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2.10.2012

DNB-Direktorin Schwens im Interview

"Man kann Google beneiden"

Ute Schwens (Bild: Deutsche Nationalbibliothek/Stephan Jockel)
Ute Schwens
Die Deutsche Nationalbibliothek feiert ihren 100. Geburtstag. Die Leiterin des Standortes Frankfurt, Ute Schwens, über Veränderungen durch die Digitalisierung, Konkurrenz durch Google Books und die Vergesslichkeit des Internets.
 
Video: Das Gedächtnis der Deutschen wird 100 4:34 Min
(© hr | hessenschau, 03.10.2012)
Am 3. Oktober 1912 gründeten der Börsenverein der Deutschen Buchhändler, die Stadt Leipzig und das Königreich Sachsen die "Deutsche Bücherei". 1945 kam der zweite Standort in Frankfurt hinzu - die "Deutsche Bibliothek", eine Art West-Pendant zur Deutschen Bücherei. Mit der Wiedervereinigung wurden beide Standorte zu "Die Deutsche Bibliothek" mit Sitz in Leipzig und Frankfurt.
 

Blick in die Deutsche Nationalbibliothek 

 
Klicken Sie auf ein Bild, um in die Galerie zu gelangen (8 Bilder)
 
2006 wurden die beiden Häuser in der "Deutschen Nationalbibliothek" (DNB) zusammengeführt. Ihr Auftrag ist es, alle in Deutschland publizierten Werke zu sammeln. Dazu kommen noch deutschsprachige Medien, die im Ausland veröffentlicht werden, und fremdsprachige Bücher über Deutschland. Der 100. Geburtstag der DNB wird am 2. Oktober mit einem großen Festakt in Leipzig gefeiert.

Im hr-online-Interview spricht die Leiterin des Standortes Frankfurt, Ute Schwens, über Veränderungen durch die Digitalisierung, Konkurrenz durch Google Books und die Vergesslichkeit des Internets.
 

Hintergrund

Der Bestand der DNB umfasst 27 Millionen Medieneinheiten, davon 21 Millionen Bücher, jeden Tag kommen ca. 1400 neue Medien hinzu. Der Bestand des Deutschen Musikarchivs umfasst rund 780.000 Notendrucke, 460.000 CDs und DVDs und 330.000 Schallplatten.
hr-online: Wer besucht in Zeiten von Google, Bing und Co. in die Deutsche Nationalbibliothek?

Ute Schwens: Genauso viele Menschen wie früher, auch die Zusammensetzung des Publikums ist gleich. Es sind natürlich viele Studierende und Professoren, aber auch viele Mitarbeiter der Privatwirtschaft – wie Architekten, Juristen oder Werbegrafiker.

Ihr Publikum hat sich in den vergangenen Jahren also nicht verändert? Auch nicht in der Altersstruktur?

Es hat sich kaum verändert, es kommen Menschen von 18 bis 100 Jahre, sage ich mal. Nach wie vor sind sehr viele junge Menschen darunter, was uns zeigt, dass Bibliotheken immer noch gebraucht werden. Wir haben einen riesigen Fundus und helfen beim Sortieren. Wenn Sie 12.000 Treffer bei Google angezeigt bekommen, werden Sie doch verrückt. Außerdem sind Bibliotheken immer noch Treffpunkte. Viele sagen: Wir arbeiten dort erst und treffen uns dann auf einen Kaffee.
 
Comic mit zwei roten Füchsen (Bild:  picture-alliance/dpa)
Hefte wie dieses waren lange Zeit nur noch über die DNB zugänglich...
Was sehen die Besucher bei Ihnen ein? Gibt es einen speziellen Trend?

Nein, es wird Queerbeet alles eingesehen. Für Grafiker sind zum Beispiel oft alte Zeitschriften interessant, die Werbung aus den 1950ern enthalten. Interessant ist auch, dass heute vieles historisch wertvoll ist, was früher als „Schund“ bezeichnet wurde – zum Beispiel Kiosk-Zeitschriften, die man früher gelesen und dann einfach weggeschmissen hat. Oder Comics. Die waren am Anfang eher verpönt, heute sind sie an Universitäten Seminarthema.

Sehen Sie ein Projekt wie Google Books als Konkurrenz oder Ergänzung an?

Ich sehe es als Ergänzung an. Man kann Google dafür beneiden, dass sie so forsch vorgegangen sind und so große Bestände digitalisiert haben. Allerdings sind sie etwas zu forsch vorgegangen. Ich bin eine vehemente Verfechterin des Urheberrechts. Wenn alles frei verfügbar ist, können Schriftsteller, Journalisten oder Künstler nicht mehr leben. Google brauchte einen Rahmen und die jetzige Regelung halte ich für gelungen (siehe Links am Ende der Seite, Anm. d. Red.). Dass die Bayerische Staatsbibliothek bei dem Projekt mitmacht, finde ich gut, weil es den Zugang zu altem Material erleichtert.
 

