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23.07.2012

450 Jahre Götz von Berlichingen

"So leck er mich..."

Zeitgenössischer Stich von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) am Fenster seiner Wohnung in Rom. (Bild:  picture-alliance/dpa)
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) am Fenster seiner Wohnung in Rom.
Frankfurts großer Sohn Goethe hat im "Götz" den beliebtesten Fluch der Deutschen verewigt. Aber er hatte weitere auf Lager: Ein wenig davon im Straßenverkehr - und aus der morgendlichen Rush Hour wird ein nationales Kulturerbe, um das uns die ganze Welt beneidet.
 
Von Rainer Dachselt

Kennen Sie das Faust-Zitat? Welches, fragen Sie zurück. Eben. Aber das Götz-Zitat kennen Sie sofort, obwohl Goethes "Götz von Berlichingen" ja auch kein kurzes Theaterstück ist. Für das historische Vorbild ist das tragisch: Der Reichsritter von Berlichingen war eine schillernde, hochinteressante Figur im Bauernkrieg. Er konnte mit einer raffinierten Armprothese Schwertkämpfe ausfechten. Das nutzt ihm alles nichts. In Erinnerung bleibt er der, der bei Goethe gesagt hat: "Leck mich im Arsch".
 

... das rechte Fluchen lehren

Dem Theaterstück geht es ähnlich. Es war Goethes Durchbruch damals, ein Aufsehen erregender Verstoß gegen alle möglichen Konventionen der Bühne. Die Nachwirkung aber lässt sich ganz knapp zusammenfassen: Goethe macht aus dem beliebtesten Fluch der Deutschen ein nationales Kulturerbe. Und als der große Lehrer des Volkes, der er nun mal ist, wollte er uns damit das rechte Fluchen lehren, was wir aber, wie immer, gründlich missverstanden haben.
 

Verschmitzt-verklemmt

Das klassische Bildungsbürgertum traute sich ja keineswegs an ein deutliches "Leck mich" heran, sondern sprach und schrieb verschmitzt-verklemmt etwa so: "Es kam zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf die Angeklagte dem Kläger das Götz-Zitat an den Kopf warf". So stand es im Gerichtsprotokoll und in der Zeitung. Und im Parlament hieß es: "Wir möchten auf die Forderungen unseres politischen Gegners mit Götz von Berlichingen antworten".
 

Beispiel nehmen an Götz von Berlichingen

Meine Herren, so hat Goethe das nicht gemeint, allerdings auch nicht so, wie wir es heute betreiben, einfach drauflos fluchen wie ein Bierkutscher in der Nachmittagssendung des Privatfernsehens. Wir sollen uns vielmehr ein Beispiel an Götz von Berlichingen nehmen, der es nämlich genau genommen so ausgedrückt hat: "Vor Ihro Kaiserlichen Majestät habe ich wie immer schuldigen Respekt, er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken."
 

Wirkungsvolle Irreführung

Ja, das ist einerseits recht mutig, aber andererseits auch raffiniert: kein plumpes Pöbeln, sondern eine Irreführung, ein respektvoll verhüllter Auftakt, auf den der nackte Hintern als Pointe umso stärker folgt. Begriffen hat das beispielsweise Joschka Fischer, der wie Götz wahrscheinlich nicht als Politiker, sondern als Urheber eines Zitates in die Geschichte eingehen wird. "Mit Verlaub, Herr Präsident" – bis dahin grinst er noch, der Gebauchpinselte - "mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!" Volltreffer!
 

Wo der Frosch die Locken hat

Das Prinzip lässt sich in jeder Situation anwenden: Nicht die Autoscheibe herunterlassen und mit rotem Kopf Unflätiges brüllen, sondern freundlich lächeln und erst mal so anfangen: "Wissen Sie, ich neige dazu, meine Partner im Straßenverkehr höflich und respektvoll zu behandeln" – da kommt schon ein Lächeln zurück und wir schlagen zu – "aber bei Ihnen mache ich aus naheliegenden Gründen eine Ausnahme: Arschloch!"

Das wird der Gescholtene so schnell nicht vergessen, denn Sie haben ihn nicht nur autofahrerisch, sondern auch rhetorisch klar gemacht, wo der Frosch die Locken hat und der Barthel den Most holt.
 

Hanswurst statt Götz

Wenn wir das drauf haben, sind wir auf einem guten Weg zu einer ganz neuen Schimpfkultur. Wir müssen nur noch eine gewisse Vielfalt in der Ausdrucksweise lernen, denn das im "Götz" noch einigermaßen originelle Hinterteil ist heute doch sehr abgenutzt. Und auch hier können wir von Goethe profitieren. Sein leider ziemlich unbekanntes Drama "Hanswursts Hochzeit" enthält eine Personenliste, die nur aus ausgesuchten Beschimpfungen besteht: Lauszippel, Grindschniepel, Saufaus, Vollzapf, Geischnabel, Hungerbarm, Schlüffel, Dreckfinke, Schnudelbutz und so weiter.

Nur ein wenig davon im deutschen Straßenverkehr, dann wird aus der morgendlichen Rush Hour ein nationales Kulturerbe, um das uns die ganze Welt beneidet.
 
Redaktion: nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 23.07.2012, 13:19 Uhr
 
 

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