ist fassungslos und rettet sich in eine "Offenbarung": falsche Insel, falsche Frau, falscher Film, alles sei eine "böswillige Täuschung einer rachsüchtigen Gottheit". Und weg ist Odysseus.
 

Ein präptolemäisches Papyrus aus Oxyrhynchos

Information

 (Bild: Verlag)

Zachary Mason "Die verlorenen Bücher der Odyssee"

Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy
230 Seiten, € 22,95
ISBN 3518422936
Suhrkamp, Berlin
April 2012
Insgesamt 44 Texte, Miniaturen von einer Seite bis zu längeren Szenen von 20 Seiten, bieten "Die verlorenen Bücher der Odyssee" auf. In einem kurzen Vorwort verweist Zachery Mason auf einen Papyrus, "der in den staubtrockenen Abfallhügeln von Oxyrhynchos ausgegraben wurde" und der die Grundlage für die "Verlorenen Bücher" sei. Ein postmodernes Spiel, eine fiktive Herausgeberschaft samt einer obskuren Quelle, eine "vorliegende Übersetzung", die natürlich keine ist. Wobei Oxyrhynchos, südlich von Kairo gelegen, existiert und weltberühmt ist als Ausgrabungs- und Fundort allerhand antiker Texte vom Thomasevangelium bis hin zu Euklids "Elementen der Geometrie". Dieses Spiel mit der Herkunft und der Quelle, dem mündlichen Überliefern und den Variationen, die mündliche Überlieferungen mit sich bringen, zieht sich durch das gesamte Buch.

Im 14. Text, schlicht "Fragment" genannt, beginnt Odysseus, Geschichten über seinen Listenreichtum zu erfinden. Mit der Wirkung, "dass eine seiner Lügen, mit kleinen Abwandlungen, zur Odyssee Homers wurde." Im zentralen Stück des Buches, dem 18. Text "Die Ilias des Odysseus", lässt Mason den vermeintlichen Helden in Ich-Form die ganze Geschichte um Troja und die Rückreise nach Ithaka rückblickend selbst erzählen. Es beginnt mit einem irritierenden ersten Satz, der schon einmal klar macht, dass das vorherrschende Bild von Odysseus als Krieger und Held falsch ist: "Ich habe mich oft gefragt, ob wohl alle Männer solche Feiglinge sind, wie ich einer bin."
 

Ein Mythos wird demontiert

Odysseus ist hier kein großer Krieger, im Gegenteil. Er versucht alles, um nicht nach Troja ziehen zu müssen, und täuscht einen epileptischen Anfall vor. Doch Palimedes sieht darin einen "Anhauch der Götter". Auch der große Krieger Laon hätte an derselben Krankheit gelitten. Also muss Odysseus als eine Art Glücksbringer mit. In dieser Variante ist Odysseus der Einzige, der die Sinnlosigkeit der Belagerung von Troja erkennt. Die großen Krieger wie Achilleus und der König Agamemnon sind eher tumbe Toren als Helden, das ganze Soldatenleben ist Odysseus suspekt und zuwider: "Das Lager roch nach ungewaschenen Männern, was übel genug war und durch betrunkene Soldaten, die keine dreißig Schritt zu den Latrinengräben mehr wandern konnten, nicht besser wurde. Offenbar stieß nur ich mich an dem Gestank – die anderen sogen ihn wie Parfümhauch in sich ein." Odysseus verschwindet schließlich, um fortan als fahrender Sänger sein Glück zu versuchen. Bei seiner Rückkehr nach Ithaka erfindet er dann seine berühmte Irrfahrt. Doch für uns, den Leser, resümiert er wie folgt: "Soweit ich gesehen habe, und ich habe viel gesehen, gibt es weder Götter noch Geister oder so etwas wie Zauberinnen, doch offenbar bin ich der Einzige, der das weiß."
 

Amüsement und Verwirrung

Während der Lektüre der "Verlorenen Bücher der Odyssee" möchte man auch gerne 'das Original' wieder studieren. Wie war das noch einmal mit dem Meeresungeheuer Skylla? Was sangen die Sirenen? Was ist mit Telemachos, dem Sohn des Odysseus', passiert? War Agamemnon, der König von Mykene, wirklich so ein störrischer Griesgram? Eine wohlige Verwirrung verbreiten die "Verlorenen Bücher". Was auch daran liegt, dass etliche Texte dunkel-poetisch, teils kafkaesk sind. Und das Buch Inter- und Hypertextualität für den intellektuellen Leser mitliefert, ohne dabei je zu theoretisieren oder gar zu langweilen. Das einzige, was fehlt, ist der Faden der Ariadne, um aus diesem Buchlabyrinth wieder hinauszufinden.

Vorgestellt von Mario Alexander Weber
 
Redaktion: nrc
Bild: © Verlag
Letzte Aktualisierung: 4.06.2012, 12:34 Uhr
 

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