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Frei von Lobhudelei

Thomas Quasthoff

Thomas Quasthoff (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Thomas Quasthoff
Thomas Quasthoff ist ein außergewöhnlicher Sänger, inzwischen zählt er zu den profiliertesten Klassikinterpreten weltweit. Jetzt erscheint ein Buch, aus der Perspektive des großen Bruders geschrieben, von Michael Quasthoff.
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Das ist sie: „Die Stimme“, oder besser, das ist er: „Der Bariton“, Thomas Quasthoff mit einer Arie aus der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, zu hören auf der neuen CD von Thomas Quasthoff mit Geistlichen Arien. „Betrachte meine Seel’, mit ängstlichem Vergnügen, mit bitt’rer Lust und halb beklemmtem Herzen“, so hat der unbekannte Dichter das Mysterium in Worte gefasst, dass aus Jesu Schmerzen etwas ganz anderes, nämlich Trost und Zuversicht entstehen kann.
 

Cover

Information

Michael Quasthoff: Thomas Quasthoff. Der Bariton

ISBN: 3894875453
€ 24,90
Henschel Verlag
September 2006

Die neue CD von Thomas Quasthoff:
BETRACHTE, MEINE SEEL
Geistliche Arien - Sacred Arias
Thomas Quasthoff / Sibylla Rubens
Staatsopernchor Dresden / Matthias Brauer
Staatskapelle Dresden / Sebastian Weigle
Deutsche Grammophon
DG 477 6230
ASIN: B000HEVA08
Oktober 2006
Ein ähnliches Gefühl steht wohl hinter dem Interesse an außergewöhnlichen Menschen, das die Leser zu Biografien greifen lässt. Wie kommt es, dass jener Künstler, Politiker oder Sportler zu solchen Leistungen fähig ist, die den meisten anderen Menschen völlig unmöglich scheinen? Mit ängstlichem Vergnügen versucht man nun also einen Blick in die Seele jener werfen zu können, die uns aus der Ferne faszinieren, man versucht mit beklemmtem Herzen ihnen ein wenig näher zu kommen.

„Die Stimme“ hat Thomas Quasthoff selbstbewusst seine Autobiografie genannt, die vor zwei Jahren erschienen ist, für jeden Sänger wird dieses Organ zum Zentrum seiner Existenz. Quasi als Fortsetzung zu Quasthoffs Autobiografie ist jetzt beim Henschel-Verlag ein Buch erschienen, dessen Titel auch nichts anderes meint: „Der Bariton“, heißt es da schlicht. So wie auch dieser Titel nur eine Variation des ersten ist, so geht es auch in diesem Buch nicht um irgendwelche Analysen der Stimme von Thomas Quasthoff, sondern es will ebenfalls einen Einblick in das Leben des Sängers geben. Das ist auf der einen Seite ganz wörtlich zu nehmen, denn 150 Fotos zeigen ihn privat und auf der Bühne, als Kind in den 60ern und als Star in der Berliner Philharmonie. Auf der anderen Seite gibt es auch viel über Thomas Quasthoff zu lesen, geschrieben von dem Menschen, der ihn wohl am besten kennt, von seinem Bruder Michael Quasthoff.
 

Kein "normaler" Bruder

Und es gibt viel zu erzählen von „dem Bariton“, denn wenn das Attribut „außergewöhnlich“ auf eine Karriere zutrifft, dann auf die von Thomas Quasthoff. 1959 wird er in Hildesheim geboren, durch das Medikament Contergan hat er schwere körperliche Schädigung erlitten.

Zitat: „Ich war damals drei und ziemlich sicher, dass der Knirps, der da nun Tag für Tag in der Sofaecke hockte, etwas ganz Besonderes darstellte. Zumindest sah Tommi nicht aus wie andere 'normale' Geschwister. Er hatte keine Arme, keine Oberschenkel, keine Kniegelenke. Aus den Schultern wuchsen flossenähnliche Stummel mit vier und drei Fingern. Weil seine Unterschenkel obendrein schief an der Hüfte saßen, hatten ihn die Ärzte kurz nach der Geburt in ein orthopädisches Rehabilitationszentrum expediert, wo er seine Tage auf dem Rücken liegend in einer Gipsschale verbringen musste“.
 

