Drei Menschen: Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Mutter. Den Verlust hat sie nie verwunden. Und sie hat mit 15 ein uneheliches Kind bekommen, damals eine Schande. Und er hat den Krieg überlebt, Bruder und Freunde nicht. Heute machen diese drei Musik. Den Anstoß gab der Komponist Bernhard König. Er gründete den Chor "Alte Stimmen" für Menschen ab 70 und musiziert regelmäßig mit Senioren in einem Altenheim. Ein ungewöhnliches Projekt König experimentiert und es geht um mehr als Musik: "Man kann durch so eine unkonventionelle Form hinkriegen, dass die Leute ihr eigenes Altsein nicht als Defizit erleben", sagt er, "als etwas, was sie alles nicht mehr können oder alles nicht mehr so gut können wie früher, sondern man kann ihnen das Erlebnis vermitteln, dass sie etwas ganz besonderes können."
Die Dokumentation "Das Lied des Lebens" zeigt, was das heißt. Zehn Monate begleitete Bernhard König und die Senioren. Die erblindete Sigrid Thost beginnt nach vielen Jahren wieder Klavier zu spielen. Mit ihr will Bernhard König ein Musikstück entwickeln über das, was sie tief berührt. Der Schmerz über den frühen Verlust der Mutter. Sie sei im Himmel, sagte man ihr. Doch das war für die kleine Sigrid zu abstrakt. Der Himmel blieb für sie leer.
Auch Magdalena Reisinger findet ihr "Lied des Lebens", einen Schlager, neu für sie: "Liebe kann nicht Sünde sein". Mit 14 war sie schwanger. Und jetzt mit 80 kann sie sie ein wenig verwinden - die Schläge der Mutter.
"Wenn Frau Reisinger ihr Solo singt", erzählt Bernhard König, "dann ist das ganz gewiss nicht perfekt, aber es ist einzigartig, und das erlebe ich auch immer wieder: In dem Moment, wo man das, was man tut, aus der eigenen Geschichte heraus begründet, dann stellt sich nicht mehr die Frage, warum klingt das jetzt so schepp oder warum wird das auf einmal jetzt anders gesungen, als wir es kennen, sondern das muss so gesungen werden, weil es ja auf die und die Lebensgeschichte Bezug nimmt."
Ist das Musiktherapie? Bernhard König sieht das nicht so. Mit seinen Projekten will er alte Menschen inspirieren. Sie zu musikalischen Experimenten verführen. Aber er will auch zeigen, wie viel Vitalität in alten Menschen steckt: "Man kann durchaus mit einer ganz offenen experimentellen Ästhetik auch bei dieser Generation ganz viel ausrichten und ganz viel erreichen. Und ein zweites Ergebnis ist - das sage ich an alle: Schaut mal her liebe Gesellschaft, schaut mal her, was wir in unseren Altenheimen für tolle Menschen sitzen haben, für Erfahrungen, an Reichtum an Ausdruckskraft. Da ein bisschen daran teilzuhaben, das alles ein bisschen mehr zu öffnen und die Leute nicht so hinter Wänden versteckt zu halten."
Für die Würde, für das Leben - ein großartiges Projekt! Und ein eindrucksvoller Film: "Das Lied des Lebens".
Bericht: Juliane Hipp