Holger Ehling an seinem früheren Arbeitsplatz, der Frankfurter Buchmesse
Seit Jahren kämpfen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach um die Macht im Suhrkamp-Verlag. Gutes ist dabei nicht zu erwarten, befürchtet Holger Ehling, Journalist und früherer stellvertretender Direktor der Frankfurter Buchmesse.
Reputation ist für jede Firma eine feine Sache und jeder Firmenchef sollte sie pflegen, zumal, wenn es sich bei der Firma um einen Verlag handelt, der wie kein anderer zum Mythos geworden ist: der Suhrkamp-Verlag. Adorno, Habermas, Marcuse, Brecht, Handke, Hermann Hesse wenn die Bundesrepublik einen Olymp des Geistes hätte, dann bestünde er in der Versammlung der Suhrkamp-Autoren. Dieses Erbe wäre eigentlich Grund genug für die Besitzer des Verlags, tagtäglich ihr Möglichstes zu tun, um jeden Schaden zu vermeiden.
Seit Jahren aber setzen diese Besitzer alles daran, den Ruf des Suhrkamp-Verlags zu ramponieren. In der einen Ecke befindet sich die Siegfried und Ulla Unseld-Familienstiftung, angeführt von Ulla Unseld-Berkéwicz, die 61 Prozent der Verlagsanteile hält und verzweifelt darum bemüht ist, ihre Herrschaft zu verteidigen. In der anderen Ecke tänzelt als ehrgeiziger Herausforderer die Medienholding Winterthur von Hans Barlach, mit 39 Prozent der Verlagsanteile Minderheitsgesellschafter des Unternehmenes. Im Kampf der beiden Rivalen geht es um die Herrschaft über den renommiertesten Verlag der Republik. Dafür überzieht man sich gegenseitig mit Prozessen an die 20 Verfahren sollen derzeit anhängig sein.
Abberufung durch Gerichtsbeschluss
In einem der Verfahren ist jetzt ein drastisches Urteil gesprochen worden: Ulla Unseld-Berkéwicz und ihre beiden Mitgeschäftsführer werden auf Anordnung des Berliner Landgerichts von ihren Posten abberufen. Grund dafür ist die Tatsache, dass Frau Unseld-Berkéwicz ihre private Villa dem Verlag für Veranstaltungen zur Verfügung stellte und dafür eine saftige Miete einstrich. Das legt zumindest den Verdacht der Untreue nahe. Noch ist dieses Urteil nicht rechtskräftig und man kann sicher sein, dass Frau Unseld-Berkéwicz in die Berufung gehen wird.
Gefahr für den Verlag
Bis zur Entscheidung darüber dürfte locker noch ein weiteres Jahr ins Land gehen, und dann wäre die Causa natürlich lange noch nicht am Ende. Heillos zerstritten sind die Gesellschafter. Ein Zerbrechen des Verlags ist inzwischen eine echte Gefahr. Für das Programm droht derweil Stagnation: Welcher Erfolgsautor vertraut sich derzeit einem Verlag an, dessen Zukunft nicht absehbar ist.
Zum Nachteil aller
Für das Unternehmen wäre ein Rückzug beider Gesellschafter wohl die beste Lösung. Der Suhrkamp-Verlag mit seinem Programm wäre in der Obhut eines großen Verlagskonzerns in jedem Falle besser aufgehoben als bei den gegenwärtigen Besitzern.
Um eines deutlich zu machen: Um Sachfragen geht es bei dem Streit zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach schon lange nicht mehr. Es geht darum, welche dieser beiden schwierigen und machtbewussten Personen sich am Ende durchsetzt. Das alles ist zum Nachteil des Verlags, zum Nachteil der Autoren, zum Nachteil der Mitarbeiter und zum Nachteil der Leser. Gutes haben sie dabei alle nicht zu erwarten.