Familienleben kaum möglich

Es dauerte anderthalb Jahre, bis der Junge endlich bei seiner Familie leben durfte, wenige Jahre später sollte damit schon wieder Schluss sein:

Zitat: „1965 war das Jahr, in dem mein Lieblingsclub Werder Bremen Deutscher Meister wurde, Jean-Luc Godard mit 'Alphaville' den Goldenen Löwen von Venedig gewann und Bob Dylan 'Like a Rolling Stone' herausbrachte. Leider war 1965 auch das Jahr in dem mein Bruder in die Schule musste. Und wieder im Annastift landete.“
 

Musik als Stabilisator

Mit wenigen Strichen zeichnet Michael Quasthoff ein Bild von der bundesrepublikanischen Realität der 60er Jahre, beschreibt nüchtern aber deutlich den Kampf der Eltern mit Institutionen und Mitmenschen, die einem körperbehinderten Menschen jedes Talent absprechen und noch nicht mal eine normale Ausbildung zugestehen. Doch die Begabung setzt sich mit tätiger Hilfe der Eltern doch durch. Über einen Redakteur des NDR gelingt es, für den Zwölfjährigen eine private Gesangslehrerin zu finden.

Zitat: „Zuhause köpften meine Eltern eine Flasche Sekt. Sie berichteten dem großen Bruder, wie alles gut gegangen sei, und staunten immer noch, weil Tommi trotz des anfänglich eisigen Binnenklimas überhaupt keine Nervosität an den Tag gelegt hatte. Mir brauchten sie das nicht zu erzählen, ich kannte meinen Bruder. Die Musik bewirkte bei Tommi dasselbe wie die Nährhefe im Osterzopf: Sie stabilisierte sein Innerstes; das Singen war ihm etwas völlig Natürliches“.
 

Echtes Kunstwollen

Es ist diese lockere, bilderreiche Sprache, die das Buch so lesenswert macht. Michael Quasthoff hat das Sprachgefühl, das es ihm erlaubt, über sehr private Dinge zu schreiben, ohne die Grenze zum Peinlichen zu übertreten. Er stellt das Licht seines Bruders bestimmt nicht unter den Scheffel und doch hat diese Biographie nichts von der Lobhudelei, die viele andere Lebensbeschreibungen so unangenehm machen. Den Blick in die Seele von Thomas Quasthoff kann natürlich auch dieses Buch nicht bieten, aber eine Erklärung für den Erfolg, der ihn über den ARD-Wettbewerb an die internationale Spitze und zum Grammy-Gewinner gemacht hat, versucht er doch.

Zitat: „Als er den ARD-Wettbewerb gewann, gab es nicht wenige, die nörgelten, das verdanke er vor allem seiner Behinderung. Und auf gewisse Weise ist da sogar etwas dran. Aber nicht, wie diese Neidhammel meinten, im Sinne eines so genannten Exoten- oder Mitleidsbonus. Seine gute Freundin und Kollegin Juliane Banse hat einmal gesagt: ‚Thomas’ Gestalt lenkt die Aufmerksamkeit automatisch auf die Musik.’ So ist es. Kommt wie bei meinem Bruder noch echtes Kunstwollen hinzu und jener Gran Soul, den nur außergewöhnliche Persönlichkeiten besitzen, wird daraus Wahrhaftigkeit. Und das spüren die Menschen, egal, ob sie etwas von klassischer Musik verstehen oder nicht. Für diese Wahrhaftigkeit wiederum hat Tommi einen hohen Preis bezahlt. Sie speist sich aus den leidvollen Erfahrungen, den Diskriminierungen und Demütigungen, die ein Behinderter auszuhalten hat und die in seiner Kunst immer präsent sein werden.“

Vorgestellt von Martin Grunenberg
 

Der Autor

Michael (l.) und Thomas Quasthoff (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Michael (l.) und Thomas Quasthoff
Michael Quasthoff, geboren 1957, lebt als Publizist und Journalist in Hannover. Er schreibt unter anderem für die taz und war als Ghostwriter tätig. Er hat Bücher über Niedersachsen vröffentlicht. Zusammen mit Thomas Quasthoff verfasste er dessen Autobiografie "Die Stimme". Michael Quastoff steht auch auf der Bühne: Zusammen mit Dietrich zur Nedden betreibt er in Hannover die Fitz Oblong Show.
 
Redaktion: xmlimp / nrc
Bilder: © picture-alliance/dpa (2)
Stand: 28.09.2006
 

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