Information

Die Deutsche Nationalbibliothek ist eine reine Präsenzbibliothek. Die Bestände dürfen also nur im Lesesaal benutzt werden. Einen Benutzungsausweis erhält jeder, der das 18. Lebensjahr vollendet hat und einen amtlichen Ausweis vorlegt.
Plant Ihr Haus eine Zusammenarbeit mit Google?

Bei uns gibt es rechtliche Hürden. Da wir erst 1913 angefangen haben zu sammeln, haben wir nur wenige urheberrechtsfreie Materialien in unserem Bestand. Allerdings digitalisieren wir auch selbst, schon, um den Zugang zu altem Material zu erhalten – zum Beispiel zu Büchern, deren Papier kaputt geht oder zu alten CDs, die nicht mehr lesbar sind.

Wird es eine Art Online-Ausleihe geben?

Es ist schon erstrebenswert für uns, unseren registrierten Nutzern eine Möglichkeit zu geben, von zu Hause aus zu recherchieren. Allerdings müssen wir auch das Urheberrecht beachten. Bei uns in den Lesesälen können wir sicherstellen, dass nichts runter geladen und unerlaubt verbreitet werden kann. Bei unseren Nutzern zu Hause hätten wir da keine Kontrolle – daher ist unser digitaler Bestand normalerweise doch nur vor Ort nutzbar.
 

Hintergrund

Generaldirektorin: Elisabeth Niggemann

Direktor Leipzig: Michael Fernau

Direktorin Frankfurt: Ute Schwens

Nutzerbesuche: 225.408 im Jahr 2011

Zugriffe Online-Recherchen: 170 Millionen

Haushalt: 47 Millionen Euro (2011)
Wie gehen Sie mit Material um, dass nur noch digital erscheint – wie e-Books?

Unser Auftrag wurde 2006 erweitert, seitdem sammeln wir auch Online-Publikationen. Allerdings geht nicht alles von jetzt auf gleich. Abgeklärt und weitgehend automatisiert haben wir unsere Verfahren mit den Verlagen und ihren e-Books. Elektronische Zeitschriften haben wir bislang individuell bekommen, da werden in den kommenden Monaten automatisierte Verfahren aufgesetzt.

Wie sieht es mit Blogs und anderen Webseiten aus?

Was Blogs und andere Webseiten angeht, sind wir noch am Diskutieren. Klar ist, dass wir nichts allzu Privates wie Urlaubsfotos sammeln wollen. Anders sieht es mit Blogs von Personen des Öffentlichen Lebens aus, da denken wir, dass wir die sammeln müssen. Wir arbeiten mit Unternehmen zusammen, die Software und Services für Blogger anbieten. Daneben wollen wir demnächst einen Prototypen für ein Automatisierungsverfahren aufsetzen und regelmäßig erste Seiten von Behörden, größeren Vereinen oder Events wie Wahlen einsammeln. Wir sprechen uns auch mit anderen Nationalbibliotheken ab - bezüglich deren Erfahrungen und natürlich zu internationalen Geschehnissen. Es ist ja klar, dass nicht alle alles gleichermaßen archivieren können. Momentan wird mit Engagement die Frage 'Archivieren versus Vergessen' diskutiert, und das beobachten wir mit großem Interesse.
 

Information

Die DNB hält einige Rekorde, zum Beispiel hat der Standort Leipzig das kleinste Buch der Welt im Bestand. Josua Reicherts „Bilder-ABC“ ist 2,4 Millimeter hoch und 2,9 Millimeter breit. Die Buchstabenbilder des Typographen Reichert wurden auf japanisches Seidenpapier gedruckt und in Handarbeit in Leder gebunden.
Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Haben Sie ein Lieblingsstück in Ihrem Bestand?

(Lacht) Nein, ein Lieblingsstück habe ich nicht. Wir haben allerdings viele Sachen, die ich mir immer wieder ansehen kann, Künstlerbücher aus unserem Buchmuseum in Leipzig zum Beispiel. Oder unsere Exilsammlung in Frankfurt aus dem Zweiten Weltkrieg, darunter sind sehr bewegende Sachen. Man sagt ja, unser Bestand spiegelt die Geschichte Deutschlands wider – dafür liebe ich ihn in seiner Gesamtheit.

Das Interview führte Sonja Fouraté, hr-online.
 
Redaktion: sofo / uge
Bilder: © Deutsche Nationalbibliothek/Stephan Jockel (1), © picture-alliance/dpa (1)
Letzte Aktualisierung: 3.10.2012, 21:01 Uhr
 
 

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Maori (Bild:  picture-alliance/dpa)

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