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Deutscher Buchpreis

Arno Geiger erster Preisträger

Arno Geiger
Arno Geiger
Der Autor Arno Geiger erhält den Deutschen Buchpreis. Der 37-jährige wird für seinen Familienroman "Es geht uns gut" ausgezeichnet. Das Buch des aus Österreich stammenden Schriftstellers setzte sich gegen fünf andere Romane durch.
 

"Arno Geiger gelingt es, Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen", begründete Jury-Sprecher Bodo Kirchhoff die Entscheidung. Es sei ein Roman, "der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens spricht".
 

Junge Literaturbegabung aus Österreich

Fernsehen

Di., 22.15 Uhr: Hauptsache Kultur

Das Kulturmagazin des hr-fernsehen stellt den Preisträger am 18.10. um 22.15 Uhr vor.
Mit seinen 37 Jahren gehört Arno Geiger noch zu den jungen Literaturbegabungen in Österreich. Bereits 1996 nahm der gebürtige Bregenzer am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Ein Jahr später erschien im Münchner Hanser Verlag Geigers Schelmenroman "Kleine Schule des Karussellfahrens". Dem hat er in regelmäßigen Abständen weitere Werke folgen lassen. Sein vierter Roman, das Familienepos "Es gut uns gut", erschien dieses Jahr ebenfalls bei Hanser.

Zubrot als Videotechniker

Geiger ist in Wolfurt in Vorarlberg aufgewachsen. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck. Während der Bregenzer Festspiele verdiente Geiger sich regelmäßig im Sommer ein Zubrot als Videotechniker. Geiger, der bereits den Friedrich-Hölderlin- Förderpreis erhielt, lebt in Wolfurt und Wien.
 

Preis für die beste literarische Neuerscheinung

Information

Romane der Shortlist:

Arno Geiger: Es geht uns gut
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Thomas Lehr: 42
Gert Loschütz: Dunkle Gesellschaft
Gila Lustiger: So sind wir
Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling
Der mit insgesamt 37.500 Euro dotierte Peis soll alljährlich zur Frankfurter Buchmesse die beste
literarische Neuerscheinung im deutschsprachigen Raum prämieren.

Der Preisträger wurde in mehreren Stufen ermittelt. Die Verlage hatten 150 Romane eingereicht, aus denen die Jury eine Longlist (20 Autoren) und dann eine Shortlist mit sechs Büchern zusammenstellte. Sechs Romane hatten sich für das Finale des Deutschen Buchpreises qualifiziert. Der Sieger Arno Geiger erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro, die fünf anderen Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro. Unter ihnen ist das Buch "So sind wir" der in Frankfurt aufgewachsenen Autorin Gila Lustiger sowie "Dunkle Gesellschaft" von Gert Loschütz, der in Dillenburg groß geworden ist.
 

 (Bild: Harald Schröder)
Die Mitglieder der Jury
Neben dem Frankfurter Schriftsteller Kirchhoff gehörten zur Jury noch die Kritikerin Verena Auffermann, Buchhändler Klaus Bittner, die Journalisten Volker Hage ("Spiegel"), Wolfgang Herles (ZDF), Armin Thurnher ("Der Falter", Wien) und die Autorin Juli Zeh.
 

Arno Geigers Familiengeschichte "Es geht uns gut"

Entrümpeln ist zwecklos. Die Geschichte, all die alten Geschichten unserer Eltern und Großeltern, bleiben doch in uns haften. Arno Geiger rollt in seinem Roman "Es geht uns gut" eine Familiengeschichte auf originelle Art und Weise auf. Mit einem Protagonisten, der sich aus allem heraushalten will, gerät der Leser mitten hinein in den Sog des Gewesenen. Geiger gelingt eine verhaltene Schilderung über drei Generationen im Österreich des 20. Jahrhunderts.

Alte Villa mit verwildertem Garten

Der Dachboden ist voller Taubendreck. So sehr, dass ohne Schutzanzug kein Weiterkommen ist. Eigentlich ist Philipp diese Villa im Wiener Nobelbezirk Hietzing egal. So egal wie fast alles andere, das ihn umgibt, mit einer Ausnahme: Johanna, die Meteorologin. Und ausgerechnet ihr ist Philipp bisweilen egal. Und ausgerechnet der apathisch-desinteressierte Philipp erbt diese alte Villa mit dem riesigen, verwilderten Garten, dem Taubendreck und massenhaft Papier in allen Schubladen der ganzen alten Möbel.

Beim Entrümpeln gerät der Leser in die Geschichte der Familie

Philipp heuert Helfer an, um sich durch den Dreck zu kämpfen, und je mehr er entrümpelt, desto tiefer gerät der Leser hinein in die Geschichte der Familie. Jeweils ein Tag oder ein Ereignis dient Geiger dazu, ein Jahrzehnt zu beschreiben. Er geht dabei nicht psychologisch vor, sondern skizziert aus der Familiengeschichte das gesellschaftliche Ganze. Geiger zeichnet seine Figuren mit großer Distanz und gleichzeitiger Genauigkeit und lässt bewusst Leerstellen.

Hitlerjunge Peter irrt durch Wien

Da sind die Großeltern, die just im Jahr des "Anschlusses" Österreichs an Hitler-Deutschland heiraten. Die politische Laufbahn des christlich konservativen Großvaters gerät unter dem Einfluss der Nazis ins Stocken. Da ist der Hitlerjunge Peter, der 1945 verstört durch die Straßen Wiens irrt. Eben hat er den Tod eines Kameraden miterlebt, da setzen ihn die Verwandten vor die Tür, aus Angst vor den näher rückenden Alliierten. Da ist die Mutter, die sich Jahre später in eben diesen ehemaligen Hitlerjungen verliebt, gerade als sich die Dinge zu Hause zum Besseren wenden, und dadurch den Bruch mit der Familie provoziert.

Geschichte über sieben Jahrzehnte

Über fast sieben Jahrzehnte hinweg erzählt Arno Geiger eine Familiengeschichte, die nur in einer wichtigen Nuance vom Durchschnitt abweicht: Der Großvater des Protagonisten ist als Minister beteiligt am Entstehen des österreichischen Staatsvertrages. So verbindet der 37-jährige Autor das Schicksal der klassischen bürgerlichen Wiener Familie mit dem Schicksal des gesamten Landes.

Das scheinbar unspektakuläre des Alltags

Auf 390 Seiten gelingt dem Autor ein leises, farbiges Werk, das unaufdringlich ins Ganze greift und dabei humorvoll Distanz behält. Geiger erzählt geradlinig und konzentriert sich auf das scheinbar Unspektakuläre des Alltags. Der Titel, die banale Floskel "Es geht uns gut", wird zu einer Chiffre, die das wahre Erleben hinter dem Sichtbaren in der Schwebe hält zwischen Resignation und Triumph, Behauptung und Ironie.
 
Redaktion: nrc / andi
Bild: © Harald Schröder
Stand: 17.10.2005
 
 

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