Arno Geigers Familiengeschichte "Es geht uns gut"
Entrümpeln ist zwecklos. Die Geschichte, all die alten Geschichten unserer Eltern und Großeltern, bleiben doch in uns haften. Arno Geiger rollt in seinem Roman "Es geht uns gut" eine Familiengeschichte auf originelle Art und Weise auf. Mit einem Protagonisten, der sich aus allem heraushalten will, gerät der Leser mitten hinein in den Sog des Gewesenen. Geiger gelingt eine verhaltene Schilderung über drei Generationen im Österreich des 20. Jahrhunderts.
Alte Villa mit verwildertem Garten
Der Dachboden ist voller Taubendreck. So sehr, dass ohne Schutzanzug kein Weiterkommen ist. Eigentlich ist Philipp diese Villa im Wiener Nobelbezirk Hietzing egal. So egal wie fast alles andere, das ihn umgibt, mit einer Ausnahme: Johanna, die Meteorologin. Und ausgerechnet ihr ist Philipp bisweilen egal. Und ausgerechnet der apathisch-desinteressierte Philipp erbt diese alte Villa mit dem riesigen, verwilderten Garten, dem Taubendreck und massenhaft Papier in allen Schubladen der ganzen alten Möbel.
Beim Entrümpeln gerät der Leser in die Geschichte der Familie
Philipp heuert Helfer an, um sich durch den Dreck zu kämpfen, und je mehr er entrümpelt, desto tiefer gerät der Leser hinein in die Geschichte der Familie. Jeweils ein Tag oder ein Ereignis dient Geiger dazu, ein Jahrzehnt zu beschreiben. Er geht dabei nicht psychologisch vor, sondern skizziert aus der Familiengeschichte das gesellschaftliche Ganze. Geiger zeichnet seine Figuren mit großer Distanz und gleichzeitiger Genauigkeit und lässt bewusst Leerstellen.
Hitlerjunge Peter irrt durch Wien
Da sind die Großeltern, die just im Jahr des "Anschlusses" Österreichs an Hitler-Deutschland heiraten. Die politische Laufbahn des christlich konservativen Großvaters gerät unter dem Einfluss der Nazis ins Stocken. Da ist der Hitlerjunge Peter, der 1945 verstört durch die Straßen Wiens irrt. Eben hat er den Tod eines Kameraden miterlebt, da setzen ihn die Verwandten vor die Tür, aus Angst vor den näher rückenden Alliierten. Da ist die Mutter, die sich Jahre später in eben diesen ehemaligen Hitlerjungen verliebt, gerade als sich die Dinge zu Hause zum Besseren wenden, und dadurch den Bruch mit der Familie provoziert.
Geschichte über sieben Jahrzehnte
Über fast sieben Jahrzehnte hinweg erzählt Arno Geiger eine Familiengeschichte, die nur in einer wichtigen Nuance vom Durchschnitt abweicht: Der Großvater des Protagonisten ist als Minister beteiligt am Entstehen des österreichischen Staatsvertrages. So verbindet der 37-jährige Autor das Schicksal der klassischen bürgerlichen Wiener Familie mit dem Schicksal des gesamten Landes.
Das scheinbar unspektakuläre des Alltags
Auf 390 Seiten gelingt dem Autor ein leises, farbiges Werk, das unaufdringlich ins Ganze greift und dabei humorvoll Distanz behält. Geiger erzählt geradlinig und konzentriert sich auf das scheinbar Unspektakuläre des Alltags. Der Titel, die banale Floskel "Es geht uns gut", wird zu einer Chiffre, die das wahre Erleben hinter dem Sichtbaren in der Schwebe hält zwischen Resignation und Triumph, Behauptung und Ironie.