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17.12.2012

Modellprojekt in Geisenheim

Inklusion im Kino

Der große Saal des Linden-Theaters Geisenheim. (Bild: Linden-Theater Geisenheim)
Der große Saal des Linden-Theaters Geisenheim.
In Geisenheim befindet sich Linden-Theater. Es ist das erste inklusive Kino in Deutschland und zugleich das letzte Kino im Rheingau. Für sein Engagement wurde es bereits mit der Ehrenurkunde für Kunst und Kultur ausgezeichnet. hr2-kultur-Redakteurin Birgitta Söling hat sich dort einmal umgesehen.
 
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Bequeme Sessel aus rotem Samt reihen sich vor der großen Leinwand wie in jedem Kino, doch daneben ist Platz für Rollstühle. Auch im Foyer und hinter der Kasse, denn im Lindentheater Geißenheim arbeiten Menschen mit Behinderung. Eine Besucherin reserviert gerade Tickets für die Abendvorstellung: "Vielleicht die Mitte, fünf Personen sind wir." Der Eingangsbereich strahlt in hellem gelb, es riecht nach frischem Popcorn. Zwei Kinosäle bieten Platz für 250 Zuschauer. Hier laufen aktuelle Kinohits in 3D.

Werner Thorn, Werkstattleiter im Sankt Vincenzstift Aulhausen hat ein Faible für fetzige Kleidung und gute Filme. Zur lila Jeans trägt er eine schmale, schwarze Kravatte mit Motiven seines Lieblingsfilms "Corellis Mandoline". Er hat sich dafür eingesetzt, aus einem altmodischen, kommunalen Kino einen Inklusionsbetrieb zu machen, in dem Menschen mit Behinderung selbstbestimmt und gleichberechtigt arbeiten und am kulturellen Leben der Stadt teilnehmen können.

Ein Gespräch mit dem Vorbesitzer brachte den Stein ins Rollen, erzählt er. "Das fiel mir irgendwie so hier vor die Füße, weil der Herr Elmauer - ich bin hier auch Kinobesucher gewesen, schon immer - hat mal erwähnt, dass er aufhören will und dann kam bei mir sofort der Gedanke, hier könnten schöne Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung entstehen. Und das war der Antrieb."
 

Mehr als 35.000 Besucher im Jahr

Von der Idee bis zur offiziellen Neueröffnung vergingen fast zwei Jahre, denn für die Umstellung auf digitale Technik und den barrierefreien Ausbau waren 500.000 Euro nötig. Die Zuschüsse kamen aus vielen Töpfen: Von der Filmförderungsanstalt Berlin wie vom Land Hessen, vom Landeswohlfahrtsverband und der Aktion Mensch, vom Sankt Vincenzstift und dessen Träger Josefsgesellschaft und nicht zuletzt von der Stadt Geisenheim.

Bürgermeister Frank Kilian freut sich über stabile, gute Besucherzahlen. "Wir rechnen mit mehr als 35.000 Besuchern pro Jahr, die nicht nur das Kino aufsuchen, sondern möglicherweise auch einen Kaffee trinken, einen Wein trinken oder auch hier einkaufen. Und wäre das Kino geschlossen worden, hätten wir einen weiteren Leerstand in der Innenstadt und den Abschwung dieses kulturell interessierten Kreises nach Wiesbaden oder Mainz."
 

Erstrahlt in frischem Glanz: Das Linden-Theater Geisenheim  

 
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"Ich will gerne so viele Leute kennenlernen"

Zehn Arbeitsplätze sind hier entstanden, sechs für Menschen mit Behinderung. Karla Grämer verkauft gerade Popcorn und Cola. Für sie ist es ein tolles Gefühl, einen richtigen Job zu haben, mitten in der Stadt unter Menschen zu sein – auch, wenn es kurz vor Beginn der Vorstellung schon mal stressig werden kann. "Also sehr stressig, also grad die, die dann an der Kasse stehen wird’s dann noch hektischer", erklärt Karla Grämer. "Ja, und dann muss man halt sehr viele Dinge merken und man muss auch viele kleine Tüten oder sowas zusammenstellen."

Auch Patricia Schäfer arbeitet gerne hier im Kino. Sie reißt die Karten ab und weist den Zuschauern Plätze an. Dabei kommt sie ins Gespräch mit den Besuchern. "Ich will gerne so viele Leute kennenlernen", schwärmt sie. "Ja, die Leute sind freundlich. Und dann sage ich immer, ob Filme gut fällt oder nicht so, und, ja."
 

Letztes Kino im Rheingau

Information

Linden-Theater
Winkeler Str. 54
65366 Geisenheim

Telefon: 06722 8008
Email: kino@linden-theater.de
Internet: www.linden-theater.de

Öffnungszeiten täglich von 14:00 Uhr - 22:00 Uhr oder nach Absprache.
Im Abendprogramm laufen James Bond und der Hobbit, aktuelle Filme, die der Betrieb braucht, um wirtschaftlich zu arbeiten. Zweimal pro Woche ist aber auch Programmkino. Dann gibt es zum Beispiel Literaturverfilmungen im englischen oder französischen Original.

Gerade ströhmen Geisenheimer Famlien aus der Nachmittagsvorstellung um 17 Uhr. Sie sind froh darüber, dass das einzige Kino im Rheingau erhalten bleibt und Mensch mit Behinderung Arbeitsplätze bietet. "Ja, klasse!", sagt eine Besucherin. "Ich finde, das ist ein ganz tolles Projekt. Und ich bin öfter hier und ich muss sagen, die sind alle super-nett und ich habe auch die Idee, dass sie sich selber wohlfühlen, dass sie hier arbeiten können."

"Ich finde, die Leute gehören halt einfach zur Gesellschaft und man soll sie nicht ausgrenzen", sagt einer der Besucher. Und ein anderer: "Also ich kenne das Kino jetzt seit 35 Jahren. Ich habe es im Umbau erlebt und das neues Kino gefällt mir super. Finde ich genial."
 

Inklusion als Zukunftsmodell

Das Linden-Theater Geisenheim ist als Modellprojekt auf der Inklusionskarte Deutschland verzeichnet und hat die Ehrenurkunde für Kultur und Kunst des Landes Hessen bekommen. Auch für Dr. Andreas Kramer vom Kinoverband HDV ein Vorzeigeprojekt: "Diese Inklusion halte ich für ein Zukunftsmodell. Wir alle werden älter, wir alle werden Behinderung erfahren auf die eine oder andere Art und Weise. Das wird hier gelebt und umgesetzt und das hat Vorbildcharakter. Das haben wir so in dieser Form nicht noch einmal."

Ein Beitrag von Birgitta Söling
 
Redaktion: than
Bild: © Linden-Theater Geisenheim
Letzte Aktualisierung: 18.12.2012, 17:06 Uhr
 
 

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Maori (Bild:  picture-alliance/dpa)

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