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"Der Weiße mit dem Schwarzbrot"

Auf den Spuren des Ex-Terroristen Christof Wackernagel

Filmemacher  Jonas Grosch (l.) mit seinem Onkel Christof Wackernagel (Bild: mmm film 2007)
Filmemacher Jonas Grosch (l.) mit seinem Onkel Christof Wackernagel
Über ein langweilige Familiengeschichte kann sich Jonas Grosch nicht beklagen: Sein Onkel ist der Schauspieler und Ex-Terrorist Cristof Wackernagel. Ihm hat der Kasseler Regisseur einen Dokumentarfilm gewidmet, der jetzt in den Kinos anläuft.
 

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Information

Der Weiße mit dem Schwarzbrot

Cristof Wackernagel in Mali
Regie: Jonas Grosch

Kinostart:
12. Juni 2008

Premierenvorstellungen:
13. Juni LICH - Kino Traumstern - 21 Uhr
14. Juni KASSEL - Filmladen - 19.30 Uhr

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In Mali, Westafrika, gab es plötzlich eine neue Bäckerei. Die Bäckerei war an sich nichts Besonderes, das Brot, das dort gebacken wurde, schon. Denn es war schwarz, Schwarzbrot. In einem Land, in dem sich die Brotauswahl zwischen Weißbrot und hellem Graubrot erschöpft, fast schon eine Sensation. Und Thema für einen Film. Nicht wegen des Brotes, sondern wegen des Bäckereibesitzers: Christof Wackernagel, deutscher Schauspieler (u.a. „Der bewegte Mann“, „Männerpension“) und Ex-RAF-Mitglied. Zehn Jahre hat er im Gefängnis gesessen - wegen versuchten Mordes. Vor vier Jahren hat Wackernagel Deutschland den Rücken gekehrt, möchte ankommen in einem neuen Leben, möchte ankommen in Afrika. Ein außergewöhnlicher Weg, auf den ihn sein Neffe Jonas Grosch mit der Kamera begleitet hat. Rausgekommen ist das Portrait eines Mannes zwischen zwei Welten, die scheinbar gegensätzlicher nicht sein könnten: die des Ex-Terroristen und die des Neuanfängers in Afrika.
 

Spurensuche in Afrika

Als Christof Wackernagel so alt ist wie sein Neffe Jonas heute, wird vom Schauspieler zum Terroristen. Und nach zehn Jahren Haft wieder zum Schauspieler – preisgekrönt unter anderem für die Rolle eines Polizisten. "Mein Bild von ihm war das, was ich von Familienfeiern kannte. Dass er ein lockerer Typ ist, dass er nett ist, dass er offen ist", so de Regisseur. Jonas Grosch will mehr über seinen Onkel wissen, plant einen Film und reist nach Mali.

Dorthin hat sich Christof Wackernagel geflüchtet. Er will weg von seinem Image. "Ex-Terrorist spielt Bulle", sagt Christof Wackernagel. "Also je größer der Erfolg, den ich als Schauspieler habe, desto mehr kommt dieses Zeugs wieder hoch. Das ist eine Blockade. Das ist einer der Gründe, warum ich jetzt hier bin."
 

Backen in einem armen Land

Vor vier Jahren hat Christof Wackernagel seine Sachen gepackt und ist nach Mali gegangen, in eines der ärmsten Länder Afrikas. Doch seine Vergangenheit wird er auch hier nicht los. Weit weg von der deutschen Medienlandschaft schreibt er an einer Romantrilogie: "Ich weiß auch nicht, warum ich die Atmosphäre so liebe", so Wackernagel. "Das kann man nicht erklären. Es ist eigentlich dreckig. Und trotzdem hat es eine gewisse Ausstrahlung von den Leuten. Ich kann das nicht beschreiben."

Jonas Grosch: "Er kommt nach Afrika, nach Bamako. Und das, was ihm fehlt, ist Schwarzbrot. Weil das ist wirklich sehr labberiges Weißbrot, was es da gibt - wir haben das ja auch gegessen - ihn total stört. Und er ist ein Genießer, und er will lecker essen. Und hat dann einfach diese Idee, warum nicht ne Schwarzbrotbäckerei aufmachen."
 

