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Holocaust-Archiv Bad Arolsen

Amerikanischer Forscher erhebt schwere Vorwürfe

Paul Shapiro, Leiter der Forschungsstelle am Holocaust Memorial Museum, Washington D.C. (Bild:  hr)
Paul Shapiro, Leiter der Forschungsstelle am Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.
Eine hessische Provinzstadt sorgt international für Schlagzeilen. In Bad Arolsen liegt eines der größten Archive zum NS-Terror. Noch immer ist die riesige Datensammlung für die Forschung nicht zugänglich, wirft Holocaust-Forscher Paul Shapiro der Bundesrepublik vor.
 

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Den vollständigen Beitrag zeigt der Hessische Rundfunk im Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ am Sonntag, 12. März, um 23 Uhr im Ersten.
Und das wollen die Amerikaner auf keinen Fall länger hinnehmen. Paul Shapiro, Leiter der Forschungsstelle am Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., sagt dazu: „Die USA werden nicht dulden, dass die Generation der Überlebenden mit der Sorge stirbt, in Vergessenheit zu geraten und dass ihre Familiennamen unter den Teppich gekehrt werden. Dazu sind wir nicht bereit. Das können wir nicht zulassen.“

Nach dem Krieg bringen die Alliierten die Akten hierher, damit die Überlebenden des Holocausts Informationen über das Schicksal ihrer vermissten Angehörigen einholen können. So wie Majer Szankower. Seine Eltern überlebten den Holocaust nur knapp. Der Rest der Familie ist vermutlich in Auschwitz ermordet worden. Viel mehr weiß Majer Szanckower nicht. Alles was ihm geblieben ist, ist ein Buch über die jüdische Gemeinde seiner polnischen Heimatstadt.
 

Darf als Angehöriger Akten des Archivs einsehen: Majer Szankower (Bild:  hr)
Darf als Angehöriger Akten des Archivs einsehen: Majer Szankower
Majer Szanckower: „Das Buch ist der einzige Schlüssel zurück in familiäre Vorgeschichte. Wobei, das gibt es nur von meinem Vater. Von meiner Mutter weiß ich überhaupt nichts.“

Majer Szanckower kann in Arolsen Akten über das Schicksal seiner Familie, über den Leidensweg seiner Eltern durch die Lager nach dem Krieg einsehen. Als Betroffener kommt er ins Archiv rein. Doch er findet, auch die Forschung solle Zugang haben. Dass das nicht möglich ist, macht ihn misstrauisch.

Majer Szanckower: „Ich glaube, geschützt werden die Daten der Täter und man hat Angst, dass Daten an die Oberfläche kommen, die für manch einen vielleicht unangenehm sind.“

Verbergen sich in den Millionen von Personendaten vielleicht auch bisher unentdeckte Nazi-Täter? Ist das vielleicht ein Grund, weswegen man Forscher lieber aussperrt? Für den Leiter des Archivs Charles Biedermann sind das abwegige Spekulationen.
 

Charles Biedermann, Leiter des Archivs in Bad Arolsen (Bild:  hr)
Charles Biedermann, Leiter des Archivs in Bad Arolsen
Charles Biedermann: „Also, wenn Täter da drin wären, dann wären das nur Täter, die sich versteckt als Opfer ausgegeben haben nach dem Krieg. Also, wir haben keine Täter während des Krieges und wir haben auch keine Täter, die nach dem Krieg als solche erkannt worden sind, hier gelagert, weil das gar nicht unser Mandat ist. Wir haben gar keinen Grund, solche Akten hier zu haben.“

Wir dürfen uns einige Akten aus den Konzentrationslagern ansehen. Die Nazis haben über ihre Verbrechen genauestens Buch geführt. Und natürlich haben die Täter ihre Morde abgezeichnet. Auf Nachfrage kommt der Archivleiter in Erklärungsnot.

Charles Biedermann: "„Das ist vielleicht aus der Optik - wenn ich an die ganz wenigen Namen (denke), die auf den personenbezogenen Akten der Verfolgten sind, und die nicht zugänglich sind, kann man das als Täterschutz interpretieren.“

Paul Shapiro leitet die Forschungsstelle im Holocaust Memorial Museum in Washington. Zur Zeit ist er gerade in Budapest. Dort kann er frei in den Archiven forschen, so wie in ganz Europa. Nur in Bad Arolsen hat er keinen Zugang.
 

