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31.01.2013

Denkanstoß

Sexismus und die Sprache der Erotik

Wie sollte "Mann" das Dekolleté einer Frau würdigen? (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Wie sollte "Mann" das Dekolleté einer Frau würdigen?
Die Debatte ist in vollem Gange: Was ist noch Kompliment, was sexistische Anmache? Wissen Männer und Frauen in Deutschland vielleicht schlicht nicht mehr, wie man mit Anzüglichkeiten umgeht? Eine Spurensuche.
 
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Ist Sexismus tatsächlich ein gravierendes Problem in unserer Gesellschaft? Oder geht es darum, dass Männer und Frauen in Deutschland nicht mehr wissen, wie man sich geistreich Anzüglichkeiten sagt, ohne dass die mediale Sittenpolizei einschreitet?

hr2-Redakteurin Claudia Sautter glaubt: Letzteres ist der Fall. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens mehr über die Sprache der Erotik – weder in der zeitgenössischen Literatur, noch in der Werbung. In der höfischen Gesellschaft des Feudalismus war das anders: Da war die Verführung eine exquisite Kunstform, und wie sie sich vollzog, folgte gesellschaftlich akzeptierten Regeln. Das Kompliment sollte elegant sein, keinesfalls vulgär oder zotig. Jedenfalls war das an den Adelshöfen so – mehr oder weniger. Es hing vom sozialen Milieu ab, wie man das Dekolleté einer Frau würdigte. Es gab eine Sprache der Erotik, die alle verstanden.

Was ist Kompliment, was Anmache?

In unserer individualisierten Gesellschaft mit ihren ausfransenden sozialen Milieus gibt es diese Sprache nicht, weil niemand mehr allgemeingültige Regeln des Umgangs miteinander definieren kann. Was ist noch Kompliment, was schon sexistische Anmache? Im Idealfall machen das ein Mann und eine Frau unter sich aus, wenn sie sich auf Augenhöhe begegnen – sei es im Büro oder an einer Hotelbar.

Machtverhältnisse erschweren dieses Handeln allerdings. Eine Angestellte muss es sich drei Mal überlegen, ob und vor allem wie sie ihren Chef in die Schranken verweist. Journalistinnen und Politiker sollten sich sowieso nicht zu fortgerückter Stunde an der Hotelbar treffen. Und wenn es doch geschieht, dann haben sie anschließend darüber zu schweigen, was passiert ist und was gesagt wurde.
 
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Gesellschaftliche Normen ändern sich

Auch diesen Konsens gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Politiker und Journalistinnen sind eben nirgendwo privat, erst recht nicht in Wahlkampfzeiten. FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle hätte das wissen müssen. Die Fülle von Blogeinträgen und Tweets seit einer Woche zeigen: Was Kompliment oder Herabwürdigung, Vulgo-Sexismus ist, muss immer wieder neu verhandelt werden.

Denn gesellschaftliche Normen ändern sich in jeder Generation. Außerdem sind diese Normen in sich höchst widersprüchlich, denn es ist doch so: Einerseits gestattet sich die Werbung, Frauenkörper in jeder erdenklichen Pose auszustellen, um Produkte an den Mann zu verkaufen. Das ist gesellschaftlich akzeptiert – auch von Konsumentinnen.

Mutige Frauen und ritterliche Männer

Andererseits fühlen sich aber viele Frauen schon belästigt, wenn ihnen im öffentlichen Raum in den Ausschnitt gestarrt wird und der Betrachter anzügliche Bemerkungen macht. An diesem Widerspruch scheitern beide Geschlechter, weil es eben keine verbindlichen Regeln des Umgangs miteinander mehr gibt – und keine öffentlich anerkannte Sprache der Erotik. Sie ist ins Pornogeschäft auswandert, und es gibt keine zeitgenössische Literatur, die sie von dort zurückholt.

Wie also sollen Männer und Frauen die Hohe Kunst der Anzüglichkeit lernen, das komplizierte Spiel von Begehrung und Verneinung üben, ohne dass die medialen Sittenwächter aufheulen? Sie müssen es aushandeln. Jedes Mal. Immer wieder neu. Dafür brauchen Frauen Mut, und Männer Ritterlichkeit. Es sind individuelle Eigenschaften, die man nicht kaufen, aber lernen kann.

Ein Beitrag von Claudia Sautter
 
Redaktion: than
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 31.01.2013, 12:02 Uhr
 
 

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