hr-online Informationen aus Hessen
ARD.de Hilfe Feedback Chats und Foren

Blutgeschäft

Yan Lianke "Der Traum meines Großvaters"

Yan Lianke (Bild: Editions Philippe Picquier)
Vergrößern
Yan Lianke
Aids ist ein schmerzhaftes Kapitel der jüngsten chinesischen Geschichte und im offiziellen China ein unbeliebtes Thema. Kein Wunder, dass der Roman des Schriftstellers Yan Lianke dort verboten ist: Er sei der Ehre des Landes nicht zuträglich.
Bewertung
******
 

Sendungslogo
Die Bürger des kleinen Dorfes Dingzhuang in der Provinz Henan wittern in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Chance ihres Lebens: Ihr Blut bringt bares Geld und könnte helfen, die Armut zu lindern und zudem endlich den Luxus der Großstädte aufs Land zu holen. So bricht ein wahrer Handel mit Blut aus, unterstützt von der Regierung, die das Blutspenden als patriotischen Akt bezeichnet und an dem sich viele bereichern – auch Ding Hui, der Blutchef das Dorfes wird.

Allein, die rosigen Zeiten des Wohlstandes dauern nicht lange an, denn plötzlich leiden die Blutspender an einer seltsamen Krankheit, die mit Fieber beginnt, eitrige Wunden verursacht und mit dem Tod endet. Diese „Fieber“ bezeichnete Erkrankung ist natürlich AIDS, was die Bauern aber nicht wissen können, da die Immunschwäche zu den dekadenten Krankheiten des Westens gehört und in China offiziell nicht vorkommt.
 

Dorf der Kranken

Buchcover (Bild: Verlag)

Information

Yan Lianke "Der Traum meines Großvaters"

Übersetzt v. Ulrich Kautz
364 Seiten, € 22,90
ISBN: 978-3550087493
Ullstein Verlag
August 2009
Aufgrund der propagandistischen Zuspitzungen erfahren die Dorfbewohner kaum Hilfe von den übergeordneten Stellen und sterben also ohne großes öffentliches Aufsehen. Hilflos und krank beschließen sie, sich in der Dorfschule ein Asyl zu errichten und streben hier eine Gesellschaft der Kranken an: Man isst gemeinsam und auch die Möglichkeit sexueller Erfüllung ist gegeben, wenngleich heimlich.

Doch der Plan scheitert, da Neid, Missgunst und Gier selbst noch die Todkranken beherrschen: Die gesellschaftliche Ordnung zerbricht schnell und der Wunsch nach Rache an den Schuldigen bestimmt zunehmend das Denken. – Der Blutchef Ding Hui, reich geworden und zu allem Unglück für die Kranken auch noch gesund geblieben, ist nach Meinung der Mehrheit schuldig an dem Fieber – da man ihn aber als Vertreter der Regierung nicht einfach so lynchen kann, vergiftet man zuerst sein Vieh, dann den zwölfjährigen Sohn.

Ein Geist berichtet

Es ist dieser unschuldig gestorbene Sohn, der aus dem Grab seinem ebenfalls gesund gebliebenen Großvater in Form von Träumen die Geschichte des Dorfes erzählt. Doch beschränkt der Autor sich nicht allein auf die kindliche Perspektive, sondern nutzt den toten Jungen als allwissendes Medium, durch den die Handlung in Form eingestreuter Rückblenden fassbar wird.

Die Konzentration auf das Kind bewirkt einen einfachen Stil, der die Emotionen angesichts des schrecklichen Geschehens zugespitzt und also ohne eigentliche Reflexion trägt; Wiederholungen sind daher die Regel, welche die Fassungslosigkeit angesichts entsetzlicher Ereignisse verstärken. All dies macht die Lektüre einerseits leicht, da die Sprache einfach ist und nicht überfordert, andererseits bewirkt dies eine umso direkte Auseinandersetzung mit dem Inhalt: Yan Lianke ist sich bewusst, dass Sprachexperimente den Inhalt nur schwächen, weshalb er ganz der Thematik vertraut – wobei man sich manchmal weniger Wiederholungen und einen insgesamt neutraleren Erzähler wünscht.
 

Einmal mehr: Verboten

Man ahnt es – auch dieser Roman ist in China verboten. Wie auch Yan Liankes ebenfalls zu empfehlendes und lichteres Werk „Dem Volke dienen“; beide Romane seien der Ehre des Landes nicht zuträglich, so die offizielle Begründung. Gleichwohl wird in dieser Auseinandersetzung mit dem Aids-Skandal der 90er Jahre eine offene Kritik an der Regierung vermieden, stattdessen beschäftigt den Autor das Dorf als Mikrokosmos und Miniaturausgabe des Staates.

Seine Kritik ist eher moralischer als politischer Natur, gleichwohl in China dies von der Regierung selbstverständlich in einem engen Zusammenhang gedeutet wird. – Das Verbot ist bedauerlich, da man bei der Lektüre stets die Entrüstung, Verzweiflung und auch den Pessimismus Yan Liankes spüren kann: Es ist ein aufrüttelndes und mit Herzblut verfasstes Werk, erstellt aus einfachsten literarischen Mitteln und daher umso unter die Haut gehender.

Am Ende des Romans entschuldigt sich Yan Lianke für den Schmerz, den er den Lesern bereitet habe und bittet um Verzeihung, vermerkt aber zugleich, aufgrund der Abfassung dieses Romans seinerseits Lebenszeit verloren zu haben: Ein ungeheuerer Schmerz habe ihn gesundheitlich und auch psychisch ruiniert.

Vorgestellt von Roman Halfmann
 
Redaktion: nrc
Bilder: © Editions Philippe Picquier (1), © Verlag (1)
Stand: 21.08.2009
 

Suche in allen Buchkategorien

 
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.