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Seine Stimme wird fehlen

Abschied von Robert Gernhardt

Eine wichtige Stimme, die fehlen wird: Robert Gernhardt (Bild:  dpa)
Eine wichtige Stimme, die fehlen wird: Robert Gernhardt
Letzte Woche ist der Autor, Satiriker, Karikaturist und Maler Robert Gernhardt nach langer Krankheit im Alter von 68 Jahren gestorben. Familienangehörige und Freunde sowie Vertreter aus Politik und Kultur nahmen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Abschied.
 

Hunderte von Trauergästen kondolierten Gernhardts Witwe Almut, darunter der Komiker Otto Waalkes, für den Gernhardt Texte und Drehbücher geschrieben hatte, die Schriftstellerin Eva Demski, der Zeichner Hans Traxler und Frankfurts
Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU).

Nach Anbsicht von Bernd Eilert, wie Gernhardt Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic", hat Gernhardt so viele Verse im Bewusstsein seiner Leser untergebracht wie kaum ein anderer deutscher Dichter. "Ich habe mich gesonnt in diesem Schatten - er wird mir fehlen."

Fritz Weigle, Studienkollege und Freund Gernhardts, würdigte den Schriftsteller als einen Menschen, dessen Imagination seiner Kunst erhalten bleibe. "Robert hat die Fackel getragen - und das Licht wird weiter getragen. Sie geht so schnell nicht aus."

"Titanic"-Mitbegründer Peter Knorr hon hervor, dass ohne Gernhardt die Satire-Zeitschrift niemals gegründet worden wäre. Das großartige Werk von "Robert, der freche Hund, der Einfallsreiche, der Solitär, der eben auch ein fabelhafter Teamspieler war", werde bleiben.

Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) würdigte Gernhardt als einen Menschen, der das kulturelle Leben der Stadt bereichert habe.
 

Bilder der Trauerfeier 

Hans Traxler und Petra Roth
Eva Demski und  Michael Herl
Hans Traxler (l.) und Harry Rowohlt
 
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Stimmen zum Tod des großen Schriftstellers

Zitat

"Die Dichter erleben nicht unendlich viel und machen aus diesen großartigen Erlebnissen dann ihre großen Gedichte. Sondern sie sind imstande das, was jeder erlebt – und das ist in der Regel das Banale – aufzuladen mit Worten." Robert Gernhardt 2002
Bereits bei der Nachricht von Gernhardts Tod am 30.6.2006 hatten sich Politiker und Freunde geäußert.

Mit dem Frankfurter Schriftsteller Robert Gernhardt verliert die deutsche Literatur nach den Worten von Bundespräsident Horst Köhler einen ihrer Größten. "Wer sonst in der Gegenwartsliteratur hat es geschafft, alle anzusprechen, zu berühren, ja zu begeistern: von der ernsten Literaturkritik bis hin zu Schülern, die zum ersten Mal Gedichte lesen", heißt es in einem in Berlin veröffentlichten Kondolenzschreiben an Gernhardts Witwe. "Robert Gernhardt hatte ein untrügliches Gespür für Tonlagen und Rhythmen, für sämtliche Ausdruckmöglichkeiten der deutschen Sprache", so Köhler. "Vor allem aber hatte er einen Sinn für den Anspruch gehabt, den Komik stellt und für die Komik, die falsche Ansprüche auslösen." Dass einer der besten deutschen Dichter auch der im umfassendsten Sinne komischste und humorvollste war, das habe ihm mehr als die Anerkennung - es habe ihm die Liebe seiner Leser eingebracht.

Der Hessische Ministerpräsident Roland Koch würdigte den Autor und Heine-Preisträger: „Robert Gernhardt verstand es, den Ernst des Lebens mit ironischer Distanz zu beschreiben. Er kommentierte und interpretierte die Welt in Zeichnungen, Essays und seiner Lyrik. Doch er kommentierte nicht nur Zeitgeschehen und Zeitgenossen mit spitzer Feder, sondern er begleitete auch das eigene Schaffen kritisch. Damit war er nicht nur einer der bedeutendsten Kritiker unserer Zeit, sondern auch sein eigener Kritiker. Ohne ihn wären ‚Pardon’ und ‚Titanic’ nicht zu dem geworden, was sie wurden. Er war Kristallisationspunkt einer speziellen satirisch-politischen Kultur, wie sie wohl nur in Frankfurt und dem dortigen geistig-literarischen Klima möglich ist.“ Der Hessische Minister für Wissenschaft und Kunst, Udo Corts, ergänzte: „Mit dem Tod von Gernhardt ist eine bedeutende literarische Stimme aus Hessen verstummt.“

"Er war einer der klügsten, vielseitigsten und erfindungsreichsten Schriftsteller, Dichter und Maler in Deutschland, wenn nicht in Europa", sagte der Chefredakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic", Thomas Gsella. Gernhardt sei ein große Künstler, der "die Komik um viele neue Formen bereichert" habe.

Der Karikaturist Hans Traxler hat sich tief erschüttert über den Tod seines Freundes und Kollegen Robert Gernhardt gezeigt: "Ich habe es als großes Glück empfunden, dass ich sein Zeitgenosse war." Gernhardt hätte ohne Frage Maßstäbe gesetzt und sei eine absolute Autorität in Sachen Humor. Traxler zufolge kannten sich die beiden seit 44 Jahren und wohnten gemeinsam in einem Haus.

