Der bayerische Kabarettist Christian Springer hat eine Mission - und die ist nicht ungefährlich. Er sucht einen Mann, der nach 1945 in Syrien untergetaucht ist: Alois Brunner, einen der größten Massenmörder der Geschichte.
Bewertung
Brunner war verantwortlich für den Tod von mehr als 120.000 Juden und verschwand nach dem Krieg nach Syrien. Bis heute ist ungeklärt, ob er tot ist, und bis heute wird im Syrien Assads geleugnet, dass Brunner dort gelebt habe. In Deutschland kursiert sogar die Vermutung, dass Brunner für den BND gearbeitet habe. Diesem Mann ist Springer in Syrien auf der Spur, schon seit den 80er Jahren: "Mich hat das nicht mehr losgelassen. Das waren viele Gründe, eine Suche nach Gerechtigkeit. Etwas aufklären zu wollen. Gleichzeitig war es ja nach wie vor die Zeit, als in Bayern noch Franz Josef Strauß getönt hat: 'Man muss endlich mit dieser Vergangenheit aufhören!'"
Einfach aufhören das konnte und wollte er nicht! Dabei ist Springer im Hauptberuf Kabarettist, in Bayern ist er als "Fonsi", Kassenwart von Neuschwanstein, legendär: ein Grantler, der intelligent die Welt auseinandernimmt und die deutsche Seele: "Mir san ein komisches Völklein!" heißt es in seinem Bühnenprogramm. "Des hat ja keinen Sinn, dass wir über uns ständig schimpfen. Des is Quatsch. Mir san doch nicht absichtlich BÖS!"
Judenjäger mit perverser Leidenschaft
Information
Christian Springer "Nazi, komm raus!"
"Wie ich dem Massenmörder Alois Brunner in Syrien auf der Spur war"
272 Seiten, 19,99
ISBN 978-3784433134
Verlag LangenMüller
Oktober 2012
Das "Böse". Das ließ den Kabarettisten nicht los, auch wenn er nicht wusste, wohin ihn das führt. Er wollte Alois Brunner, den Stellvertreter Adolf Eichmanns, finden den Mann, der mit perverser Leidenschaft Juden jagte - von Paris bis Saloniki, der eigenhändig Kinder aus Waisenhäusern herauszerrte wie 1944 in Paris - und in den Tod schickte. Nach dem Krieg flieht der Nazi als "Dr. Georg Fischer" in den Nahen Osten, Syrien - das Land, das Christian Springer so gern bereist, weil er die Kultur liebt und Arabisch studiert hatte. Durch eine Zeitungsnotiz erfährt er, dass sich hier dieser Nazi versteckt.
Springer kann es nicht glauben, " dass hier ein Massenmörder frei rumrennt, mit dem man vielleicht noch spricht, weil man sich vielleicht freut, ach, da ist endlich jemand, der nicht nur Arabisch kann, sondern auch Deutsch. Und dann ist das jemand, dem diese dicke Nazi-Vergangenheit am Schuh klebt. Das war ein Schock!"
Amateur-Geheimagent
Syrien leugnet bis heute, dass der NS-Mörder dort je gewesen ist. Und die BRD? Gab sich immer damit zufrieden. Warum suchte niemand nach ihm? Das fragte sich Springer und machte sich auf. Als Amateur-Geheimagent! Er reist als Tourist ein, fragt sich durch, spricht mit Einheimischen und schneidet heimlich Interviews mit. In einer Diktatur ist das Spionage. Das Risiko geht er ein ohne zu wissen, was passieren würde, wenn er Brunner tatsächlich trifft. Und irgendwann steht er vor Brunners Haus.
"Es standen Bewaffnete unten im Hauseingang und oben neben seiner Wohnung", berichtet er. "Ich war nie in diesem Haus, das habe ich mich nicht getraut. Er war ja ein Staatsgeheimnis!"
Syrien deckte Brunner: Er war für den syrischen Geheimdienst tätig, als "Experte", wie später bekannt wurde. Zwei Briefbombenattentate wurden auf Brunner verübt wahrscheinlich vom israelischen Geheimdienst. Aber Brunner überlebte mit verstümmelter Hand, wie Fotos in der "Bunten" von 1985 belegen. Brunner war also längst enttarnt hätte ihn die BRD jetzt nicht mit aller Kraft suchen können?
Justizskandal
Deutsche Staatsanwaltschaften jedenfalls verfolgten den Nazi nur halbherzig ein Justizskandal, wie eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks von Esther Schapira und Georg Hafner aufdeckte. Zu den Journalisten und zu Nazi-Jägern wie Simon Wiesenthal nahm Springer Kontakt auf. Auch wenn er sich zunächst kaum traute: "Warum sollten die dem Springer vertrauen? Einem Kabarettisten, einem bayrischen Studenten, der ein Fan von Syrien ist, weil er so oft da war? Warum sollen die mir interne Informationen über Brunner liefern? Das hat eine Zeit gedauert, bis wir Vertrauen gefunden haben."
Akten vernichtet
Denn sie merkten: Springer meint es ernst. Niemand kam Brunner in Syrien so nah wie dieser Kabarettist! Springer traf Augenzeugen, Nachbarn, Bekannte Brunners - und dokumentierte, wie unbehelligt der Mörder nach 1945 dort lebte. Während Springer also auf eigene Faust den Nazi verfolgt, werden Mitte der 90er Jahre fast alle Informationen über Brunner vernichtet - von einer deutschen Behörde, dem Bundesnachrichtendient - 581 Seiten, einfach so! Ohne weitere Erklärung! Warum? Arbeitete Brunner etwa für den BND?
Christian Springer: "Das darf nicht behauptet werden, denn es gibt ja keinen Beweis, ich habe keinen Gehaltszettel, auf dem steht, 'Der BND hat am 1. Januar 1954 Alois Brunner als Informanten eingestellt'- und es müssen so viele Leute beim BND noch leben, die was drüber sagen könnten und alle schweigen!"
"Nazi, komm raus!" - mit diesem Buch hat Springer gegen das Schweigen angeschrieben sehr persönliche und auch humorvoll: Er zeigt uns beeindruckend, was das heißt: Zivilcourage.