Heroische Mannsbilder, grauenhafte Metamorphosen
Ror Wolf "Die Vorzüge der Dunkelheit"
Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman
271 Seiten, 25,70
ISBN 978-3-89561-307-4
Schöffling & Co.
Juni 2012
Ror Wolf liebt das Spiel mit Anachronismen und so ist das heroische moderne Zeitalter, die Epoche der bärtigen Mannsbilder, der keuschen Damen, der Abenteurer und Expeditionen auch die Folie, die seinem Text unterliegt. Der Detektiv- oder Abenteuerroman aus der Zeit Conan Doyles wird bei Wolf zur Vorlage für die Reise seines (wahnsinnigen?) IchErzählers durch eine Reihe von grauenhaften und grotesken Albtraumszenen. Der Reisende bewegt sich in einer sinnlosen, nicht mehr "lesbaren", inkohärenten Welt, in der Verdrängtes, Verfall, Gewalt und Grauen in schrecklichen Metamorphosen aus jedem Gegenstand, jeder Handlung, jedem Couchkissen hervorkriechen.
In größter Beiläufigkeit berichtet der namen-, identitäts- und eigenschaftslose "Abenteurer", was mit ihm und der Welt geschieht: "Mein Gesicht floß fort und neben den Füßen sah ich rotes Fleisch auf dem Boden liegen, in der Nähe des Waschbeckens, das plötzlich davonkroch. Plötzlich hatte ich auch den Eindruck, das etwas Fremdes aus mir herauswuchs, etwas Haariges, Fettes, Stummes." Detaillierte Beschreibungen größten Horrors, die an die Drogenhöllen des amerikanischen Beat-Autoren William S. Burroughs erinnern, gehen einher mit extremer Vagheit, nie werden Orte, Zeit, Charaktere greifbar, wie im Traum bleibt alles gleichzeitig präzis und ungenau, ist nicht wirklich zu benennen. Sprache versagt, versackt im Ungefähren, widerspricht sich selbst: "Ich sah etwas mausartig über die Straße huschen (...) Und ich sah etwas rollen, etwas ganz weich hinaufrollen oder hinabrollen, lautlos die Spitze des Mundes belecken, die Sohlen, die Ohren, die dünne Behaarung beleckend."