"Einer der ganz großen Künstler ist nicht mehr dabei," sagte der Leiter des Museums für Komische Kunst in Frankfurt, Achim Frenz. Gernhardt habe als Karikaturist Generationen beeinflusst.
 

Kult-Autor Gernhardt

Robert Gernhardt, zunächst als Nonsens-Autor von der Kritik verpönt, wurde einer der einflussreichsten Satiriker der Bundesrepublik. Er schaffte, was nicht allen Kollegen seines Faches gelang: Das seriöse Feuilleton nahm ihn ernst, der einfache Mensch auf der Straße nahm ihn wahr. "Deutschlands erfolgreichster lebender Dichter" (Peter Rühmkorf) wurde in den großen Zeitungen des Landes ebenso publiziert wie auf Häuserwänden. Gernhardt ergatterte sich sogar einen Platz in den Schulbüchern: Gernhardt war Kult.
 

Von Estland nach Deutschland

Robert Gernhardt wird am 13. Dezember 1937 im estnischen Tallinn als Sohn eines Richters geboren. 1945 fällt der Vater als Soldat. Nach Kriegsende flieht die Mutter mit ihren drei Söhnen über Thüringen und Hannover nach Göttingen. Gernhardt studiert Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin.
 

Titanic und Neue Frankfurter Schule

Zitat

"Das leere Blatt Papier war für mich nie ein Problem, weil ich im Zweifelsfall dann den Salzstreuer zeichnen würde, der vor mir steht, einfach, um irgendwas über diesen Salzstreuer in Erfahrung zu bringen."
Robert Gernhardt 2002
Er lernt Fritz Weigle kennen, der sich später F. W. Bernstein nennt. Beide entdecken für sich die amerikanischen Blättern wie "Mad" und "Playboy". Und legen los, zeichnen, malen, dichten, texten. Da wird in Frankfurt die Satirezeitschrift "Pardon" gegründet. Gernhardt und Bernstein ziehen nach Frankfurt und arbeiten mit. Gernhardt bleibt als Redakteur zwar nur knapp zwei Jahre, aber schreibt bis 1976 gemeinsam mit Bernstein und F.K. Waechter die Tageszeitungsparodie "Welt im Spiegel" für das Magazin. Bereits ab 1966 arbeitet er als freischaffender Künstler.

1979 gehört er zu den Begründern der Zeitschrift "Titanic" und betreibt "Humor-Kritik". Auch die "Neue Frankfurter Schule" wächst ab 1979 mit auf seinem Mist. Ihr gehören Gernhardt, Bernstein, Waechter, Traxler, Poth, Henscheid an; ohne sie - so ein Jahrzehnt später die Süddeutsche Zeitung 1989 - wäre "die Humorlage der Bundesrepublik wohl eine andere."
 

Vom "Nonsens-Lyriker" zum "anerkannten Gegenwartsliteraten"

Zitat

"Das Produzieren war bei mir offensichtlich seit Schülerzeiten angelegt, als Lebensform: auf alles reagieren! Ich hatte einen Mitteilungsdrang, der sich erst mal ungeregelt in alle Künste ergoss. Die einzige Kunst, die vor mir sicher war, war die Musik, weil ich da nicht so sehr viel auf der Pfanne habe."
Robert Gernhardt 2002
Lange wird Gernhardt als "Nonsens-Lyriker" abgetan. Erst Anfang der 80er Jahre gelingt ihm der Durchbruch zum "anerkannten Gegenwartsliteraten", wie er voller Selbstironie bekundet. Dass er im Literaturbetrieb angekommen ist, belegen letztlich auch die unzähligen Preise, mit denen er ausgezeichnet worden ist. Beispielsweise der Deutsche Kinderbuchpreis 1983, zuletzt mit dem "Binding-Kulturpreis 2003" - zusammen mit Eckhard Henscheid, Hans Traxler und F.K. Waechter, mit dem das Lebenswerk der vier Satiriker geehrt wird. 1991 hat er das Stadtschreiberamt von Bergen-Enkheim inne.
 

Preisgekrönter Autor

Zitat

"Erfolg ist noch eine einigermaßen messbare Geschichte. Wenn sich ein Buch gut verkauft, dann ist es erfolgreich. Da gibt es bestimmte Parameter. Aber Ruhm ist eine wundersame Kategorie, die immer von Peinlichkeit behaftet ist, weil er einem zugeschrieben wird."
Robert Gernhardt 2002
Gernhardt schreibt Hörfunk-Sketche wie Fernsehfilme und Theaterstücke. Otto Waalkes hat er mit Sketchen und Drehbüchern für dessen Kinofilme auf die Beine geholfen. Als Texter und Zeichner hat er Kinder-, Katzen- und Cartoonbücher gemacht.

2002 hat er den Gedichtband "Im Glück und anderswo" veröffentlicht, 2003 "Berliner Zehner. Hauptstadtgedichte". 2004 ist er mit dem Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik und dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet worden.
 

Enge Verbundenheit mit dem hr

Robert Gernhardt war hr2 über mehr als drei Jahrzehnte hinweg eng verbunden. Gemeinsam gestaltet wurden Kabarett-Sendungen, Lesungen, CD-Aufnahmen – darunter die bekannte Weihnachtsgeschichte „Die Falle“ oder der „Tusch für Wilhelm Busch“ – sowie große Veranstaltungen im hr-Sendesaal, zuletzt zu seinem 65. Geburtstag.
 

Weiterführende Links und Audios

 
Redaktion: nrc
Bild: © dpa
Stand: 06.07.2006
 

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