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13.06.2012

Expedition in den Albtraum

Ror Wolf "Die Vorzüge der Dunkelheit"

Ror Wolf (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Ror Wolf
Schrecken und Schönheit: Ror Wolf, Großmeister des (post-)avantgardistischen Sprachspiels, entwirft in seinem ironischen Horrorroman das Bild einer fantastischen, katastrophisch zersplitternden Welt - ein ungewöhnlich schönes Buch zum Schmökern, Blättern und Schauen.
Bewertung
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Die neunundzwanzig Kurzkapitel von "Die Vorzüge der Dunkelheit" sind mit 79 ganz- und doppelseitigen Collagen von Ror Wolf illustriert. Es sind Collagen aus Massendrucksachen, die wohl zum größten Teil aus der wilhelminischen beziehungsweise viktorianischen Epoche stammen. Aus alten Zeitungen, Werbung, Atlanten, wissenschaftlichen Büchern, Kunstdrucken schneidet und klebt Wolf schwarzweiße und leuchtend farbige surreale Welten. Da balanciert ein Mann auf einer Riesenqualle, die wiederum über einer Mondlandschaft schwebt. Schmachtende Jünglinge stehen am Ufer eines Sees vor einem scheu die Knie entblößenden Mädchen. Riesige Käfer schweben über Hochhäusern, neben einem anatomischen Modell stehend lässt eine elegante Frau teilnahmslos einen Handkuss über sich ergehen, auf dem Frühstückstisch steht eine antike Statue mit riesigem Penis.
 

Heroische Mannsbilder, grauenhafte Metamorphosen

Information

 (Bild: Verlag)

Ror Wolf "Die Vorzüge der Dunkelheit"

Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman
271 Seiten, € 25,70
ISBN 978-3-89561-307-4
Schöffling & Co.
Juni 2012
Ror Wolf liebt das Spiel mit Anachronismen und so ist das heroische moderne Zeitalter, die Epoche der bärtigen Mannsbilder, der keuschen Damen, der Abenteurer und Expeditionen auch die Folie, die seinem Text unterliegt. Der Detektiv- oder Abenteuerroman aus der Zeit Conan Doyles wird bei Wolf zur Vorlage für die Reise seines (wahnsinnigen?) Ich–Erzählers durch eine Reihe von grauenhaften und grotesken Albtraumszenen. Der Reisende bewegt sich in einer sinnlosen, nicht mehr "lesbaren", inkohärenten Welt, in der Verdrängtes, Verfall, Gewalt und Grauen in schrecklichen Metamorphosen aus jedem Gegenstand, jeder Handlung, jedem Couchkissen hervorkriechen.

In größter Beiläufigkeit berichtet der namen-, identitäts- und eigenschaftslose "Abenteurer", was mit ihm und der Welt geschieht: "Mein Gesicht floß fort und neben den Füßen sah ich rotes Fleisch auf dem Boden liegen, in der Nähe des Waschbeckens, das plötzlich davonkroch. Plötzlich hatte ich auch den Eindruck, das etwas Fremdes aus mir herauswuchs, etwas Haariges, Fettes, Stummes." Detaillierte Beschreibungen größten Horrors, die an die Drogenhöllen des amerikanischen Beat-Autoren William S. Burroughs erinnern, gehen einher mit extremer Vagheit, nie werden Orte, Zeit, Charaktere greifbar, wie im Traum bleibt alles gleichzeitig präzis und ungenau, ist nicht wirklich zu benennen. Sprache versagt, versackt im Ungefähren, widerspricht sich selbst: "Ich sah etwas mausartig über die Straße huschen (...) Und ich sah etwas rollen, etwas ganz weich hinaufrollen oder hinabrollen, lautlos die Spitze des Mundes belecken, die Sohlen, die Ohren, die dünne Behaarung beleckend."
 

Weltuntergang zwischen zwei Schlucken Bier

Der Autor bricht den klaustrophobischen Schrecken seiner Höllenszenen mit einer selbstreferentiellen und ironischen Erzählhaltung. Den Gesetzmäßigkeiten des Genres folgend lässt sich der Gentleman–Erzähler nie sonderlich beeindrucken: "Ich war ja auch gründlich erschöpft von den vorausgegangenen Abenteuern und Ereignissen der letzten Tage", vermeldet er nach einer Passage apokalyptischen Horrors. Trauen kann man dem Ich-Erzähler schon gar nicht. "Es wäre mir recht, wenn man meine Worte von nun an gar nicht mehr beachten würde." Sprache wird absurd, produziert Komik und Nonsense: "Ich erinnerte mich auch nicht an ihre Mäntel, die dunkel waren und unter denen sie Dinge trugen, an die ich mich auch nicht erinnere, Schusswaffen zum Beispiel und Flaschen." Oder: "Es ergab sich damals im Norden von London folgendes Gespräch, das ich hier nicht wiederholen will."

Gleichzeitig mit dem Weltuntergang am Wirtshaustisch ("Ich bestellte mir noch ein Bier und sah, wie alles zusammenfiel, zwischen zwei Schlucken sah ich alles in sich zusammenfallen und versinken.") geht auch die Identität des Ich-Erzählers den Bach runter: "Ich lag da und wusste nicht, wer ich war. Ich erinnerte mich nicht an mich..."

Ironisch und mit großem sprachlichem Spielwitz lotet Ror Wolf Grenzen und Konventionen des Erzählens auf, lässt sie ins Leere laufen und rhetorisch Funken schlagen. Und wirft nebenbei eine Menge Fragen auf: Ist der Ich-Erzähler ein Psychotiker ("Ich bemerkte eine schmerzhaft klopfende Anschwellung, eine Art Entzündung des ganzen Lebens", "Ich wusste nicht, ob ich das war, der sich plötzlich bewegte")? Wer ist der geheimsnisvolle, immer wieder auftauchenden Dr. Q? Der behandelnde Arzt? Ist Ror Wolf der letzte radikale Surrealist, drei Generationen zu spät geboren in eine Zeit des allgegenwärtigen läppischen "Surrealismus light" der Fantasy-Romane, der Werbung und der Malerei der "Leipziger Schule"?

Eines wenigstens steht fest am Ende der Lektüre dieses unzeitgemäßen, liebevoll gemachten Bild- und Sprachkunstwerks: "Einige Jahre später war es schon wieder ganz anders. Manchmal geschah dies, manchmal geschah das. Manchmal geschah überhaupt nichts."

Vorgestellt von Jan Schmelcher
 
Redaktion: nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 21.06.2012, 16:31 Uhr
 

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