Frankfurt hat kein Geld für mehr Kultur. Die aktuellen Sparpläne der Stadt machen gleich zwei Projekten einen Strich durch die Rechnung. Doch es formieren sich Protest und Hilfe.
Ein Romantik-Museum für Frankfurt? Zu teuer! Ohne private Spenden kann nicht gebaut werden. Noch schlimmer trifft es die "Fliegende Volksbühne". Im Paradieshof in Frankfurt-Sachsenhausen sollte der Frankfurter Theatermacher und Mundart-Künstler Michael Quast eine längst überfällige feste Spielstätte für sein Volkstheater finden. Doch für den lang geplanten Bau fehlt der Stadt jetzt das Geld.
Unterstützung kommt von anderen Kulturschaffenden. Das Schauspiel Frankfurt veranstaltete am vergangenen Sonntag eine Sonder-Matinee für die "Fliegende Volksbühne", um der Bedeutung der Mundarttradition für Frankfurt Ausdruck zu verleihen.
Altsachsenhausen - das historische Viertel jenseits des Mains, ist berühmt und berüchtigt. Als Wohn- oder gar Kulturort aber war die Feiermeile out. Aber eben das sollte sich nun endlich ändern. Da waren Stadtentwickler gefordert und die hatten eine richtig gute Idee!
Die Pläne für einen Theaterneubau, eine Heimstatt der "Fliegenden Volksbühne" im Paradieshof waren schon gezeichnet. Ein Spielhaus fürs Mundarttheater, das den wohl erfolgreichsten Komödianten der Stadt, den hessischen Moliere Michael Quast, auf lange Zeit an Frankfurt binden sollte. Alles schien in trockenen Tüchern.
Zehn Millionen für Volksbühne gestrichen
Doch dann befand die Stadt, dass es Frankfurt wichtigeres gäbe als das Lachen. Sparen um jeden Preis. Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU): "Das war eine Entscheidung nicht inhaltlich gegen die fliegende Volksbühne, sondern dahingehend, dass wir entschieden haben, dass wir den Paradieshof nicht mit zehn Millionen aus öffentlichen Mitteln bauen können."
Die Entscheidung ist für Michael Quast ein Schock: "Das war schon ein Schlag in die Magengrube, weil wir ja zwei Jahre im engsten Kontakt mit städtischen Ämtern an diesem Projekt gearbeitet haben. Und dass das auf einmal sich in Luft auflösen sollte, das war schon sehr frustrierend. Von unserer Seite ist das ja eine sehr idealistische Arbeit, wir bekommen da keinen Pfennig."
Protest formiert sich
Doch die Bürokratie hat mit einem nicht gerechnet: mit dem Protest der Bürger. Das Schauspielhaus war am vergangenen Sonntag proppenvoll. Solidaritätsmatinee für Quast! "Frankfurt braucht ein Volkstheater. Die fliegende Volksbühne braucht einen Produktions- und Spielort", forderte Quast. Da war die Zustimmung groß. Und ein bekannter Comedian hielt die Wutrede seines Lebens.
Hans Joachim Heist alias Gernot Hassknecht: "Statt gutem Volkstheater bekommen wir dieses Schmierenstück vorgesetzt, das in jedem Provinzkaff ausgebuht würde. Aus der Provinz, wo man sich jetzt krumm und scheckig lacht über die Erfolge der Frankfurter Kulturpolitik. Aber Gott sei dank gibt es ja noch einen Leuchtturm der populären Kultur. Altsachsenhausen, das sich dank der Sparentscheidung nun endgültig zum Disneyland für Komatrinker entwickeln darf."
Romantikhaus ebenfalls auf der Streichliste
Information
Sponsoren gesucht
Oberbürgermeister Peter Feldmann, die ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth, Mäzen und Banker Friedrich von Metzler und die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Anne Bohnenkamp-Renken, werden am Freitag eine Spendenkampagne vor, die das Romantikmuseum retten soll.
Doch die Volksbühne ist nicht das einzige Opfer der Sparpolitik. Das Freie Deutsche Hochstift verfügt über die wohl bedeutendste Handschriftensammlung der Romantik. Sie ist weltweit bekannt - und sollte, so war es geplant seit Jahren, nicht länger in den Kellern des Anwesens der Familie Goethe dahindümpeln. Ein Romantik-Museum in direkter Nachbarschaft war beschlossene Sache. Ein Schmuckstück. Ein Stück Frankfurter Identität jenseits der Banken. Auch dies schnöde gestrichen!
Stadtkämmerer Uwe Becker: "Es geht nicht um eine Entscheidung gegen das Romantikmuseum, sondern dahingehend, dass die öffentlich vorgesehenen Mittel der Stadt nicht zur Verfügung stehen. Das gilt für die vier Millionen in dem Bereich wie die zehn Millionen im Paradieshof."
Das Aberwitzige ist: das ehrgeizige Projekt war zu drei Vierteln fremd finanziert. Der Bund, das Land, private Sponsoren waren mit zwölf Millionen dabei, wenn, ja wenn die Stadt Frankfurt ihrerseits vier Millionen dazugegeben hätte.
"Wir hatten ja auch das Finanzierungskonzept klar, erklärte Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Hochstifts. Land und Bund hatten zugesagt, jeweils ein Viertel zu übernehmen. "Das letzte Viertel sollte privat zusammengetragen werden, da waren wir auch schon bei 3,2 Millionen. Also standen die Zeichen eigentlich gut."
Kulturdezernent streicht Millionen und protestiert
Sogar ein Bauplatz stand schon bereit, an einem kulturell bald verwaisten Ort. Am Hirschgraben, einen Steinwurf vom Goethehaus entfernt. Dort spielt noch bis Ende Mai das Frankfurter Volkstheater. Dann ist für die von Liesel Christ begründete Mundartbühne Schluss. Stattdessen sollte hier das Romantik-Museum entstehen. Es wär so schön gewesen. Was bleibt, ist ein kaputtes Theater. Und ein ungebautes Museum.
Und am Ende will es niemand gewesen sein. Man staune: sogar der Kulturdezernent protestierte:
Kulturdezernent Felix Semmelroth, CDU: "Frankfurt braucht Volkstheater und Volkstheater in Frankfurt heißt jetzt natürlich die fliegende Volksbühne."
Da verschlägt es dem Fraktionsvorsitzenden der Frankfurter Grünen die Sprache. Die haben für den kulturellen Kahlschlag gestimmt. Aber nicht nur sie.
Ruf der Stadt steht auf dem Spiel
Manuel Stock, Fraktionsvorsitzender der Frankfurter Grünen: "Der Kulturdezernent hat bei allen Entscheidungen zugestimmt und da fordere ich ihn auf, solidarisch mit seinen anderen Kollegen im Magistrat zu sein, die auch schwierige Sparbeschlüsse umzusetzen haben."
Schon seltsam: Erst stimmt Felix Semmelroth für die Enthausung von Michael Quast und seiner Komödiantentruppe. Dann reiht er sich solidarisch ein in die Reihe der Verfolgten.
Michael Quast jedenfalls hat am Ende seiner tragikomischen Protestmatinee die bislang vergebliche Suche nach einer Spielstätte zum wilden Kanon gemacht, auf dass die Sparkommissare aufwachen und begreifen, was hier auf dem Spiel steht: Der gute Ruf der Stadt.
Sie können alle Abonnements des hr-Sinfonieorchesters bequem online bestellen. Nutzen Sie die attraktiven Vorteile und wählen Sie aus dem vielfältigen Angebot das passende für Sie aus.
[mehr]