Für Holocaust-Forscher gesperrt: Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen (Bild:  hr)
Für Holocaust-Forscher gesperrt: Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen
Paul Shapiro: „Ich denke, problematischer als die Tatsache, dass man jetzt 20 Jahre darüber spricht, ob das Archiv geöffnet werden kann, ist, dass es seit acht Jahren die verbindliche Verpflichtung gibt, das Archiv zu öffnen. Aber acht Jahre sind vergangen und nichts ist passiert.“

Warum nicht? Weil ein Internationaler Ausschuss aus 11 Ländern, der seit den 50er Jahren für das Archiv zuständig ist , sich hinsichtlich des Datenschutzes nicht einigen kann. In anderen Archiven hat man Lösungen für den Schutz von Persönlichkeitsrechten gefunden - zum Beispiel durch die Schwärzung von Namen. In Bad Arolsen macht sich die Archivleitung mit der Begründung, dass man ja nur von den wenigsten Personen wisse, ob sie wirklich tot seien, für eine besonders strenge Auslegung des Datenschutzes stark.

Charles Biedermann: "Von alle anderen, das ist der größte Teil, wissen wir nicht, ob sie verstorben sind oder noch leben. Und da spielt natürlich der Datenschutz eine Rolle. Sie können personenbezogene Daten nicht freigeben.“

So argumentiert auch die Bundesregierung in den internationalen Verhandlungen: Es gäbe ja nicht nur Hinweise auf politische Einstellungen, sondern auch auf möglicherweise gesellschaftlich Stigmatisierendes der Lagerinsassen wie zum Beispiel Homosexualität. Solche Argumente finden die Vertreter der Betroffenen, nämlich Opferverbände und der Zentralrat der Juden, fadenscheinig. Sie wollen, dass geforscht wird und vermuten andere Motive.
 

Stephan J. Kramer, Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland (Bild:  hr)
Stephan J. Kramer, Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland
Stephan J. Kramer, Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland: „Es hat in den letzten Jahren gerade durch Öffnung von Archiven in Zentral- und Osteuropa erhebliche neue Aktenbestände gegeben, die jetzt vor allem aus privaten Wirtschaftsunternehmen und privaten freiberuflichen Sektionen in das Arolsener Archiv mittlerweile abgegeben worden sind. Und wir gehen momentan davon aus, dass all dieses Material, das bisher weder gesichtet worden ist noch tatsächlich der Forschung zur Verfügung gestellt wurde, uns einen neuen Einblick geben wird über die Tiefe eben der Verstrickung von privatwirtschaftlichen und freiberuflichen Akteuren während der Nationalsozialistenzeit.“
 

Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen (Bild:  hr)
Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen
Was daraus folgt? Auf Anfrage von ttt schieben das deutsche Außen- und Innenministerium sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Keiner ist zu einer Stellungnahme bereit. Nur soviel: Man sei ja prinzipiell nicht gegen die Öffnung des Archivs, aber die Verhandlungen seien eben noch nicht abgeschlossen. Der amerikanische Holocaust-Forscher wirft der Bundesregierung Verschleppungstaktik vor – mit fatalen Folgen.

Paul Shapiro: "„Es ist allgemein anerkannt, dass die wissentliche Unterschlagung von Dokumenten zum Holocaust eine Form ist, den Holocaust zu leugnen. Zur Zeit leugnet der iranische Präsident den Holocaust. Er sagt: 'Gut, es hat vielleicht ein paar tausend Opfer gegeben.' Wenn man jetzt aber ein Archiv öffnet, in dem das Schicksal von 17 Millionen Opfern dokumentiert ist – ihre Ermordung oder Zwangsarbeit – ist das eine überzeugende Antwort auf die Leugnung des Holocaust? Ja, das ist es."

Und zwar mehr noch als jedes Holocaust-Mahnmal. Und deshalb ist jetzt die Bundesregierung gefragt. Das Archiv in Arolsen muss schnellstmöglich zugänglich werden!

Bericht: Peter Gerhardt/Christine Rütten
 
Redaktion: nrc
Bilder: © hr (6)
Stand: 10.03.2006
 
 

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