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15.01.2013

Unwort des Jahres

"Opfer-Abo" an erster Stelle

Schriftzug "Opfer-Abo" (Bild: hr)
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Frauen werden mit dem Begriff "Opfer-Abo" diffamiert.
TV-Moderator Jörg Kachelmann ist das diesjährige Unwort des Jahres zu verdanken: Er hatte öfter vom "Opfer-Abo" gesprochen, mit dem Frauen Falschbeschuldigungen, wie etwa Vergewaltigung, gegenüber Männern durchsetzen könnten. Das hat ihm die Jury nicht verziehen.
 
Video: Kachelmann erfand Unwort des Jahres 3:04 Min
(© hr | hessenschau, 15.01.2013)

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Das Wort sei ausgewählt worden, weil es "in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht (stelle), sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein", teilte unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Dies halte die Jury angesichts des "dramatischen Tatbestands, dass nur 5-8 % der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen tatsächlich die Polizei einschalten und dass es dabei in nur bei 3-4 % der Fälle zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren kommt, für sachlich grob unangemessen. Das Wort verstößt damit nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer", heißt es in der Mitteilung des Instituts für Sprach- und Literaturwissenschaft an der TU Darmstadt.

Die Jury wolle nicht über den Fall Kachelmann urteilen. Sie kritisiere vielmehr einen Wortgebrauch, der "gängige Vorurteile in Bezug auf eine Vortäuschung von Vergewaltigungen oder eine Mitschuld der Frauen bestätigt". Ausdrücke dieser Art drohten letztlich den zivilgesellschaftlichen und juristischen Umgang mit sexueller Gewalt in bedenklicher Weise zu beeinflussen.

"Beliebte und effektive Waffe"

Der Schweizer TV-Moderator hatte "Opfer-Abo" im Rahmen der Vorstellung seines Buches "Recht und Gerechtigkeit" erstmals gebraucht. Damals sagte Kachelmann, er wolle wirklich, dass jeder Vergewaltiger hinter Gitter kommt. Aber für Frauen seien Verleumdungen heute eine beliebte und effektive Waffe geworden. Frauen, so Kachelmann damals weiter, seien immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen könnten aber auch von Grund auf böse sein, auch wenn sie weiblich sind. In die öffentliche Diskussion kam der Begriff "Opfer-Abo" kurze Zeit später, als Kachelmann seine Äußerungen in der TV-Talkshow von Günther Jauch wiederholte.

"Leider ist es die Wahrheit"

Jörg Kachelmann selbst steht zu dem von ihm geprägten Unwort. "Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist", schrieb er am Dienstag auf Twitter. Er fügte hinzu, dass dieses Wort nicht von ihm, sondern von seiner Frau Miriam stamme.

"Ein bedeutendes Zeichen"

Für Alice Schwarzer hat die Jury mit diesem Unwort "ein bedeutendes Zeichen dafür gesetzt, dass die Verunglimpfung und Einschüchterung der Opfer sexueller Gewalt nicht so einfach durchgeht". Auf der Website ihrer Zeitschrift "Emma" sprach Schwarzer am Dienstag von einer "bemerkenswert engagierten Begründung" der Jury.

Schwarzer hatte im Mai 2011, als Kachelmann wegen einer vermuteten Vergewaltigung einer früheren Freundin vor Gericht stand - und freigesprochen wurde, für die "BILD"-Zeitung von dem Prozess berichtet. Anfang 2012 untersagte ihr das Landgericht Köln eine Glosse in der Zeitschrift "Emma", weil diese den Eindruck erwecke, Kachelmann habe die Vergewaltigung tatsächlich begangen. In der Glosse hatte Schwarzer ironisch die Begriffe "Unschuldsvermutung" und "einvernehmlichen Sex" als "Unworte des Jahres" vorgeschlagen. Schwarzer bestreitet, Kachelmann als schuldig hingestellt zu haben, und will sich vor Gericht gegen den Vorwurf wehren, notfalls durch alle Instanzen.
 

"Pleite-Griechen" und "Lebensleistungsrente"

Als zweiter Begriff schaffte es der Ausdruck "Pleite-Griechen" auf die diesjährige Unwort-Liste. Die Springer-Presse habe in den vergangenen Jahren in der Euro-Stabilitäts-Debatte diesen Ausdruck geprägt, der im letzten Jahr weiterhin und unreflektiert verwendet worden sei. Er diffamiere "ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung in unangemessener und unqualifizierter Weise."

Als irreführend und zynisch bezeichnet die Unwort-Jury den Ausdruck "Lebensleistungsrente", der auf Platz drei rangiert. Er bezeichne "ein Vorhaben, bei dem unter sehr restriktiven Bedingungen eine geringfügige Zusatzleistung des Staates versprochen wird. Mit diesem komplexen Wort wird der Bedeutungsgehalt des Wortes 'Lebensleistung' ausgenutzt, um eine für den Einzelnen marginale staatliche Leistung als Maßnahme gegen Altersarmut zu verkaufen". Diese Bezeichnung sei auch sachlich unangemessen, weil mit ihr die "Lebensleistung" von Menschen auf die für diese Rente vorgegebenen Bedingungen reduziert werde, und zynisch sei sie gegenüber denjenigen, die eine solche "Lebensleistung" aus familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht zu erbringen in der Lage seien.
 

Gegen Prinzip der Menschenwürde

Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" wurde 1991 von Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt am Main) ins Leben gerufen. Mit dieser Aktion soll auf Wörter und Formulierungen der öffentlichen Kommunikation aufmerksam gemacht werden, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, wie etwa gegen das Prinzip der Menschenwürde oder gegen Prinzipien der Demokratie, oder weil sie einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind. "Unwort des Jahres 2011" wurde der Begriff "Döner-Morde", 2010 rangierte "alternativlos" und 2009 "betriebsratsverseucht" auf Platz eins.

Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das "Wort des Jahrs". Für 2012 wurde im Dezember der Begriff "Rettungsroutine" bekanntgegeben. Das Wort stehe für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.
 
Redaktion: nrc
Bild: © hr
Letzte Aktualisierung: 16.01.2013, 13:32 Uhr
 
 

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