Explosives Backgemisch

Christof Wackernagel (Bild: mmm film 2007)
Christof Wackernagel in seiner Wahlheimat
Christof Wackernagel ist ein Mann, der etwas bewirken will. Mitten in Westafrika baut er eine Vollkornbäckerei auf. Kleiner Schönheitsfehler: Nach einem halben Jahr explodiert der Ofen.

Jonas Grosch: "Als wir ankamen nach Bamako, war Christof ganz geknickt, dass er uns nicht die Bäckerei präsentieren kann. Sondern nur die leere Bäckerei, wo halt der Ofen explodiert ist. Und die war dann schon total leer. Und war nix mehr drin. Und das hat ihn total gestört, weil er was Tolles präsentieren wollte, was er auf die Beine gestellt hat. Das kann ich auch verstehen."

Christof Wackernagel: "Ich bin vorsichtiger geworden mit irgendwelchen Projekten oder Geschichten. Dass ich hier irgendetwas auslöse oder mache oder tue. Da bin ich ganz schön zurück genommen."
 

Fehlentscheidung

30 Jahre ist das jetzt her, die Fehlentscheidung seines Lebens. Christof Wackernagel, der bekannte Schauspieler, wird RAF-Mitglied und geht in den bewaffneten Untergrund. Schon zwei Monate später wird er verhaftet, nach einer Schießerei mit der niederländischen Polizei. Christof Wackernagel wird dabei schwer verletzt und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dreieinhalb Jahre verbringt er in Isolation. Diese Erfahrung beschäftigt ihn auch noch in Afrika, sie hat ihn geprägt.

Christof Wackernagel: "Entweder du hängst den ganzen Tag rum oder du machst dir, so habe ich es gemacht, einen absolut disziplinierten Plan. Der darin bestand, dass ich mir meine 'to do-Listen', wie man das heute nennt, bewusst größer gemacht habe, als es überhaupt zu schaffen ist an einem Tag. Zeitung lesen, Briefe schreiben, Archiv machen, Träume aufschreiben. So dass ich, so absurd das klingt, im Knast unter Zeitdruck kam. Und das war mein Überlebenstrick an und für sich: Der Tag war um, noch bevor er angefangen hat."
 

Innere Ablösung

Noch heute ist das Thema längst nicht erledigt – obwohl Christof Wackernagel sich schon vor mehr als 20 Jahren von der RAF losgesagt hat: Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die ging danach erst so richtig los.

Christof Wackernagel: "Nachdem das vorbei war, kriegte ich völlig unvermutet, aus heiterem Himmel hereinbrechend, eine psychische Krise. Ich war absolut am Arsch. Bis ich überhaupt merkte: So, jetzt kommt die innere Seite von dieser Ablösung. Es geht an die Seele, an die Psyche, an das tiefste Innerste. An die Existenz überhaupt. Das war das Härteste, was ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Das war sozusagen die Strafe."
 

Dokument einer Annäherung

In seinem Dokumentarfilm zeigt Jonas Grosch einen Mann, der in Afrika einen Neuanfang versucht. Bewusst hat er nur in Mali gedreht und sich ganz auf die Perspektive von Christof Wackernagel beschränkt. Er ist dabei diesem merkwürdig schillernden Menschen nahe gekommen.

Jonas Grosch: "Das heißt, ich hatte schon ein Gefühl für ihn, wie er so ist. Und so war er dann auch. Aber dazu ist einfach von mir zu ihm eine Nähe gekommen, die einfach davor nicht da war, weil wir davor nicht soviel miteinander zu tun hatten."

Und so ist dieser Film auch das Dokument einer Annäherung. Einer Annäherung an einen Menschen, der sich selbst auch nicht ganz versteht, und der auch sich nicht zu ernst nimmt.

Bericht: Carola Wittrock
 
Redaktion: nrc / than
Bilder: © mmm film 2007 (2)
Stand: 12.06.2008
 
 

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